Grenzen des Luxus

Zum Glück steigt offensichtlich die Zahl der Menschen, die sich Gedanken über ihr Konsumverhalten und dessen Folgen machen. Zwangsläufig stoßen sie irgendwann auf die Frage: Ja, aber was kann ich tun? Als Einzelner?

Zahlreiche Initiativen und Organisationen haben es sich zur Aufgabe gemacht genau darüber aufzuklären. Zuletzt wurde ich auf ein sehr gelungenes Beispiel aufmerksam: Den Nachhaltigen Warenkorb. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung erläutert darin sehr ausführlich, was einen bewussten Einkauf ausmacht – und das nicht nur im Supermarkt, sondern auch beim Autohändler, im Reisebüro und im Elektrogeschäft. Ein Rundumschlag also.

Argumente gegen Fleisch

Klar, dass in der Broschüre auch das Thema Fleisch nicht fehlen darf. Die Experten empfehlen, Fleisch als Delikatesse zu betrachten, die nur selten auf dem Speiseplan stehen sollte. Und wenn, dann bitte das Biofleisch aus der Region – auch wenn es teurer ist. Der Verweis auf die Treibhausgase, die bei der Produktion entstehen, ist leider die einzige Begründung für diesen Schritt. In Anbetracht der Dringlichkeit des Klimaproblems genügt eigentlich schon dieser Aspekt, um seinen Fleischkonsum einzuschränken. Trotzdem gäbe es natürlich noch zahlreiche weitere Argumente, wie den Schutz der Umwelt, die Verschwendung wichtiger Ressourcen und die weltweit gerechte Verteilung von Lebensmitteln. Aber da die Broschüre versucht, so viel Themen wie möglich aufzugreifen, verzeihe ich ihr gerne diese Kürze.

Ernährung fällt unter den Tisch

Natürlich befürworte ich, wenn Menschen diesen Rat ernst nehmen und tatsächlich versuchen, weniger Fleisch zu essen. Zwei halbe Vegetarier sind schließlich ein ganzer und haben somit den gleichen positiven Effekt. Außerdem ist diese langsame Veränderung wohl für viele leichter zu akzeptieren, wenn sie sich schon einschränken müssen. Trotzdem frage ich mich, ob das reicht. In der Klimadiskussion fällt das Ernährung viel zu häufig unter den Tisch. Mir scheint es, als ob die ganze Welt nur über Energiesparlampen und Elektroautos diskutiert. Ich will nicht sagen, dass die Tierhaltung wichtiger ist als Themen wie Energie und Transport. Aber bei unserer Ernährung anzusetzen, wäre eine leichte und schnell realisierbare Möglichkeit, einen Beitrag zu den drängenden Problemen der Erde zu leisten.

Ein reines Luxusprodukt

Die Empfehlung, weniger Fleisch zu essen, bleibt meiner Meinung nach deutlich hinter dem Möglichen zurück. In der öffentlichen und politischen Diskussion sollte die Tierhaltung eine größere Rolle spielen. Zumal es keinen objektiven Grund gibt, Fleisch zu essen. Es geht um ein reines Luxusprodukt, auf das viele nicht verzichten wollen. Wer fordert, die Produktion von tierischen Lebensmitteln einzuschränken oder gar ganz abzuschaffen, macht sich in der Öffentlichkeit unbeliebt. Denn zu viele sehen das als Eingriff in ihre private Sphäre. Essen wird von vielen immer noch als rein persönliche Entscheidung betrachtet. Dabei ist das heute, angesichts der weitreichenden Auswirkungen, alles anderes als zeitgemäß.

Auf die Tagesordnung rücken

Wegen dieser Auswirkungen habe ich vor knapp einem Jahr beschlossen, mich vegan zu ernähren. Meine Entscheidung hat zunächst einmal keinen großen Einfluss, schließlich bin ich nur einer von zig Tausenden Konsumenten. Und obwohl mir das durchaus bewusst ist, kann ich nicht anders. Meine Überzeugung und mein Gewissen würden es nicht mehr zulassen, eine Packung Schinken zu kaufen. Und ich denke, es braucht Menschen, die diesen Weg konsequent gehen, um sowohl in ihrem Umfeld als auch im Großen Ganzen zumindest eine kleine Veränderung herbeizuführen. So gewinnt das Thema an Bedeutung und rückt auf die Tagesordnung.

Keine Privatsache

All das wird von persönlichen Entscheidungen getragen. Und so ein Umdenken freut mich natürlich. Aber ich schätze, damit ist es leider nicht getan. Zu viele Menschen werden von sich aus keine Veränderung vornehmen. Deshalb müsste auch die Politik eingreifen. Eine Steuer auf Fleisch oder ein Verbot der Massentierhaltung sind nur zwei Beispiele – so unrealistisch sie bisher auch sein mögen. Ein starke Lobby und das Luxusdenken der Bevölkerung stehen solchen Bemühungen im Weg. Es scheitert ja aktuell schon daran, Baurechts-Privilegien für Massentierhalter abzuschaffen. Aber in Anbetracht der Tatsache, welche Folgen unser Konsum hat, sollte man meiner Meinung nach nicht vor einem solchen Eingriff zurückschrecken. Denn der Verzehr von Fleisch hat eben nicht nur eine private Dimension. Persönlicher Genuss und Entscheidungsfreiheit muss an dieser Stelle hinter den globalen Anforderungen zurücktreten.

Dematerialisierung des Konsums

Das gilt im Übrigen nicht nur für Fleisch. Unser Lebensstil muss sich im Ganzen ändern. Das sagt auch Franz Josef Radermacher, Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europas und Mitglied des Club of Rome. Vor kurzem habe ich einen tollen Vortrag von ihm in Würzburg gehört. Unter dem Titel „Können wir die Welt ändern?“ sprach er jetzt mit einem Magazin über einen möglichen wirtschaftlichen Wandel, der endlich wieder andere Werte in den Vordergrund des Zusammenlebens rückt. Eine Vision, mit der ich mich anfreunden könnte.

„Frage: Werden wir unseren Lebensstil ändern müssen?

Radermacher: Ja, denn um die 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050 ernähren zu können, werden wir den weltweiten Wohlstand verzehnfachen müssen, dürfen dabei aber nicht mehr Ressourcen verbrauchen und nicht mehr Umweltbelastungen erzeugen als heute. Wir müssen unsere Ressourcen effizienter nutzen und vor allem unseren Konsum „dematerialisieren“: Von dem, was viel Material verbraucht, werden wir uns weniger und von dem, was wenig Material verbraucht, mehr leisten können – Dinge wie Lebensqualität, Kunst und Spiritualität.

Frage: Inwiefern trägt die Dematerialisierung zu unserem Wohlstand bei?

Radermacher: Es geht um andere Arten von Konsum und um langfristige Stabilität. Glücklicherweise existieren jenseits des wirtschaftlichen Wettbewerbs weitere Antriebskräfte: Kooperations- und Empathiefähigkeit sowie die Suche nach Sinn. Der Wettbewerb hat dabei potenziell eine positive Funktion. Richtig verstandener Wettbewerb ist oft ein geeignetes Mittel zur Steigerung von Kooperation und Motivation – es kommt erneut auf die richtigen Regeln an.“

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10 Kommentare zu “Grenzen des Luxus

  1. Das alles reicht leider nicht. Unser Planet geht zugrunde und es ist unsere eigene Schuld. Zwei halbe Vegetarier helfen weder den Tieren, noch der Umwelt.
    Aber das stärkt mich in meiner Konsequenz nur. Je weniger die anderen nachdenken umso mehr denke ich nach, darüber was ich noch tun kann, was ich noch verändern kann und darüber wie die anderen darauf aufmerksam machen kann.

  2. „Aber bei unserer Ernährung anzusetzen, wäre eine leichte und schnell realisierbare Möglichkeit, einen Beitrag zu den drängenden Problemen der Erde zu leisten.“
    Damit wäre schon enorm viel getan, aber gerade das dürfte alles andere als leicht werden. Man sagt ja nicht ohne Grund „Liebe geht durch den Magen“. Aber vllt. geht es eben letztlich nur über Zwang. Denn die Folgen des Fleischkonsums sind ja auch nicht privat, sondern müssen von der Allgemeinheit ertragen werden.

    „Dematerialisierung des Konsums“ – gefällt mir sehr gut. Werd ich vllt. eines Tages klauen und als meine Idee ausgeben ;-).

  3. @keinewohlstandsmade

    Wohlstandsmade hat mich auch noch niemand genannt – immer mal was Neues.
    Ist nur die Frage, wer es sich von uns beiden im Wohlstand gemütlich macht, wenn er Fleisch als Grundnahrungsmittel betrachtet. Es ist sehr wohl ein Luxusprodukt – man schaue nur, wer es konsumiert und wer nicht (Industrieländer/Entwicklungsländer). Fleisch kann sich bei weitem nicht jeder leisten. Und eigentlich können wir es uns alle aufgrund der ökologischen Kosten schon lange nicht mehr leisten.
    Über Fake-Fleisch kann man streiten. Fakt ist aber, dass es weniger schlechte Auswirkungen hat – und zeigt, das Fleisch nicht zwingend notwendig ist.

  4. Für mich wirkt das alles wie ein großes Wettrennen: Wir leben unseren nicht nachhaltigen Lebensstil ja jetzt schon auf Kosten der Entwicklungsländer, die wird es immer zuerst und am härtesten treffen. Und wir machen fröhlich weiter und hoffen einfach dass schon irgendwer was erfinden wird, was das Problem (scheinbar) löst ohne dass wir irgendwas ändern müssen. Da werden die verrücktesten Experimente gemacht um was gegen die Klimaerwärmung zu tun, da wird Fleisch aus dem Reagenzglas erfunden, alles nur, weil keiner hören will, dass wir eigentlich uns ändern müssen.

    • Jane, du hast es genau getroffen. Ich frage mich auch oft, wie es sein kann, dass wir darauf warten, dass die Politik die Umweltverschmutzung stoppt, während der Konsument weiter mit Plastiksackerl aus dem Supermarkt geht und sein Essen ungeöffnet in den Müll wirft.
      Aber irgendjemanden wird schon etwas einfallen… Das ist alles sinnlos, wenn kein Umdenken in der Bevölkerung stattfindet. Hier versagt die Politik, die Medien und leider auch der gesunde Menschenverstand.

  5. @Jane: Danke für die Links. Sehr interessant! Du hast natürlich Recht. Mein letzter Kommentar war auch eher ironisch gemeint bzw. aus Sicht derer geschrieben, die sich nicht betroffen/zuständig fühlen. Ich glaube nicht, dass sich hier in den Industrieländern viele vom Klimawandel oder von der Umweltzerstörung bedroht fühlen. Erst gestern hab ich im Spiegel einen Artikel über die „German Angst“ gelesen. Ein sehr passendes Zitat daraus:
    „Über den Tellerrand schaut er (der Deutsche) für gewöhnlich nur dann, wenn das Problem auf seinem eigenen Teller landen könnte.“ Der Klimawandel beängstigt nach der zugrunde liegenden Studie die Deutschen so gut wie gar nicht.

    • Ahso, die feine Ironie ist mir dann doch entgangen :)

      Ja, da hat du Recht. Warum sollte es auch jemanden ängstigen? Wir selber sind ja tot bis es uns persönlich trifft. So haben sicherlich die bisherigen Generationen schon gedacht. Und nun heißt es, dass in weniger als 50 Jahren zum Beispiel alle gefischten Arten ausgelöscht sein werden (http://vimeo.com/27150005) In weniger als 50 Jahren! Für die, die Kinder haben, bedeutet das inzwischen schon was. Oder?

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