Teller statt Tonne

Meine Hände zitterten – ausnahmsweise nicht vor Kälte, sondern vor Aufregung. Ich hob den Deckel der Mülltonne an und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Gleichzeitig horchten meine Ohren aufmerksam, ob sich in der Nähe irgendetwas rührte. Doch die Angst, erwischt zu werden, war schnell vergessen, als ich die Massen an Obst und Gemüse sah, die dieser Supermarkt offenbar für nicht mehr konsumtauglich hielt.

Mein Veganer-Herz schlug höher. Rucksäcke und Tüten waren schnell gefüllt. Für die Fertigprodukte und Backwaren, die in den übrigen Tonnen auf ihre Vernichtung warteten, war danach kaum noch Platz. Also zurück über den Zaun und ab nach Hause. Mission successfully completed.

Dem System ein Schnippchen schlagen

Auf dem Heimweg wich das Adrenalin nur langsam, mischte sich aber mit Freude über dieses unerwartete Erfolgserlebnis. Eigentlich hatten wir gar keine Lust gehabt, die gemütliche Wohnung an diesem Abend noch mal zu verlassen. Eigentlich waren wir zu müde und zu faul, um durch die Dunkelheit zu streifen, zu klettern, zu krabbeln und dabei auch noch die Angst im Nacken zu haben. Aber die nächtliche Tour hatte sich mehr als ausgezahlt: Das Obst und Gemüse reichte locker für mehrere Tage und zwei Personen. Und wir hatten noch mehr im Gepäck: das schöne Gefühl, dem System ein kleines Schnippchen geschlagen zu haben. Es gibt sie also doch, die Mittel und Wege, sich der Konsum- und Wegwerfgesellschaft zu entziehen – zumindest teilweise.

11 Millionen Tonnen Müll

Gründe dafür gibt es genug. Erst vor ein paar Monaten stellte Bundesministerin Ilse Aigner eine Studie der Uni Stuttgart vor, die belegt, dass jeder Deutsche im Schnitt rund 80 kg Lebensmittel pro Jahr in den Müll wirft. Das sind hochgerechnet 11 Millionen Tonnen in ganz Deutschland. Diese Zahlen sind erschreckend, zumal 65 Prozent dieser Lebensmittel noch zu gebrauchen wären und knapp die Hälfte der Abfälle vermeidbar wäre.

Alle fünf Sekunden

Die Meldungen gingen quer durch alle Medien und natürlich war die anfängliche Empörung angesichts solcher Zahlen groß (siehe auch Skandal ist jeden Tag, 16. März 2012). Die Politiker beeilen sich, Besserung zu versprechen. Aigner nahm sich vor, die Verschwendung einzudämmen – mithilfe von Kampagnen und einer besseren Information der Verbraucher. Schöne Worte. Doch an der Paradoxie der weltweiten Lebensmittelproduktion wird sich so schnell nichts ändern, weil der Fehler viel tiefer liegt. Über das deutsche Mindesthaltbarkeitsdatum zu philosophieren, ist geradezu lächerlich angesichts der systematischen Fehlkonstruktion in der globalen Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln. Es gibt sehr wohl einen Zusammenhang zwischen dem Brotlaib, das hierzulande in der Tonne landet, und dem Kind, das alle fünf Sekunden an Hunger stirbt. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Jean Ziegler hat Recht, wenn er diesen Zustand als Verbrechen bezeichnet.

„Der Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelverschwendung und Nahrungsmangel ist zwar weder einfach noch direkt, aber er ist trotzdem da. Denn auf einem globalisierten Nahrungsmarkt mit international gehandelten Produkten beziehen reiche und arme Länder Nahrungsmittel aus derselben Quelle. Die Vergeudung hierzulande geht zu Lasten des begrenzten Ackerlandes der Welt.“ (Martin Hofstetter, Agrarökonom bei Greenpeace)

Ich kann und will ein System, das eine Milliarde Menschen in den Hunger treibt, nicht unterstützen. Trotzdem muss ich mir eingestehen, dass ich ein Teil davon bin. Als Bürgerin eines Industrielandes lebe ich automatisch auf Kosten anderer. Meine Handlungsmöglichkeiten, diese Kosten zu verringern, sind begrenzt – aber sie sind da. Ich kann mich vegan ernähren, ich kann versuchen, regional und saisonal einzukaufen und ich kann meinen Konsum einschränken, indem ich zum Beispiel Lebensmittel verwende, die niemand mehr haben will.

Profit statt Bedürfnisbefriedigung

Natürlich kann man wie immer die Frage stellen: „Was bringt das schon? Die Welt wirst du dadurch nicht verändern – nur dein eigenes Gewissen beruhigen.“ Dazu kann ich nur sagen: Schön wär’s. Ich hätte gern ein gutes Gewissen allein dadurch, dass ich mich ab und zu in eine Mülltonne stelle und Paprika, Möhren und Blumenkohl heraus fische. Zwar gibt es mir durchaus ein gutes Gefühl, diese Lebensmittel zu „retten“.  Gleichzeitig regen sich aber auch immer die Wut und die Empörung darüber, dass es soweit kommen konnte.

Dass die Lebensmittelindustrie (im Grunde das gesamte Wirtschaftssystem) nicht mehr dazu da ist, die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern Profit zu machen und neue Bedürfnisse erst zu erzeugen. Und dass es inzwischen sogar viele Menschen gibt, die auf den „Müll“ oder die Angebote von Tafeln und Suppenküchen angewiesen sind. Und das obwohl Deutschland zu den Ländern mit den niedrigsten Lebensmittelpreisen gehört. Wir geben nur rund zwölf Prozent unseres Einkommens für Nahrung aus. Dass dabei der tatsächliche Wert und die Wertschätzung der Produkte auf der Strecke bleibt, wundert mich nicht.

Der böse Gutmensch

Manche mögen mir vorwerfen, mich als Gutmensch zu profilieren, der sich besser fühlen will als der Otto-Normal-Verbraucher. Von mir aus. Lieber lasse ich mich als „Gutmensch“ beschimpfen, als solche zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten stillschweigend zu akzeptieren. Und wer sich von meinem Verhalten angegriffen fühlen will, soll es tun. Als Veganerin habe ich mich an solche Vorwürfe schon fast gewöhnt. Und meistens kann ich es sowieso nicht ändern. Ich kann dazu nur sagen: Darum geht es nicht. Persönliche Befindlichkeiten sollten bei solch grundlegenden Problemen keine Rolle spielen. Die Frage ist nicht: Wer ist hier der bessere Mensch? Sondern: Wie wollen wir gemeinsam leben?

Unabhängiger von Geld

Wieder andere sagen vielleicht: „Du kritisierst ein System, von dem du selbst profitierst – schließlich greifst du kostenlose Lebensmittel ab!“ Ja, das tue ich. Aber ich versuche, meine Ausgaben zu reduzieren, um sie dem Gewinn der Lebensmittelkonzerne zu entziehen. Auf der anderen Seite möchte ich mich dadurch unabhängiger vom monetären Kreislauf machen. Das Studium und der Aktivismus lassen mir im Moment keine Zeit, um Geld zu verdienen. Also muss ich mich bewusster fragen, wohin mein Geld gehen soll (das gilt auch für Kleidung, Freizeitaktivitäten und jegliche Luxusartikel). Die konsequenteste Lösung wäre, Lebensmittel selbst zu produzieren. Nur ist das zurzeit noch nicht überall und für jeden möglich. Containern ist insofern zwar kein Modell für die Zukunft, aber es ist eine Übergangslösung, bis sich die dezentralen Infrastrukturen gebildet haben, die zum Beispiel Niko Paech in seiner Postwachstumsökonomie vorschlägt.

Risse in der Wahrheit

Containern die Welt wird nicht grundlegend verändern. Aber es bietet Raum, auf die offensichtlichen Missstände des Wirtschaftssystems zu reagieren. Es ist eine Möglichkeit, kleine Risse in den unhinterfragten Wahrheiten unserer Gesellschaft zu hinterlassen – und vielleicht den ein oder anderen zu motivieren, sich nicht mehr vom objektiven Schein täuschen zu lassen. Ein System, in dem unser „Müll“ den hungernden Teil der Weltbevölkerung zwei Mal ernähren könnte, funktioniert nicht. Es wird Zeit, das einzusehen und für einen Wandel zu kämpfen – im Großen wie im Kleinen.

Anmerkung: Wer nicht nachts losziehen möchte, um in Mülltonnen zu wühlen, kann auch der Bäckerei oder dem Gemüsehändler um die Ecke einen Besuch abstatten. Oft bleiben dort am Ende des Tages Waren übrig, die nicht mehr verkauft werden können. Fragen kostet nichts. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Reaktionen der Händler eher positiv als negativ ausfallen.

Zum Weiterlesen:

Greenpeace: Frisch auf den Müll – Die Umweltfolgen der Lebensmittelverschwendung

Kundenverhalten: Selbst schuld! (Zeit Online, 7. Juni 2006): „Der Protestwähler ist im Zivilstand Schnäppchenjäger. Wir sind Schizophrene. Die Diagnose trifft die Völker aller westlichen Demokratien. Als Bürger sind wir Sozialisten – Verfechter der alten sozialen Errungenschaften. Als Kunden sind wir Neoliberale. Marktradikale. Uns ist Recht, was billig ist. ‚Für 19 Euro nach Barcelona.‘ Noch nie war Doppelmoral so preiswert. Was treibt uns, das Volk, in diese Schizophrenie, diese groteske Spaltung zwischen Konsumverhalten und Bürgerzorn?“

Dokumentation: Taste the Waste (1:29:04)

Siehe dazu auch:

I „taste the waste“ (11. September 2011)

Die Wegwerfgesellschaft (8. September 2011)

WDR Servicezeit: Ab in die Tonne – Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden (29:49)

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4 Kommentare zu “Teller statt Tonne

    • Das ist schade… aber wie sieht es mit den Händlern in deiner Gegend aus? Einfach mal nachfragen vllt…Ich hab heute morgen zum Beispiel Erdbeeren geschenkt bekommen ;) Eine andere Möglichkeit sind auch die Wochenmärkte. Dort kann man hingehen, kurz bevor die Händler abbauen und fragen, ob irgendetwas übrig geblieben ist.

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