Revolution mit der Suppenkelle

Alles steht bereit: 54 Plätze mit einem Teller warmer Suppe, daneben Brot, Kuchen und Kaffee. Um kurz nach zwölf strömen die Gäste in den warmen Speisesaal. Alle in der Hoffnung, noch in der ersten Runde einen Platz zu ergattern, denn vor allem am Ende des Monats sind die Tische schnell besetzt. Oft bildet sich dann eine lange Schlange vor der Tür. Eigentlich soll das kostenlose Angebot der Kana Suppenküche die Not der Menschen lindern. Doch paradoxerweise scheint die immer größer zu werden. Die Helfer der Suppenküche möchten sich selbst überflüssig machen, sind davon aber offenbar weiter entfernt denn je.

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

Vor ungefähr drei Jahren half ich hier zum ersten Mal. Zufällig wohnte ich direkt gegenüber und nach einer Recherche zum Thema „Obdachlosigkeit in Dortmund“ entschloss ich mich, einmal in der Woche bei der Bewirtung der Gäste zu helfen. Man muss diese Leuten doch irgendwie unterstützen, dachte ich. Es kann doch nicht sein, dass es mitten in unserer Wohlstandsgesellschaft Hunger gibt. Um dagegen etwas zu tun, wollte ich gern einen Teil meiner Freizeit opfern. Schließlich ging es mir gut. Ich musste mir keine Sorgen darüber machen, ob ich mir am Ende des Monats den Einkauf noch leisten kann. Von dieser Sicherheit wollte ich etwas abgeben.

Für das gute Gewissen

Natürlich kann man mir auch vorwerfen, nicht nur aus purer Selbstlosigkeit zu handeln. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich gut dabei fühlte, ehrenamtlich zu arbeiten. Ich hatte ein gutes Gewissen. Ich konnte darauf verweisen, mich auf meinem studentischen „Wohlstand“ nicht nur auszuruhen, sondern der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ignoranz? Gleichgültigkeit? Nein, ich war bereit, den Problemen der Gesellschaft direkt in die Augen zu sehen und gegen sie zu kämpfen. Doch wie sinnvoll war dieser Kampf abgesehen von persönlichem Erfolgserlebnis? War es überhaupt möglich, ihn zu gewinnen?

Keine Änderung in Sicht

Anscheinend nicht. Nach meinem einjährigen Abstecher ins unterfränkische Würzburg kam ich zurück und stellte erschrocken fest, dass ich einen Großteil der Gäste immer noch kannte – auch wenn unzählige neue Gesichter dazu gekommen waren. Es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Die Suppenküche öffnet inzwischen sogar einen Tag mehr in der Woche. Jedes Mal kommen bis zu 300 Menschen – innerhalb von knapp zwei Stunden. Ein gewisses Stresspotenzial lässt sich bei solchen Mengen nicht vermeiden. Und viel Zeit für Gespräche bleibt nicht. Leider.

Zwar macht die Arbeit in der Suppenküche immer noch Spaß. Und auch das Team ist immer noch so sympathisch wie vor einem Jahr. Alle sind hoch motiviert und mit Freude dabei. Doch unser Engagement zahlt sich anscheinend nicht aus. Was läuft falsch?

Ungerechtigkeit ist systemimmanent

Die Diskussion um die Tafelbewegung brachte mich ins Grübeln – und ließ mich zweifeln an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit. Die Argumente der Kritiker machten Sinn. Und nach den ersten Erfahrungen als politische Aktivistin sah ich manche Dinge inzwischen mit anderen Augen: Mir war bewusst geworden, dass Ungerechtigkeit in unserem System kein punktueller Einzelfall ist, sondern ein immanentes Phänomen. Dass etwas grundsätzlich falsch läuft und es nicht ausreicht, einzelne Notlagen vorübergehend zu lindern. Die Probleme haben strukturelle Ursachen und das bedeutet, dass auch mögliche Lösungen an den Strukturen ansetzen müssen.

Deutschland verstößt gegen die Menschenrechte

Ähnlich argumentiert auch Franz Segbers in seinem sehr fundierten Artikel „Die Armut der Politik“ (1). Er analysiert die Tafelbewegung (die ich hier als analoges Beispiel zur Suppenküche betrachte) unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte und stellt fest, dass der Staat seine sozialen Pflichten vernachlässigt und sie dem bürgerschaftlichen Engagement überlässt.

Dabei gibt es dringend Handlungsbedarf: 13 Prozent der deutschen Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. 1,3 Millionen Menschen sind arm, obwohl sie arbeiten. Nicht nur das Bundesverfassungsgericht, auch der UN-Sozialausschuss hat die Bundesrepublik dafür kritisiert, nicht allen Bürgern das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard zu gewähren.

Politik gibt Verantwortung ab

Um sich aus der Verantwortung zu stehlen, behilft sich die Politik mit einer Definition, die Armut entweder als Folge von ausbleibendem Wirtschaftswachstum oder als selbst verursacht darstellt. Daraus ergibt sich natürlich keine Notwendigkeit, etwas zu unternehmen – von dem ständigen Wiederholen des weder nachhaltigen noch sinnvollen Wachstumsdogmas mal abgesehen. Die Zivilgesellschaft hingegen sieht sich angesichts der massiven Unterversorgung zum Handeln gedrängt und versucht, den Betroffenen konkret zu helfen.

Auch wenn dieses Engagement große Wertschätzung verdient hat, kann das laut Segbers nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentlichen Probleme nicht gelöst werden:

„Die Tafeln mögen wohl das einzelne, individuell miserable Leben erträglicher machen, doch sie machen es zugleich auch perspektiv- und rechtloser. […] Dabei stellen die Tafeln keinen Beitrag zur Überwindung einer menschenrechtlich hoch problematischen Lage dar, sondern sind vielmehr ein Symptom ihrer Verfestigung. […] Die staatlich zu verantwortende Unterversorgung wird durch privates Engagement unsichtbar gemacht.“

Ich muss zugeben, dass es nicht ganz leicht ist, sich dieser Situation bewusst zu werden. Schließlich ist es doch jedes Mal ein schönes Gefühl, wenn sich jemand für die leckere Suppe bedankt und sichtlich gestärkt die Suppenküche verlässt. Doch inzwischen ist mir klar, dass diese kurze Zufriedenheit sowohl beim Gast als auch bei mir nur von kurzer Dauer ist. Schließlich wird er am nächsten Tag wieder kommen.

Passivität statt Empörung

Und das ist gefährlich – sagt auch Segbers. Die Menschen werden so nämlich zu bloßen „Hilfeempfängern, die auf Barmherzigkeit angewiesen sind“. In diese Situation sollten sie nicht geraten, denn eigentlich stehen ihnen bestimmte Rechte zu. Anstatt ihnen diese aber (von staatlicher Seite) zu gewähren, werden sie stigmatisiert und entwürdigt. Und gleichzeitig unterstützt das eine passive Haltung, indem die Menschen vorläufig ruhig gestellt werden.

Tatsächlich: In der Suppenküche werden die gesellschaftlichen Probleme viel sichtbarer als im üblichen Alltag der Großstadt. Unzählige Menschen, die von Arbeitslosigkeit, Armut und Obdachlosigkeit betroffen sind, kommen hier zusammen. Und doch geht von hier – wo die Not am größten ist – keinerlei Empörung aus.

Gemeinsame Vision entwickeln

Es muss also mehr passieren. Das Engagement muss über die bloße Linderung der Not und die Befriedigung elementarer Bedürfnisse hinausgehen. Stattdessen bräuchte es gemeinsame Aktionen und Pläne, um die strukturellen Probleme zu bekämpfen. Die Menschen müssen sich ihrer Rechte wieder bewusst werden und sich von dem Bild, das ihnen tagtäglich eingetrichtert wird, befreien.

Auch wenn die Helfer der Suppenküche immer versuchen, die klassische Rollenverteilung des Helfers und des Bittstellers durch Begegnungen auf Augenhöhe aufzulösen, bleibt ein gewisses Gefälle immer erhalten. Zumindest so lange, bis wir gemeinsam eine gesellschaftliche Vision entwickeln, die die Bedürfnisse aller mit einbezieht und in der jedem Menschen die gleichen Rechte garantiert werden.

Potenzial nutzen

Erst letzte Woche diskutierte die Asamblea von Occupy Dortmund wie wir Menschen wie die Gäste der Suppenküche erreichen können, um sie zum politischen Aktivismus zu mobilisieren. Und dabei geht es nicht nur um konkrete Forderungen an die Politik, denn die werden den Wandel nicht herbeiführen. Vielmehr ging es darum, Strukturen der Solidarität, der Selbstermächtigung und der Selbstversorgung zu schaffen, die den Menschen ihre Würde zurückgeben.

Gleichzeitig ließen sich so auch Alternativen zum Diktat des Kapitalismus aufbauen, die die Dogmen unserer Arbeits- und Konsumgesellschaft grundsätzlich in Frage stellen. Darauf hoffe ich und daran möchte ich arbeiten – auch in der Suppenküche. Hier schlummert ein enormes Potenzial. Aber wir müssen es auch nutzen.


(1) Der Artikel in „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (1/2013, Seite 81-89) erschienen. Online steht er als kostenpflichtige pdf-Datei zur Verfügung.

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Ein Kommentar zu “Revolution mit der Suppenkelle

  1. Ich wünsche mir so sehr, dass das klappt!

    2009, damals noch nicht im offenen Hartz IV-Vollzug, kandidierte ich im Kreis Gütersloh als Einzelkandidat unter dem Motto „Mitbestimmung – Grundeinkommen“. Hier suchte ich arbeitslosen Menschen aufzuzeigen, dass sie sehr wohl Macht haben. Allein, es wollte kaum einer hören.

    Zwischenzeitlich hat uns unser öko-soziales Engagement in den Bezug von Leistungen zur Existenzsicherung gebracht. Und ich erlebe immer wieder, wie gerade die, die entrechtet werden, dieses bereitwillig zulassen, da sie dem Dogma der Arbeit (Besser mies bezahlt, als gar nix. Hauptsache Arbeit!).

    JedeR, der/die sich mit dem BGE befasst kennt dieses Phänomen.

    Es ist eben seit Jahrtausenden so, wie es Platon bereits in seinem Höhlengleichnis aufzeigte: Der Mensch glaubt lieber, dass seine Fessel eine Fußkette ist und erschlägt notfalls jeden, der ihm diesen Glauben nicht lässt.

    Und nicht nur von Politikern erleben wir uns allein gelassen. auch von Gerichten. Ein Amtsgericht, was nicht einmal anerkennt, dass wir Einnahmen unterhalb des Existenzminimums haben und den fingierten Mietrückstand nicht in einer Einmalzahlung ausgleichen können, hat nun sogar als Recht anerkannt, dass wir geräumt werden können. Mit drei Kleinkindern (5J. 3J. 9Monate).

    Als 2009 Schwarz-Gelb gewählt wurde hatte ich einen Nervenzusammenbruch, weil ich nicht erfassen konnte, dass die Menschen so naiv sind ihre Schlachter zu wählen, anstatt Alternativen eine Chance zu geben.

    Heute ist mir bewusst, dass es erst noch viel ärger zu kommen hat, damit sich Deutsche miteinander solidarisieren. Und es wird arg kommen. Spätestens in drei Monaten bricht hier ein Bürgerkrieg los, weil wir wieder in einem Land leben, dass vom Krieg lebt und in dem Faschisten die sich als Demokraten sehen an der Macht sind und Faschisten die sich als Demokraten sehen sie dort belassen. sich selbst entmächtigt hörig unterwerfend.

    Namasté

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