Geduld ist eine Tugend

Es war wirklich ein schönes Bild – und ein gutes Gefühl. Letzten Sonntag zogen wir mit rund 300 Demonstranten durch die Würzburger Innenstadt, um uns mit den Asylbewerbern zu solidarisieren, die vor zehn Tagen in den Hungerstreik getreten sind. Mit lauten Samba-Rhythmen ging es im strahlenden Sonnenschein durch die Stadt. Im Grunde war die Demo zu schön für den traurigen Anlass. Aber sie hat ihren Zweck erfüllt, denn sie hat Aufmerksamkeit erzeugt – und das ist schwierig genug.

Mittel der Mobilisierung

Womit wir beim Thema wären: Was braucht man, um (möglichst viele) Menschen zu mobilisieren? Was muss man tun, damit sie zumindest für einen kurzen Moment ihren Alltagstrott verlassen und die Augen öffnen für Missstände – sei es vor der eigenen Haustür oder am anderen Ende der Welt?

Eigentlich nervt es mich, diese Fragen überhaupt stellen zu müssen. Vielleicht betreffen uns nicht alle Probleme persönlich und unmittelbar, aber gehen sie uns deshalb nichts an? Es kann uns doch nicht egal sein, wenn massenhaft Menschen an Hunger oder im Krieg sterben. Es kann uns doch nicht egal sein, dass die Erde – unsere Existenzgrundlage – tagtäglich ausgebeutet und zerstört wird. Es kann uns doch nicht egal sein, dass Geld in unserer Gesellschaft zum wichtigsten Wert geworden ist und alles andere auf der Strecke bleibt.

Es kann uns nicht egal sein. Zumal wir oft in irgendeiner Weise auch eine Verantwortung dafür tragen. Und trotzdem ist es oft unglaublich schwer, Menschen dafür zu interessieren – geschweige denn, sie zu eigenen Gedanken und Handlungen zu motivieren.

Sind die Probleme zu weit weg?

Ich denke, das sind sie nur auf den ersten Blick. Es ist nicht nur eine Frage der Betroffenheit, sondern vielmehr eine Frage des Willens. Wie nah lasse ich Dinge an mich heran? Bin ich bereit, mich mit unschönen Angelegenheiten auseinandersetzen oder verschließe ich lieber die Augen? An Informationen mangelt es nicht – und oft wird man auch mit der Nase darauf gestoßen.

Sind es zu viele Probleme?

Natürlich gibt es unendlich viele Baustellen, an denen man gleichzeitig ansetzen müsste: Menschenrechte, Frieden, Umweltschutz, Bekämpfung von Armut und Hunger… Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Eigentlich ist es kein Wunder, dass die Menschen genervt abwinken, wenn sie mal wieder mit irgendetwas „belästigt“ werden. „Es ändert sich doch eh nichts“ lautet oft das Totschlagargument. Und angesichts der weltweiten Probleme kann ich diese Einstellung auch irgendwie verstehen. Aber auch nur fast: Die Geschichte hat gezeigt, dass Veränderungen möglich sind. Nichtstun und Abwarten haben aber dabei aber noch nie geholfen.

Sind die Themen zu abschreckend?

Wie müssen wir unsere Anliegen verpacken, damit andere Menschen sich mit ihnen auseinandersetzen? Diese Frage stellte sich zum Beispiel beim Titel für die nächste Attac-Sommerakademie (Infos folgen bald). Natürlich wünschen wir uns viele Besucher. Aber kann es sein, dass wir einen beinahe lustigen Slogan wählen, wenn es um ernste Themen geht? Eigentlich kann es doch nicht sein, dass es einen unterhaltsamen Aufhänger braucht, um Menschen für sich zu gewinnen, oder?

Gleiches gilt für die Aktionen rund um den Hungerstreik in Würzburg. Müssen wir uns andere Protestformen ausdenken, damit die Würzburger stehen bleiben? Ist eine Demonstration wirklich schon zu viel verlangt? Kommen sie eher zu einer Filmvorführung oder einem Konzert, weil sie dort erst einmal nicht aktiv werden müssen?

Die harte Realität

Bei der Demonstration am Sonntag hatte ich das Gefühl, es tut sich was – und das war nicht das erste Mal. Verlasse ich allerdings dieses aktive Umfeld, verabschiedet sich dieser Optimismus mitunter schnell. Dann treffe ich Menschen, die keinen Gedanken daran verschwenden, was beispielsweise die Würzburger Asylbewerber in den Hungerstreik getrieben hat. Die einfach völlig andere Dinge auf ihrer Tagesordnung stehen haben als Globalisierung, Armut oder Demokratieabbau.

Was muss, das muss

Im ersten Moment ist das ziemlich enttäuschend und demotivierend. Als wären all meine positiven Erfahrungen nichts wert. Als würden sie rein gar nichts ändern. Aber auf der anderen Seite sind solche Begegnungen wichtig. Denn so muss ich mich immer wieder kritischen Fragen stellen und Antworten darauf finden. Ich muss Wege finden, anderen Menschen meine Anliegen verständlich zu machen. Und meine Argumentation immer wieder überprüfen.

Geduld ist eine Tugend – dieser Satz nervt mich schon mein Leben lang. Und angesichts der drängenden Probleme ist es wirklich schwierig, immer wieder zu diskutieren, zu rechtfertigen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber anders geht es wohl nicht. Und auch Fragen nach dem richtigen Slogan oder der ansprechendsten Protestform werden dabei immer wieder auftauchen. Sei’s drum. Wenn es andere Menschen motiviert, mache ich mir darüber gern Gedanken. Schließlich kann es erfolgreich sein – so wie letzten Sonntag.

„Denn es spielt keine Rolle, wie gering die Anfänge zu sein scheinen. Was einmal wohlgetan ist, ist für immer getan.“ (Henry David Thoreau)

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4 Kommentare zu “Geduld ist eine Tugend

  1. Genau wie man nur so und so viele Menschen um sich herum erträgt (deswegen hat auch jeder zweite Kopfhörer auf in der Straßenbahn), kann man nur so und so viele Probleme mit sich rumtragen. So ist es völlig natürlich, sich erstmal um das Nächstliegende zu sorgen (wie kriege ich was zu Essen auf den Tisch, wie bringe ich meinem Mann bei, dass ich mich scheiden lassen will, wie komme ich an einen Kindergartenplatz). Manche Leute haben so viel auf dem Plan, dass sie einfach nicht noch mehr ertragen können. Aber das ist nur ein Teilgrund, es hat auch was mit dem eigenen Horizont zu tun. Viele sind noch nie auf die Idee gekommen, über den Tellerand zu schauen oder irgendwas in Frage zu stellen.

  2. Liebe Regine,

    mich motiviert es nicht nur, wenn und dass (Menschen wie) Du sich u. a. Gedanken über Fragen nach dem richtigen Slogan oder der ansprechendsten Protestform machen, sondern dass sich überhaupt Gedanken gemacht werden!

    Gedankenlosigkeit ist eines der Hauptübel unserer Gesellschaft, wobei man dafür noch Verständnis haben kann, wenn die Gedankenlosigkeit psychohygienisch motiviert ist. Darüber hinaus ist sie aber meistens noch gepaart mit Egoismus, und dagegen kommt man kaum noch an.

    Leider ist es in unserer Gesellschaft wohl so, dass erst dann, wenn Gedankenlosigkeit und Egoismus sich auf allen möglichen Ebenen auch kurzfristig weniger „lohnen“ als bewusster Altruismus, ein Umkehrungsprozess (und damit eine echte Chance zur „Rettung der Welt“) einsetzen dürfte.

    Mit hoffnungsvollen Grüßen, PD

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