Aus den Augen, aus dem Sinn

Es könnte so einfach sein. Die Demonstration am Wochenende mit anschließender kalten Volxküche („Vokü“) hat es mal wieder bewiesen: Die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu schauen ist da. Aber sie muss geweckt werden. Von alleine gehen viele Menschen die offensichtlichen Probleme im Alltag nicht an. Oft müssen sie erst mit der Nase drauf gestoßen werden, damit sie ihr eigenes Handeln in Frage stellen – und am besten liefert man den passenden Lösungsvorschlag gleich mit dazu.

 Aufmerksamkeit erregen

Der öffentliche Hungerstreik der zehn iranischen Asylbewerber in Würzburg, das Solidaritätscamp nebenan, die Demonstrationen durch das geschäftige Wochenendtreiben und auch die vegane Volxküche – sie alle haben eins gemeinsam: Sie erregen Aufmerksamkeit. Mitten in der Stadt, mitten unter den Menschen. Natürlich können die Passanten einfach weiter gehen. Sie können mit dem Kopf schütteln und ins nächste Geschäft gehen und sorgenlos weiter ihrem Konsum frönen. Aber erstens reagieren zum Glück nicht alle so und zweitens bin ich sicher, dass auch bei den Kritikern zumindest ein paar Gedanken im Hinterkopf bleiben.

 Missstände werden greifbar

Bei der Demo am vergangenen Wochenende betonte eine der Rednerinnen, wie wichtig es sei, dass die Iraner den Problemen der deutschen Asylpolitik ein Gesicht geben. Mit ihrem Protest stehen sie für die menschenunwürdigen Lebensbedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften, für die vielen Steine, die ihnen die Bürokratie in den Weg legt und für die Art und Weise, wie Deutschland mit Flüchtlingen umgeht. All diese Missstände werden plötzlich greifbar. Sie treten dank des öffentlichen Protests in Erscheinung.

Außerhalb unseres Blickwinkels

Ich möchte nicht wissen, wie vielen Menschen vor dieser ganzen Aktion nicht einmal bewusst war, dass es in Würzburg eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber gibt – geschweige denn, was dort vor sich geht. Die ehemalige Kaserne liegt außerhalb der Stadt, sie liegt außerhalb unseres Blickwinkels. Kontakt findet nur mit Freiwilligen statt, die die Probleme bereits kennen. Das mag hilfreich sein für diejenigen, die gerne vor bestimmten Dingen die Augen  verschließen. Die räumliche Entfernung macht es einem leicht, Missstände zu ignorieren.

Ignorieren ist unmöglich

Doch die Iraner haben den Würzburgern einen Strich durch die Rechnung gemacht: Plötzlich sitzen sie mitten in der Innenstadt und beharren auf ihren Rechten. Sie zeigen, was schief läuft – nur wenige Kilometer von uns entfernt, vor der eigenen Haustür. Plötzlich lässt sich das Problem nicht mehr ignorieren, weil es (zu Recht) den öffentlichen Raum erobert.

Wink mit dem Zaunpfahl

Einen solchen Wink mit dem Zaunpfahl braucht es wohl immer, wenn sich in der Gesellschaft etwas ändern soll. Das gleiche gilt für die Occupy-Bewegung, die sich seit Monaten auf öffentlichen Plätzen breit macht und damit ein sichtbares Zeichen es Protests setzt. Es soll nicht länger im Verborgenen bleiben, dass in der Welt etwas gewaltig schief läuft und es Menschen gibt, die das nicht länger hinnehmen wollen. Die sich zusammentun, um etwas zu ändern und gemeinsam Alternativen zu finden. Wir können nicht länger wegschauen. Die Occupy-Camps (und auch die Solidaritätszelte in Würzburg) machen sichtbar, was viele nicht sehen wollen: Es braucht dringend Veränderungen – gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich.

Wie eine bessere Welt schmeckt

Unser Konsum und unsere Ernährung sind nur ein Teil dessen, was sich ändern muss. Sie sind ein Puzzle-Teil für eine bessere Welt. Insofern passt auch die vegane Vokü am Samstag in diese Argumentation. Das kalte Buffet bewies einmal mehr, dass es sich auch als Veganer wunderbar schlemmen lässt und jeder auf seine Kosten kommt. Ich hörte keine einzige Klage, wo denn das Fleisch oder der Käse bleibt. Stattdessen zufriedene und erstaunte Gesichter, die sich über die Brötchen mit veganem Aufstrich und den Kuchen hermachten. Natürlich regt solch ein gemeinsames Essen Gespräche  zwischen Veganern, Vegetariern und Fleischessern an. Und da wären wir wieder bei der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das Buffet zielte zwar nicht direkt darauf ab, auf die Folgen von Fleischkonsum aufmerksam zu machen. Aber es ermöglichte den Leuten, zu erleben, wie eine andere Welt funktionieren (und schmecken) kann.

Stein ins Rollen bringen

Die Reaktionen der Menschen gehen dabei natürlich auseinander – sowohl bei der Demo als auch bei den Camps. So lief zum Beispiel ein älterer Herr an der Kundgebung vorbei und rief den Demonstranten zu, dass sie eine Schande für Würzburg seien. Auf der anderen Seite wollten sich viele informieren, spenden und sich solidarisieren. Und genau um diese Menschen geht es im ersten Schritt. Es geht darum, einen Stein ins Rollen zu bringen. Das Interesse, die Empathie und vielleicht auch das Unbehagen, das viele seit einiger Zeit spüren, aufzugreifen und ihnen einen Anlaufpunkt zu bieten. Die meisten Probleme sind abstrakt, weit weg, nicht greifbar. Öffentlicher Protest und gemeinsame Aktionen sind eine Möglichkeit, das zu ändern und Menschen zu mobilisieren. Die Welt braucht Veränderung und ich bin sicher, der Wille ist da. Man muss ihn „nur“ aktivieren.

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3 Kommentare zu “Aus den Augen, aus dem Sinn

  1. was hatte der antivegane troll denn zu sagen? vielleicht kannst du es sinngemäß wiedergeben, würde mich mal interessieren. irgendwas ausländerfeindliches?

    ich finde hungerstreiks eigentlich albern, andererseits kriegen die dadurch viel aufmerksamkeit für eine sache, die viel aufmerksamkeit braucht. dass asylanten so mies behandelt werden, und das schon seit jahren, ist ein skandal

    • Eigentlich möchte ich es nicht wiederholen, deswegen hab ich’s ja auch gelöscht… Es kamen auf jeden Fall einige Beleidigungen in Richtung der Iraner und unsachliche Argumente in meine Richtung. Keine Basis für ein Gespräch und Dinge, die wegen ihres vulgären Umgangstons auf dieser Seite nicht stehen sollen.

  2. Lass dich von sowas nicht unterkriegen! Ich finde einfach GROßARTIG was du tust!!!

    Aber zurück zu dem, wozu die Kommentarfunktion eigentlich ist…
    Der Beitrag ist wieder einmal toll. Es ist echt bemerkenswert, was so alles in Würzburg abgeht. Ich bin begeistert und wünsche mir sowas in jeder Stadt.

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