Im Rampenlicht

Es hätte alles perfekt sein können an vergangenen Wochenende: Bei einem zweitägigen Seminar zum Thema „Medienkompetenz & Rhetorik“ durfte ich bei tosendem Applaus eine Treppe hinab schreiten, wohnte in einem mehr als ansehnlichen Kloster mit Schlosscharakter und sollte mich als „Königin“ fühlen, wenn ich vor der Kamera stand. Eine tolle Sache – zumindest wenn man auf viel Aufmerksamkeit steht. Leider tue ich das nur begrenzt und somit wäre mir das alles mehr als genug Tamtam gewesen. Aber nein, ich spielte auch noch außerhalb des Seminars oft ungewollt die Hauptrolle: beim Essen.

Der bunte Salatteller

Man könnte fast meinen, Veganer drängten sich gerne in den Mittelpunkt. Immer wollen sie eine Extrawurst, müssen irgendetwas nachfragen, eine Diskussion mit der Bedienung anfangen oder ihre kleine Tupper-Box mit einer selbst gekochten Mahlzeit hervorkramen. Ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen: Das ist alles andere als angenehm. Mag sein, dass es auch unter Veganern den ein oder anderen Aufmerksamkeits-Fetischisten gibt. Wieso auch nicht? Die gibt es schließlich überall. Aber ich möchte dennoch einmal klarstellen, dass ich es nicht genieße, wenn sich mal wieder alle (häufig auch noch mitleidigen) Blicke auf mich richten, weil auf der Speisekarte für mich maximal der bunte Salatteller in Frage kommt.

Gefahrenzone: Ländlicher Gasthof

So geschehen am vergangenen Freitag. Nach der Besichtigung einer Kirche kehrte unsere Truppe in einen ländlichen Gasthof ein. Ich hatte damit schon gerechnet und ein wenig vorgesorgt: zwei Brötchen und veganer Brotaufstrich versteckten sich in meiner Tasche. Zum Glück. Denn auf der Karte stand kein einziges veganes Gericht. Selbst der Salat wurde normalerweise mit Putenstreiten oder Garnelen serviert. Für Vegetarier gab es Gemüse-Spätzle (mit Ei) – das einzige (!) Gericht ohne Fleisch und Fisch. Überrascht hat mich das nicht. Gasthöfe zeichnen sich im Allgemeinen selten durch fleischreduzierte Kochkünste aus.

Unerträgliche Enthaltsamkeit

Während wir also die Karte studierten, machten sich meine Begleiter schon Gedanken, ob ich überhaupt fündig werden würde. Das ist nett – keine Frage. Ich bin froh, wenn ich in solchen Situationen Verständnis statt genervter Blicke ernte. Trotzdem ist es mir meist unangenehm, wenn das Gespräch so zwangsläufig auf meine Ernährungsweise kommt. Das liegt nicht am Gesprächsthema an sich, normalerweise beantworte ich ja gerne alle Fragen und kläre andere über die Gründe meines Lebensstils aus. Nur leider sind es genau solche Situationen, die den Eindruck erwecken, Veganer führten ein Leben in schier unerträglicher Enthaltsamkeit und müssten auf alle Freuden des Lebens verzichten, also Möhren knabbern und leckere Sahnesoßen meiden.

Genuss ist kein Fremdwort

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das nicht so ist. Ich koche und esse gerne und freue mich auf jede einzelne Mahlzeit am Tag. Genuss ist für mich kein Fremdwort. Nur leider wird das bei solchen Anlässen nicht deutlich. Stattdessen wird darüber diskutiert, ob das Hausdressing vegan ist und ob ein sehr einfacher Salatteller mit ein bisschen Brot tatsächlich neun Euro kosten darf.

Sogar vegane Vorspeise

Für das Seminar hatte ich bereits im Vorhinein veganes Essen angemeldet. Das lief unkomplizierter als gedacht – zumindest mittags. Hier bekam ich problemlos ein eigenes Hauptgericht und sogar die Suppe gab es als vegane Variante. Sehr stressfrei. Das Buffet morgens und abends war da schon ein wenig komplizierter. Am ersten Abend kamen wir ein paar Minuten zu spät – so dass die Salatplatte schon leer war und es nur noch Brot und eingelegtes Gemüse gab. Die pflanzliche Margarine (als Alternative zur Butter) gab es leider auch erst am nächsten Morgen.

Keine Sojamilch im Haus

Das Frühstück war in Ordnung. Immerhin konnte ich mich an leckeren Melonen satt essen. Dazu gab es Marmeladen-Brote. Den vegetarischen/veganen Brotaufstrich entdeckte ich aus unerklärlichen Gründen zu spät. Beim Anblick vom Müsli wurde ich ein wenig neidisch – aber Sojamilch oder geschweige denn Sojajoghurt gab es leider nicht. Zwei Tage lang auf mein Leibfrühstück zu verzichten, halte ich aber zum Glück aus. Ein bisschen Abwechslung schadet ja auch nicht.

Unfreiwilliger Mittelpunkt

Was mir dagegen sehr wohl auf die Stimmung schlug, war die ständige Auseinandersetzung mit der nächsten Mahlzeit. Puh, das war anstrengend. Wahrscheinlich haben es die anderen nicht so wahrgenommen (ich hoffe es zumindest), aber ich hatte das Gefühl, beim Essen drehte es sich öfters mal nur um mich und meine spezielle „Diät“. Ich könnte durchaus verstehen, wenn sich andere dadurch irgendwann genervt fühlten – vor allem wenn sie mich schon länger kennen und solche Situationen schon häufiger erlebt haben.

Veganer sind nicht unsozial

Ich lege es nicht darauf an, meine vegane Ernährungsweise in den Vordergrund zu drängen. Aber dieses Wochenende hat mal wieder bewiesen, dass es sich manchmal einfach nicht vermeiden lässt. Und auch wenn es für mich persönlich eher unangenehm ist, sollte es eigentlich kein Problem sein. Es gibt schließlich gute Gründe, sich vegan zu ernähren – und es sollten sich so viele Menschen wie möglich mit ihnen auseinandersetzen. Meist geht das Gespräch glücklicherweise auch von anderen aus. Ich dränge niemandem einen Vortrag über Veganismus auf – aus gutem Grund. Trotzdem werde ich immer wieder in solche Situationen geraten. Sei’s drum. Sich deswegen aus dem sozialen Leben zurückziehen, kann ja keine Lösung sein. Veganer sind ja schließlich nicht unsozial ;)

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9 Kommentare zu “Im Rampenlicht

  1. Mir geht es da oft ähnlich und ich beiße dann oft in den sauren Apfel (sprichwörtlich) und bestelle den teuren Salatteller ohne die unveganen Zutaten und Dressing und bitte um etwas Olivenöl. Im Endeffekt wird dann zwar aus dem teuren Salatteller mit Garnelenspießen ein einfacher grüner Salat (der dann aber trotzdem das gleiche kostet…) aber immerhin ist das noch eine relativ simple Option, die auch nicht sonderlich viel Aufsehen erregt.
    Da ich mein ganzes Studium nebenher im Service gearbeitet habe, fält mir das auch recht leicht, denn es gibt wirklich viele Bestellungen mit Sonderwünschen. Das Gros besteht nach meiner Erfahrung aber eher im Weglassen des Grünzeugs.
    Während die „normal“ essenden Teile der Bevölkerung das aber mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vortragen, ist es mir persönlich immer ein wenig peinlich erneut Sonderwünsche äußern zu müssen, weswegen ich auch immer versuche besonders einfache Änderungswünsche zu finden und mich nicht streite, obwohl ich es eigentlich schon frech finde, wenn ich mal wieder grünen Salat statt Salat mit Riesengarnelen und Kaviardressing bestelle und trotzdem den gleichen Preis zahlen soll. Und während der nicht-Veggie am Tisch dann eben einfach sagt „ich mag keine Tomaten und keinen Salat“ ist mein Wunsch nach tierfreiem Essen gleich wieder Gesprächsmittelpunkt, obwohl mir das nicht nur unangenehm ist, sondern ich auch eine „keine Veganismusgespräche beim Essen“-Politik verfolge

  2. mir gehts genau wie dir und Cara – ich bin was sowas angeht am liebsten unauffällig, und ich komme mir immer vor wie das prinzesschen, dem die ganze speisekarte nicht gut genug ist. es ist schon ätzend; ich machs ja schließlich nicht für mich, sondern für die tiere; trotzdem bleibt das blöde gefühl, dass ich denke, die anderen halten mich für hochnäsig.
    dummerweise kann man, wenn man sich nicht ganz ins soziale abseits kicken will; die locations nicht immer aussuchen – und gerade in so restaurants auf dem land gehts eher gutbürgerlich und deftig zu und da kann man bis auf die salatteller das meiste wirklich vergessen. ich ess auch gern salat, aber selbst der ist ja problematisch… *seufz*

  3. Pingback: Was ich gerade lese… « Vegan 50plus

  4. Du sprichst mir aus der Seele!! Diese Szenen kommen mir so bekannt vor und da ich eher ein zurückhaltender Mensch bin, sind mir diese Situationen extrem unangenehm. Vegan leben ist zu Hause sehr einfach, aber in Restaurants, bei Einladungen, Geschäftsessen, auf Reisen, etc. meistens schwierig. Naja, wenn ich nicht all meine Sozialkontakte einstellen und als Waldschratt enden möchte, werde ich mich wohl weiterhin mit dem Problem herumschlagen müssen. Ich träume ja von einer Zukunft, in der „vegan“ normal ist und die Speisekarten aus überwiegend veganen Gerichten bestehen und dann die Fleischesser sich aus einer Minirubrik was aussuchen dürfen:))

    • Ja, da hast du natürlich recht. Ich versuche auch immer, möglichst locker damit umzugehen und mich dadurch nicht stressen zu lassen. Ich denke, das gelingt meist auch ganz gut. Aber an der Grundproblematik ändert das nicht so viel, finde ich – zumal oft gar nicht ich für „Aufregung“ sorge, sondern mein Umfeld.

  5. Ja, diese Momente sind grauenhaft und ich winde mich auch jedesmal auf meinem Stuhl und überlege, welches Gericht denn am einfachsten abzuändern sei. Es ärgert mich auch, dass es einem so schwer gemacht wird, und dass Salat mitunter teurer ist als ein Stück Fleisch,… und ich stimme dir zu, dass man Andere bei einem Gasthausbesuch wohl kaum davon überzeugen kann, dass eine vegane Ernährung nicht einschränkt, sondern sogar bereichern kann.

  6. Ehrlich gesagt erkläre ich meinem Umfeld in solchen Situationen, wie daneben das Restaurant eigentlich ist, wenn es noch nicht mal einen veganen Salat hinkriegt und motze eher darüber, dass alles noch mit Tierkram zugemüllt werden muss. Einige sind dann doch auf meiner Seite und finden das auch ganz daneben. Dann ist dann nicht der Veganer der Bu-Mann sondern das Lokal :-)

    • Hehe, das klingt gut. Meistens bin ich für’s laute Rummeckern zu zurückhaltend. Aber eigentlich hast du Recht…

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