Ohne Mampf, kein Kampf

Auf den ersten Blick sah es nicht nach Luxus aus. Ein kahler Raum mit großen Fenstern, die Tische und Stühle waren in einer Ecke gestapelt. Ein paar Matratzen, die offensichtlich ihre besten Jahre schon hinter sich hatten, lagen herum. Wann der Boden das letzte Mal einen Wischmopp gesehen hatte, wusste ich nicht. Egal.

Ich legte mein Gepäck ab: Isomatte, Schlafsack, Reiserucksack. Das Zelt, das ich mir eigens für dieses Wochenende besorgt hatte, kam wider Erwarten nicht zum Einsatz. Für die nächsten zwei Nächte wurde das Studierendenhaus auf dem Frankfurter Campus mein Zuhause. Toiletten und Waschbecken waren zwar rar, aber vorhanden. Duschen leider nicht. Wie gesagt, normalerweise sieht Luxus anders aus. Trotzdem hätte kein Fünf-Sterne-Hotel der Welt dieser Unterkunft das Wasser reichen können.

Eine spannende Mischung

Zu dritt waren wir aus Würzburg angereist, um in Frankfurt an der internationalen Aktionskonferenz teilzunehmen. Hier sollten die Proteste für das kommende Frühjahr geplant werden. Insgesamt waren rund 400 Aktivisten vor Ort. Die meisten kamen aus Deutschland, einige aber auch aus Griechenland, Spanien und Italien. Noch vielfältiger waren die unzähligen Organisationen, die vertreten waren: Von Attac und Verdi über Occupy und Echte Demokratie Jetzt! bis hin zu Initiativen von Erwerbslosen und Flüchtlingen. Auch Vertreter der Linken und der grünen Jugend waren dabei. Eine spannende Mischung.

Wille zur Veränderung

Trotz aller Unterschiede war klar, dass alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit – politisch, sozial und ökonomisch. Im Plenum, in Workshops und Diskussionen versuchten wir, diesen Wandel zu skizzieren und voranzutreiben. Doch auch fernab vom offiziellen Programmablauf – in den Pausen, beim gemeinsamen Frühstück oder am abendlichen Lagerfeuer – war der Wille zur Veränderung allgegenwärtig.

Verpflegung rund um die Uhr

Während der gesamten Konferenz gab es fast ausschließlich veganes Essen. Eine Volxküche (kurz: VoKü) versorgte uns rund um die Uhr – und das vom aller feinsten. Es schmeckte einfach grandios, egal ob Couscous mit Gemüseeintopf, Nudeln mit Bolognese, Linsen-Möhren-Suppe oder einfach nur Brot mit Humus auf der Speisekarte stand. Dazu gab es Kaffee und Tee so viel man nur wollte. Finanziert wurde das ganze durch Spenden – die natürlich niemand kontrollierte. Das war auch nicht nötig, denn ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass so gut wie niemand das Angebot ausgenutzt hat. Schließlich stand über der gesamten Konferenz das Motto „Solidarität“.

Ein Hoch auf die VoKü

Das Essen der VoKü war für mich der pure Luxus – ebenso wie die Selbstverständlichkeit, mit der ohne tierische Produkte gekocht wurde. Schon allein das brachte mich ins Grübeln. Zwar überraschte es mich nicht, dass gerade auf einer solchen (sagen wir mal ziemlich linksorientierten) Konferenz Veganismus hoch im Kurs steht. Aber auf der anderen Seite fragte ich mich, warum Veganer es in der Gesellschaft immer noch so schwer haben. Die VoKü bewies zweifellos, wie einfach es ist, auf Tierprodukte zu verzichten, trotzdem lecker zu kochen und dabei auch noch mehrere hundert Leute satt zu machen. Beschwerden? Fehlanzeige.

Veganer als Vorbild

Stattdessen sorgte der Speiseplan für so manches tiefgründige Gespräch. Eines ist mir besonders in Erinnerung geblieben – und zwar mit Robert, einem Occupy-Aktivist aus Berlin, der früher als Fleischer gearbeitet hatte. Inzwischen ist er Rentner und bewundert Veganer. Er wäre gerne selbst einer, hat den Schritt bisher aber noch nicht ganz geschafft – zu seinem eigenen Bedauern. Es war das erste Mal, dass jemand zu mir sagte, ich sei sein Vorbild. Mein Ego fand das natürlich klasse. Aber nicht nur das. Es stärkte meine Motivation und meine Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein. Nach meiner eher negativen Erfahrung an Karneval tat mir das richtig gut. Zumal es ein sehr authentisches Lob war von jemandem, der einen ganz besonderen Anspruch im Leben hat.

Persönliche Schadensminimierung

Robert versucht so zu leben, dass er möglichst wenigen Menschen schadet. Ein interessanter Gedanke. Zwar kamen wir schnell zu dem Ergebnis, dass man in unserem jetzigen System immer jemandem schadet, weil wir ständig auf Kosten anderer leben (seien es die Menschen in den Entwicklungsländern oder auch die nachfolgenden Generationen). Und trotzdem waren wir uns einig, dass wir diesen Schaden in unserem Leben so klein wie möglich halten wollen. Schwierig ist das in vielerlei Hinsicht, nicht nur im Bezug auf vegane Ernährung. Negativ ausgedrückt, heißt Schadenreduzierung nämlich erst einmal Verzicht. Doch es gibt eine positive Seite, die viele nicht erkennen: Robert nannte es seinen Gewinn. Hinterfragt und ändert man das eigene Verhalten, den täglichen Konsum und die persönliche Lebenseinstellung, kann man nämlich vor allem eins gewinnen: Zufriedenheit.

Der Wandel ist möglich

Robert sind die Probleme der Welt bewusst. Sie bestürzen und beschäftigen ihn. Trotzdem strahlt dieser Mann eine angenehme Ruhe aus. Es ist wohl die Gewissheit, dass sich etwas ändern kann und dass sich etwas ändern wird – und zwar zum Guten. Die Begegnung mit Robert war für mich – wie viele andere Gespräche auf dieser Konferenz – unglaublich wertvoll. In einem Fünf-Sterne-Hotel hätte sie wahrscheinlich gar nicht erst stattgefunden. Luxus ist eben Ansichtssache.

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3 Kommentare zu “Ohne Mampf, kein Kampf

  1. also für mich bist du auch ein bisschen ein vorbild – du bist noch nicht lange veganerin, bist aber total gut informiert, denkst über das nach was du tust, wie du auf andere wirkst und wo du dich verbessern kannst, und du schreibst reflektiert und so dass es wirklich interessant zu lesen ist.

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