Keine Angst vor Anarchismus

Im ersten Augenblick bin auch ich zusammengezuckt. Anarchisten? Das sind doch gefährliche Chaoten, die in völliger Gesetzlosigkeit leben wollen. Sie sind böse, gewalttätig, rebellieren gegen die Polizei und wollen alles zerstören, was uns lieb und teuer ist. Oder? Tatsächlich lohnt sich ein genauerer Blick auf die Bewegung des Anarchismus – und vor allem auf seine Ideen. Dabei stellt man nicht nur fest, dass in der Öffentlichkeit bewusst ein völlig falsches Bild der Anarchisten installiert wurde, sondern auch, dass es heutzutage bereits anarchische Strukturen gibt, die sich nicht zuletzt in der Occupy-Bewegung widerspiegeln.

„Wenn wir unter ‚Anarchie’ einmal die landläufige negative Bedeutung verstehen wollen, nämlich Chaos, so haben wir sie heute: weltweit und flächendeckend.“

Keine aggressiven Krawallmacher

Bei meinem kurzen Aufenthalt in London kam ich zum ersten Mal mit Menschen in Kontakt, die sich bewusst als Anarchisten bezeichnen. Und siehe da. Sie waren in Wahrheit keine aggressiven Krawallmacher – im Gegenteil. Grund genug, mich intensiver mit den Ideen dieser Menschen beschäftigen. Was wollen Anarchisten eigentlich? Was tun sie? Und wie sähe eine anarchische Welt aus? (1)

Globaler Freiheitsbegriff

Wie so oft, kann man die Bewegung nicht über einen Kamm scheren. Natürlich gibt es unterschiedliche Aktivisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Ansichten und Aktionsformen. Trotzdem lassen sich die Grundideen relativ gut auf den Punkt bringen. Generell verbindet die Anarchisten ihr globaler Freiheitsbegriff: Allen Menschen soll eine allumfassende und unteilbare Freiheit zuteil werden. Das bedeutet, dass jegliche Form von Herrschaft abgelehnt wird. Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit und soziale Gleichheit stehen im Mittelpunkt einer anarchischen Gesellschaft.

Abschaffung des Staates

In einem Staat mit seinen herrschaftlichen Strukturen lassen sich diese Werte nicht verwirklichen. Er gilt als untaugliche Organisationsstruktur, die aus reinem Selbstzweck existiert. Alle gesellschaftlichen Errungenschaften (wie zum Beispiel Krankenhäuser, Schulen oder die Rentenversorgung), die ihm inzwischen angerechnet werden, stammen ursprünglich aus der Gesellschaft selbst. Der Staat hat sie sich im Laufe der Zeit lediglich angeeignet und daraus Manifestationen seiner Herrschaft geformt. Anarchisten wollen den Staat samt all seiner Institutionen und Gesetze abschaffen. Allerdings tritt an seine Stelle nicht das allgemein gefürchtete Chaos, sondern schlicht andere Strukturen, die das Zusammenleben ordnen sollen.

Föderalismus und Vernetzung

Statt auf Zentralismus setzen die Anarchisten dabei auf Föderalismus und die Vernetzung kleinerer Einheiten. Die Menschen sollen das Leben in ihren jeweiligen Gemeinschaften selbst gestalten, organisieren und verwalten. Als Grundvoraussetzung gilt dabei die „freie Vereinbarung“, das heißt, dass sie sich freiwillig auf bestimmte Regeln einigen – mit so viel Individualismus wie möglich und so viel Kollektivität wie nötig („Freiwillige Vereinbarung“ oder „Contract Social“). Da Menschen von Natur aus verschieden sind, folgt daraus natürlich, dass es viele unterschiedliche Gesellschaften und soziale Organismen geben kann. Doch diese könnten problemlos nebeneinander existieren.

Sozialer Egoismus

Doch kann das funktionieren? Braucht der Mensch nicht eine moralische Instanz, die ihm bestimmte Grenzen setzt? Anarchisten halten dagegen, dass Anarchie in gewisser Weise die moralisch höchste Form der Ordnung ist, weil sie Regeln und Gesetze freiwillig setzt. Sie sei gerade deshalb adäquat, weil der Mensch egoistisch ist. Und dank dieses „sozialen Egoismus“ könne ein globales Netzwerk aus kleinen Einheiten – jeweils bestimmt durch Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbstverwaltung – funktionieren.

Globale Organisation

Überregionale Angelegenheiten würden zwar zentral gesteuert, aber nicht zentralistisch entschieden. Vielmehr finden die Entscheidungen in transparenten, kontrollierbaren, kritisierbaren und veränderbaren Gremien statt. Das Leben vor Ort würde wieder global organisiert, das heißt, es fände keine künstliche Trennung mehr statt zwischen Leben, Arbeit, Spaß und Freizeit. Statt irgendwelcher abstrakter gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ziele, steht der konkrete Nutzen wieder im Vordergrund.

„Menschen identifizieren sich mit Dingen, die sie überschauen und verstehen. Je größer und unüberschaubarer gesellschaftliche Zusammenhänge sind, desto größer wird die Entfremdung zwischen Institution und Mensch. Unsere heutigen Systeme versuchen, solche Entfremdung zu neutralisieren, indem sie Eliten schaffen, deren Wirken in den meisten Ländern scheinbar legitimiert ist, weil eine Delegation von Macht durch Wahlen erfolgt.“

Der Dezentralisierung und Solidarisierung der Gesellschaft fiele natürlich auch das kapitalistische System zum Opfer. Statt der Interessen der Ökonomie und der Profite Einzelner stünden wieder die tatsächlichen (!) Bedürfnisse der Menschen und die Ökologie im Vordergrund des wirtschaftlichen Handelns. Der globale Kapitalismus würde ersetzt durch eine dezentrale und föderierte solidarische Bedarfsgemeinschaft.

Direkte Demokratie

Die Basis ist dabei stets eine Form der direkten Demokratie, an der jeder gleichberechtigt teilhaben kann. Demokratie in ihrer heutigen Form erfüllt die Anforderungen der Anarchisten nicht, da Staatlichkeit immer anti-freiheitlich ist. Im Parlamentarismus steht wirkliche Freiheit nicht zur Wahl: „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten.“

Staat im Kopf

Es geht also darum, das heutige gesellschaftliche System völlig zu überwinden – und das nicht nur äußerlich, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Denn es herrscht auch ein „Staat im Kopf“: Die Menschen glauben an die Allmacht einer Obrigkeit, anstatt in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Dabei sind sie es selbst, die den Wandel herbeiführen können. Für Anarchisten heißt das, gegen den Staat und auch außerhalb seiner Strukturen zu kämpfen – dabei aber gleichzeitig alternative Modelle zu entwickeln. Reine Protestaktionen bieten ihrer Meinung nach wenig Raum für konstruktive Ansätze, die auf eine neue Gesellschaft abzielen. Zumal sie oft vom herrschenden System genutzt werden, um die Kräfte der Aktivisten aufzuzehren.

 „Der Kampf gegen die alten Verhältnisse darf nicht zum Ritual werden – er muss Ansätze für Neues hervorbringen: Widerstand gebiert Modelle.“

Besonders wichtig dabei ist die „Anwesenheit des Ziels in den Mitteln“. Die Werte einer anarchischen Gesellschaft sollen also schon im Kampf gegen das alte System sichtbar werden. Eine Protestform, die gegen diese Grundwerte verstößt, käme somit nicht in Frage.

Umfassende Antworten

Klingt das alles nach Gewalt und Chaos? Im Gegenteil. Ich selbst war überrascht, an wie vielen Stellen ich meine eigenen Überzeugungen wiederfinden konnte. In gewisser Weise scheint die Idee Anarchismus unglaublich viele der Problem- und Fragestellungen, mit denen ich mich im Moment beschäftigte, miteinander zu verbinden (Ökonomie, Ökologie, Demokratie). Gleichzeitig regt er an, persönliche Konsequenzen im eigenen Leben zu ziehen. Und: Er gibt Antworten – oder skizziert sie zumindest. Und mit diesen Antworten steht er nicht alleine da. Viele Aktivisten der globalen Demokratiebewegung fordern und berufen sich auf sehr ähnliche Grundwerte – ohne sich dabei explizit als Anarchisten zu bezeichnen.

Keine Forderungen an den Parlamentarismus

Ich frage mich: Was wäre so falsch daran? Das schlechte Image, das dem Anarchismus anheftet, ist nicht gerechtfertigt. Allenfalls kann man ihm Realitätsferne und Idealismus vorwerfen, aber damit kämpfen Aktivisten sowieso seit eh und je. Dass er – ähnlich wie die Occupy-Bewegung – kein vorgefertigtes und detailliertes inhaltliches Konzept vorzuweisen hat, liegt an der angestrebten basisdemokratischen Struktur. Sie muss mit Inhalt gefüllt werden. Und für diesen Prozess muss wiederum der Raum geschaffen werden – im Kampf gegen das System. Es reicht nicht, Forderungen an den Parlamentarismus zu stellen und Macht zu delegieren. Die Menschen sollten sich wieder selbst bemächtigen. Sie sind sehr wohl in der Lage dazu. Sie wissen es nur nicht mehr.

„Anarchie lässt sich nicht ‚einführen‘. Man kann sie nicht einfach wählen – an einer solchen Gesellschaftsform muss man teilnehmen.

Keine Alternative

Ich gebe zu, es klingt ein wenig erschreckend: Völlige Überwindung der alten Gesellschaft. Abschaffung aller staatlichen Strukturen. Vertrauen in die Selbstorganisation der Menschen. Ist das alles nicht zu radikal? Natürlich, mit ein paar Reformen ist es aus anarchistischer Sicht nicht getan. Die Menschen müssten sich einlassen auf einen grundlegenden Wandel, auf völlig andere Organisationsstrukturen und auf mehr persönliche Verantwortung. Aber was ist die Alternative?

„Ein System, in dem genug Nahrung produziert wird und wo dennoch Tag für Tag zigtausende Menschen verhungern, ist ein Irrsinn. Ein System, das periodisch organisierte Massenmorde anordnet, ist unmenschlich. Ein System, das diesen Planenten zunehmend ausplündert und unbewohnbar macht, ist selbstmörderisch. Ein System, das zehn Prozent der Menschheit Reichtum beschert und die große Mehrheit der Ärmsten immer weiter ausplündert, ist niederträchtig. Ein System, das seine Bürger nur dadurch davon abhalten kann, sich gegenseitig umzubringen, indem es sie wiederum selbst mit dem Tod bedroht, ist eine moralische Bankrotterklärung.“

Ist das System wirklich so erhaltenswert? Immer wieder bin ich erstaunt ob der offensichtlichen Paradoxien dieses Systems, die inzwischen als normal und unvermeidbar abgetan werden. Sie rufen keinerlei Protest mehr hervor, noch nicht einmal ein Schulterzucken. Das kann nicht sein. Wir müssen uns trauen, radikal zu sein. Denn wovor haben wir Angst? Viel schlimmer kann es im Grunde doch nicht werden.

(1) Die theoretischen Ausführungen und Zitate stammen hauptsächlich aus dem ersten Teil des sehr umfassenden Buches „Anarchie!“ von Horst Stowasser.

Zum Weiterlesen:

Linke Utopien: Wer hat Angst vor Anarchismus? (FAZ, 30. Januar 2012)

Noam Chomsky: „Studenten sollen Anarchisten werden“ (Zeit Online, 14. Juni 2011)

Peters Durchblick: Was bedeutet Anarchie?

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19 Kommentare zu “Keine Angst vor Anarchismus

  1. hat mich auch überrascht, als ich zum ersten mal vom unterschied zwischen anarchie und anomie gehört hab…^^
    Übrigens, danke fürs kleine absätze machen, is leichter zu lesen

  2. Ich halte deinen Artikel für eine gelungene grobe Einführung in die anarchistische Gedankenwelt. Zur Zeit gewinnt der Anarchismus, nicht zuletzt auch aufgrund der Vertreter und Anhänger des Libertarismus (o.a.d. Voluntarismus), vor allem über das Internet wieder an Bedeutung, was mich besonders erfreut und an ein friedvolles Miteinander von Mensch, Tier und Mutter Natur hoffen lässt.

    Wichtig ist jedoch zu betonen, dass unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem nur noch in Nuancen mit dem eines kapitalistischen Systems übereinstimmt. Wir leben nicht im Kapitalismus; in der Tat sind wir dem Sozialismus dreimal näher.
    Kapitalismus bedeutet zum einen freie Marktwirtschaft (also Tausch und Handel auf Basis der freiwilligen Übereinkunft freier Individuen), demzufolge auch Vertragsfreiheit, das Anerkennen von Eigentum als universelles Recht (vor allem Eigentum am eignen Körper, aus dem sich entsprechende, weitreichende moralphilosophische Freiheitspostulate ableiten lassen). Alles weitere ergibt sich von selbst. Reiner Kapitalismus ist die größte freiheitlichste, also anarchistischste Gesellschaftsordnung, die es geben kann und hat nichts mit Gier nach Geld, Machtstreben oder ähnlichen Untugenden zu tun, nur weil er sich u.a. aus dem Teilbegriff „Kapital“ zusammensetzt.

    Der Begriff Kapitalismus wurde im Laufe des letzten Jahrhunderts (sowie auch in der seit 07/08 wieder auflebenden Kapitalismuskritik) massenmedial dermaßen pervertiert, manipuliert und umgedeutet, dass es schwer fällt seine ursprüngliche Bedeutung zu erfahren.
    „Kapitalismus“ steht mittlerweile für eine Art (gesellschaftlicher) Geisteshaltung für fehlendes Mitgefühl, Ausbeutung, etc. Ebenso für die angesprochene (Geld-)Gier, Kartellbildungen, Korruption, Verschwörungen (mit der Politik) und Rücksichtslosigkeit.
    Diese – vornehmlich auf den derzeitigen Zeitgeist westlicher Gesellschaften – völlig zutreffenden Umschreibungen werden dem Begriff „Kapitalismus“ wahrlich nicht mehr gerecht.

    „Kapitalismus ist kein Konstrukt, kein bewusst entworfenes System, sondern die natürliche Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft diesseits der Steinzeit und der Feudalherrschaft.
    Wenn eine hinreichende Menschenzahl verstehen lernt, was Kapitalismus ist, wird die Zivilisation überleben. Wenn es beim weitverbreiteten Unverständnis bleibt, wird die Erde bestenfalls zu einem riesigen Gulag, schlimmstenfalls zu einem Großfriedhof.“
    – Roland Baader (1940-2012)

    In diesem Sinne alles Gute und lieben Gruß!
    André

    • Danke für diese interessante Ergänzung. Wenn ich dich richtig verstehe, schließen sich für dich also Kapitalismus und Anarchismus nicht aus?

      Ich bin nicht sicher, ob der Kapitalismus in seiner ursprünglichen Form, wie du sie definierst, überhaupt noch existiert bzw. existieren kann. Aber als Tausch und Handel auf Basis der freiwilligen Übereinkauft ließe er sich ja durchaus mit einer dezentralen und föderierten solidarischen Bedarfsgemeinschaft verbinden – je nachdem wie sie ausgestaltet wird…

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