(Noch) kein Grund zum Feiern

Es ist mal wieder soweit. Neues Jahr, neues Glück. Die Karten werden neu gemischt, alles zurück auf Anfang. Was im letzten Jahr schief gelaufen ist, gehört der Vergangenheit an. 2013 ist noch jung und hält hoffentlich ein Menge Glück parat – hoffen wir zumindest. Und so standen die Leute Silvester in den Straßen, tranken Sekt, feuerten Raketen in den Himmel und feierten. Aber warum eigentlich? Was gibt es zu feiern?

Für mich ist der Jahreswechsel so bedeutungsschwer wie überbewertet. In der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar hat sich rein gar nichts verändert (von ein paar Gesetzesänderungen sehe ich jetzt einmal ab). Genauso wie in den 365 Nächten zuvor blieben die grundsätzlichen Fragen, denen sich unsere Gesellschaft stellen müsste, unbeantwortet. Dabei wäre es nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig, dass wir uns endlich mit ihnen auseinandersetzen.

Die frustrierte Nervensäge

Ja, ich weiß, ich sollte den Mund halten. Ich sollte nicht immer so negativ sein und anderen Menschen nicht ständig den Spaß verderben, indem ich ihnen ein schlechtes Gewissen mache und ihnen vor Augen führe, was in der Welt alles schief läuft. Da ist er wieder, der angebliche Moralapostel in mir. Die Nervensäge, die vergessen hat, wie man Spaß hat und stattdessen ihren Frust ansammelt und an anderen Leuten auslässt. Und das Schlimmste daran: Ich bin gleichzeitig vollkommen überzeugt, dass ich alles richtig mache. Dass ich schlauer bin als der Rest der Welt und ihm deshalb die Augen öffnen müsse. Avantgarde. Heilsbringer. Oder etwa nicht?

Revolution der Menschen

Hin und wieder bin ich mit genau solchen Vorwürfen konfrontiert, auch wenn die obige Darstellung ein wenig überspitzt ist. Trotzdem finde ich es schade, denn sie entspricht ganz und gar nicht der Realität. Ich bin der festen Überzeugung, dass es keinen Sinn macht, ständig mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Welt zu laufen und sich als Vorbild zu inszenieren. Und ich versuche auch, genau diesen Eindruck zu vermeiden. Es geht nicht darum, besser oder klüger zu sein. Es geht darum, die Welt zu verbessern. Und das können wir nicht allein.

Es braucht mehr als ein paar selbstverliebte Pseudo-Revolutionäre, die ihren Widerstand ausschließlich dazu nutzen, sich zu profilieren und sich von anderen abzugrenzen. Für einen tatsächlichen gesellschaftlichen Wandel braucht es die Masse. Es braucht Menschen, die mit dem Herzen dabei sind und wissen, wofür sie kämpfen. Nicht nur für sich, sondern auch für ihre Mitmenschen und für ihre Kinder. Dabei ist es unwichtig, wer Recht hat oder wessen Ideen sich schlussendlich durchsetzen. Wichtiger ist es, die Ideen tatsächlich umzusetzen – und zwar gemeinsam. Wir müssen zusammen die Frage beantworten, wie wir leben wollen und dann die Voraussetzungen für die Antwort schaffen.

Ein Angebot machen

Allerdings gibt es dabei noch ein Problem: Viele stellen sich diese und ähnliche Fragen noch nicht. Das möchte die Bewegung ändern. Sie möchte den Menschen zeigen, dass es möglich ist, sein Leben und all seine Facetten wieder selbst in die Hand zu nehmen – und sie gleichzeitig dazu befähigen. Das ist keine Bevormundung, sondern ein Angebot. Und deshalb ist es ein so langwieriger und schwieriger Prozess. Die Strukturen unseres Systems sind festgefahren. Die Leitplanken sind etabliert und werden kaum mehr hinterfragt.

Gleichzeitig versuchen die Eliten und Profiteuere, die Angst um ihre Macht haben, mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich eine Meinung jenseits des Mainstream bildet und durchsetzt. Angesichts dieser beinahe aussichtslosen Situation, könnte man dazu neigen, eine Revolution zu „verordnen“, zumal die sozialen und ökologischen Probleme in der Welt eigentlich keinen Aufschub mehr dulden. Jeden Tag sterben Menschen, stirbt die Natur. Und jeder dieser Tage ist einer zu viel. Dennoch wird kein Befehl von oben die Welt ändern. Es muss eine Revolution der Menschen sein, sonst ist sie nicht von Dauer.

Der Startschuss vor einem Jahr

Vor einem Jahr hätte ich einen solchen Text noch nicht schreiben können. Daran sieht man, wie viel sich in wenigen Monaten verändern kann. Zwar bin ich kein großer Fan von Jahresrückblicken – gerade weil sie in den letzten Tagen besondere Saison hatten. Trotzdem lohnt sich ein kurzer Blick zurück (siehe auch Links unten). Im Januar 2012 fand in Würzburg die erste Occupy-Demonstration statt, nachdem wir vom ersten weltweiten Aktionstag am 15. Oktober 2011 so begeistert waren. Es war der Startschuss.

Seitdem haben mich die Fragen nicht mehr los gelassen. Mein Leben hat sich verändert, meine Prioritäten haben sich verschoben. Mit jeder Aktion, mit jeder Diskussion, mit jedem Zeitungsartikel und jedem Buch ein wenig mehr. Inzwischen fühlt es sich an, als wäre es nie anders gewesen. Und mit diesem Gefühl stehe ich nicht alleine da. Viele können heute nicht mehr verstehen, dass sie bestimmte Dinge einfach nicht sehen wollten oder widerstandslos hinnehmen konnten. Ihre Sicht auf die Welt ist nun eine andere – und diesen Schritt kann man nicht rückgängig machen. Meiner Erfahrung nach kann man die Augen nicht mehr schließen, wenn man sie einmal geöffnet hat. Und der Tatendrang und die Energie, die daraus entstehen, verbinden uns. Sie lässt Gruppen von Aktivisten entstehen, wie in Würzburg (siehe auch: Eine Asamblea für Würzburg) und Dortmund, die unterschiedlicher nicht sein könnten und in denen man sich trotzdem zu Hause fühlt – schon nach wenigen Wochen.

Angst vor der Niederlage

Leider hat eine solche persönliche Veränderung nicht nur positive Konsequenzen – und sie gefällt nicht allen. Die Aktivisten eint nicht nur der Wunsch nach einer besseren Welt. Sie verbindet auch die ständige Enttäuschung und die Angst, einen Kampf zu führen, der einfach nicht zu gewinnen ist. Immer wieder stoßen wir an unsere Grenzen, persönlich und gesellschaftlich. Wir bekommen nicht nur Zuspruch, sondern ernten auch eine Menge Missgunst und Unverständnis. Oft fühlen Menschen sich angegriffen und bedroht, obwohl niemand einen expliziten Vorwurf formuliert hat. Als Veganerin ist das eine beinahe vertraute Situation. Allein durch meine Anwesenheit fühlen sich andere genötigt, sich zu verteidigen und ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Selbst wenn ich kein Wort über vegane Ernährung verliere.

Extreme Maßnahmen für extreme Situationen

In letzter Zeit musste ich mir häufig anhören, ich sei zu extrem. Meine Ziele seien ja generell erstrebenswert. Wer würde sich schon gegen soziale Gerechtigkeit und besseren Umweltschutz aussprechen? Aber muss die Antwort denn gleich so radikal sein? Und ich sage: Ja! Wobei ich anmerken möchte, dass ich mich nicht für radikal halte. In Anbetracht der zum Himmel schreienden Missstände auf der Welt, ist es geradezu lächerlich, „nur“ vegan zu leben, zu containern, zu demonstrieren oder Asamableas zu organisieren. Trotzdem meinen viele, ich solle es langsamer angehen lassen. Aber wie soll das gehen? Wenn ich mich umschaue, kann ich mich nicht damit zufrieden geben, im Bioladen einzukaufen oder Ökostrom zu beziehen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Es ist unglaublich schwierig, mit dieser Einsicht fertig zu werden. Trotzdem muss ich damit leben.

Der Anfang ist gemacht

Umso wichtiger sind deswegen die kleinen Erfolgserlebnisse im eigenen Leben und in der Bewegung. Nach Wochen war ich zu Weihnachten wieder in meinem Heimatort. Und siehe da: Es gab zwar ein neu eröffnetes Fast-Food-Restaurant. Aber es gab plötzlich auch einen Bücherschrank. Mitten im Ort. Das hatte ich nicht erwartet. Ich musste lächeln, als ich ihn das erste Mal sah. Die Idee der Solidarökonomie hatte es tatsächlich bis hierher geschafft. Die Menschen fangen an, umzudenken. Weltweit. Täglich lese und höre ich von Initiativen und neuen Projekten auf der ganzen Welt, die das bestehende System in Frage stellen und Alternativen vorleben. Es ist etwas in Bewegung.

Eigene Entscheidungen treffen

In dieser Bewegung habe ich meinen Weg und meinen Platz gefunden – auch wenn immer noch viele Fragen offen sind und ich mein eigenes Leben immer wieder überdenken muss. Wie setze ich die Ansprüche, die ich an einen gesellschaftlichen Wandel habe, in meinem eigenen Umfeld um? Wie will ich leben? Wie will ich arbeiten? Wie will ich mich versorgen? Dabei kann es vorläufig nur eine Annäherung an das Ideal geben. Ich kann nur versuchen, mich weitestgehend von bestimmten Zwängen frei zu machen.

Angesichts des enormen weltweiten Handlungsdrucks kommt es mir fast unwichtig vor, meinen Abschluss zu machen, ein Zeugnis in der Hand zu haben, Geld zu verdienen. Im Moment gibt es wohl nur einen Mittelweg. Doch der Plan für das nächste Jahr steht: Uni erstmal beenden und dann endlich die nächsten Schritte gehen, um mich und mein Lebensmodell weiterzuentwickeln. Idealerweise in einem Projekt, dass die vielen Dinge, die mich im letzten Jahr beschäftigt haben verbindet: Gemeinschaftliches Leben, anarchistische Strukturen, Selbstversorgung, politische Arbeit. Die Vorbereitungen dafür laufen.

Vielleicht gibt es also zum Jahreswechsel doch etwas zu feiern. Die Hoffnung, dass die Revolution nicht mehr unerreichbar ist. Die Überzeugung, dass eine Utopie kein unerfüllter Traum bleiben muss. Wahrscheinlich liegt noch ein langer Weg vor uns, aber der Anfang ist gemacht. Und wenn es dann endlich soweit ist, lasse auch ich wieder die Korken knallen.

Zum Weiterlesen:

Zehn politische Vorsätze für 2013 (Claudia Langer, Spiegel Online)

Eine Frage der Prioritäten? (Das Mädchen im Park, 24. März 2012)

Wir sind der Wandel (Das Mädchen im Park, 6. März 2012)

Blockupy 2012: So sieht Demokratie aus (Das Mädchen im Park, 23. Mai 2012)

Versuch’s mal anders! (Das Mädchen im Park, 27. August 2012)

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