Das Gute liegt so nah

Diese Woche hatten es die Marktfrauen in Würzburg wirklich nicht leicht. Als ich am Dienstagmorgen mit dem Rad in die Innenstadt fuhr, zeigte das Thermometer minus sechs Grad. Schon nach zehn Minuten hatte ich das Gefühl, der Fahrtwind würde meine Ohren gleich absterben lassen (Eine Mütze wäre wohl eine gute Idee gewesen, aber was man nicht im Kopf hat…). Die Verkäuferin am Stand des Biohofs lud mich ein, in ihr kleines „Zelt“ zu kommen. Im Inneren sorgte ein Wärmestrahler für annehmbare Temperaturen.

„Wir brauchen eine nachhaltige, regional angepasste Landwirtschaft. […] Das spart alles Energie, drückt Transportkosten und Preise. Diese Veränderung hin zu kleinbäulicher und lokaler Anbauweise ist ein globales Zukunftsthema. […] Die Verbraucher müssen sich ebenfalls ändern. Wir brauchen eine neue Art des Konsums. […] Wir müssen wieder einen Bezug zur Nahrung herstellen. Wer heute im Supermarkt einkauft, hat keine Ahnung, was er isst.“  (José Graziano da Silva, der neue Chef der Uno-Hilfsorganisation FAO, im aktuellen Spiegel-Interview über die Bekämpfung des Welthungers)

Alles andere als gemütlich

„Hier lässt es sich doch aushalten, oder?“ lächelte sie. „Ja, es geht“, antwortete ich und musste an den Hofladen meiner Eltern denken, wo es im Winter mitunter auch alles andere als gemütlich ist. Bei meinen Kurzeinsätzen an Weihnachten konnte ich mich davon immer selbst überzeugen. Warum also nicht in den warmen Supermarkt gehen? Da muss man wenigstens nicht verzweifelt versuchen, mit Handschuhen das Kleingeld aus der Geldbörse zu fischen – eine schwierige Angelegenheit.

Warum in die Ferne schweifen?

Ganz einfach: Meine Bequemlichkeit ist anscheinend nicht stark genug, um die vielen Argumente pro Markteinkauf zu besiegen. Ich versuche, regional und saisonal einzukaufen – und im Supermarkt gelingt mir das insbesondere in der kalten Jahreszeit so gut wie gar nicht. Zwar gibt es ein paar deutsche Produkte, aber die Möhren, Champignons und Wirsingköpfe kommen dann eben doch aus Thüringen oder Niedersachsen. Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Auf dem Markt kann ich frisches Gemüse direkt vom Feld kaufen – und das ist (nicht nur) in meiner veganen Küche unverzichtbar.

Besonderes „Flair“

Da ich fast jeden Abend selbst koche (vegane Fertiggerichte halten sich ja wahrlich in Grenzen), weiß ich genau, was in meinem Kochtopf landet. Und dass mein Gemüse aus der Nähe kommt, macht nicht nur Sinn, sondern schmeckt auch noch besser. Mal ganz abgesehen davon, dass der Einkauf auf dem Markt irgendwie ein besonderes – ich nenn es mal – „Flair“ hat, kann ich sicher sein, dass mein Rosenkohl keine lange Reise hinter sich hat und auf Autobahnen die halbe Bundesrepublik oder gar ganz Europa durchquert hat. Völlig unnötig!

Neue Entdeckungen

Schöner Nebeneffekt: In diesem Winter habe ich mindestens drei Gemüsesorten entdeckt, die ich vorher noch nie probiert hatte – und das, obwohl ich selbst aus der Landwirtschaft komme. So habe ich zum ersten Mal Pastinaken, Erd- und Schwarzkohlrabi gekocht und auch rote Beete für mich entdeckt, die ich zu Hause jahrelang verschmäht habe. Warum? Keine Ahnung. Wenn die Auswahl kleiner wird – und das ist im Winter nun mal so – greift man halt bei jedem Gemüse zu, dass noch im regionalen Angebot ist.

Auch Konsequenzen bedenken

Klar, die Abwechslung ist zur Zeit nicht besonders groß. Aber, mal ehrlich, brauchen wir wirklich ganzjährig das gleiche große Angebot? Ich finde nicht (siehe auch „Ein froher Verzicht„).Wir haben uns einfach daran gewöhnt, immer alles haben zu können. Eine schreckliche Erwartungshaltung, die sich kaum um die Konsequenzen dieses Konsums schert: klimaschädlicher Transport, Land Grabbing, Wasserverschwedung und so weiter. (Das gleiche trifft auch auf Fleisch- und Milchprodukte zu. Sie sind da, sie sind billig, also wird’s gekauft…) Ich sage nicht, dass ich gar nichts mehr im Supermarkt kaufe. Manchmal schaffe ich es nicht zum Markt oder kaufe (immerhin fair gehandelte) weit gereiste Bananen statt heimischer Äpfel oder Birnen.

Es geht mir auch nicht darum, globale Handlungsketten in ihrer Gänze in Frage zu stellen, aber ein gewisses Maß würde uns nicht schaden – ebenso wenig wie ein größeres Interesse an der Herkunft unserer Lebensmittel. Nur so lernen wir wieder, sie wertzuschätzen und bewusst zu verwenden. Wer nur ein kleines bisschen Zeit investiert, wird feststellen, dass es sich auch regional gut leben lässt – ganz egal, ob man Veganer ist oder nicht.

Neuer Saisonkalender

Allerdings: Die nächsten zwei Monate werden noch härter. Langsam gehen die gelagerten Produkte aus und die nächste Ernte dauert noch. Das zumindest kündigt der Saisonkalender der Regierung von Unterfranken an, der letzte Woche in der Zeitung lag. Meine Mitbewohner und ich waren ganz begeistert: Ein neues Plakat für unsere Küche – und dann auch noch ein halbwegs sinnvolles. Eine gute Idee, wie ich finde. Vielleicht erreicht sie ja den ein oder anderen…

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4 Kommentare zu “Das Gute liegt so nah

  1. ich find die Abwechslung im Moment ehrlich gesagt immer noch ziemlich groß: Kohl-, Wurzel- und Knollengemüse en masse, Kürbisse gibt es auch nocht, Äpfel und Birnen als Obst.
    wenn man sich durch das ganze regional-saisonale sortiment essen will, dann ist man ne weile beschäftigt ^^

  2. Die sind ja hart im Nehmen :o) Bei kommt unter 2 Grad kein Biobauer :o( aber das liegt wohl auch daran, dass dann zu wenig Leute zum einkaufen kommen

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