Gestatten: Die Bewegung

Es gibt Widersprüche, auf die treffe ich im Laufe des politischen Aktivismus immer wieder. Regelmäßig. Und sie scheinen sich auch niemals aufzulösen – zumindest nicht in meinem Kopf. Da ist auf der einen Seite die schier ungeheure Masse an schlechten Nachrichten, die jeden Tag auf mich einprasseln: Neue Zahlen zum verborgenen Hunger in der Dritten Welt, Berichte über die Folgen von Drohnen-Einsätze im Gaza-Krieg, Skandalmeldungen über unzumutbare Arbeitsbedingungen in Deutschland, steigende Suizidraten in Griechenland und Spanien. Im Grunde wäre eine der Meldungen schon genug, um sich den ganzen Tag darüber zu empören.

Das System oder ich

Und das Schlimmste: Es ändert sich nichts. Das große Ganze läuft weiter, ohne dass die mehr als berechtigte Kritik an den Praktiken von Politik und Wirtschaft überhaupt wahrgenommen wird. Dabei ist jeder einziger, jeder weiterer Tag ein Skandal. Wenn mir Freunden, Familie oder Bekannte mir vorwerfen, ich sei zu radikal, frage ich mich: Wer ist radikaler? Das System oder ich? Und was ist eigentlich die Katastrophe? Das System oder sein Zusammenbruch? Ich habe diese Fragen inzwischen für mich beantwortet und zum Glück bin ich damit nicht allein.

Das Potenzial vor Ort

Denn auf der anderen Seite gibt es diese Gespräche, diese Treffen, die Aktionen und Veranstaltungen, die mir immer wieder das Gefühl geben, dass schon eine Menge Leute verstanden haben, dass wir so nicht weitermachen können. Es gibt so viele engagierte Menschen, die in ihren Bereichen – sei es ökologische Landwirtschaft, solidarische Ökonomie, Basisdemokratie, Globalisierungskritik oder der Kampf für die Menschenrechte – wichtige Arbeit leisten. Und dafür muss man nicht zwangsläufig in die Ferne schweifen. Auch in der eigenen Stadt findet man diese Menschen. Und gerade dort, direkt vor Ort, liegt ihr großes Potenzial – wenn man es schafft, die Kräfte zu bündeln.

Ein Anfang ist gemacht

Genau das wollen wir in Dortmund versuchen. Der erste Erfolg war eine gemeinsame Aktion anlässlich des Europäischen Generalstreiks am 14. November 2012. Mit unserem Bündnis „Dortmund Solidarisch“ organisierten wir eine kreative Kundgebung mit anschließender Demo. Rund 150 Leute waren dabei. Natürlich ist das ausbaufähig und ist in einer Stadt mit knapp 600.000 Einwohnern geradezu beschämend. Aber irgendwo muss man schließlich anfangen. Die nächste Mobilisierung läuft bereits für den 13. März, ein dezentraler Aktionstag zum EU-Gipfel in Brüssel (siehe auch Aufruf „For a European Spring“).

Ein gemeinsames Ziel

Wir müssen mehr werden, das steht außer Frage. Und ich spreche hier nicht nur von unserem Bündnis, in dem sich bisher nicht besonders viele Dortmunder Gruppen engagieren – sei es aus Zeitgründen, aus fehlender Motivation oder weil sie in einer Zusammenarbeit keinen Sinn sehen. Ich möchte aufhören, Gruppen und Bündnissen zu benennen und stattdessen lieber von „der Bewegung“ sprechen. Auch wenn der Begriff sehr vage daher kommt, fasst er für mich doch die aktuelle Situation am besten zusammen: In Deutschland, Europa und der ganzen Welt setzen sich Menschen für einen Wandel ein. Die meisten kennen sich nicht, sie wissen wenig über die Probleme und Anliegen des anderen, ihre Lebenswelten sind mitunter kilometerweit voneinander entfernt – räumlich und gesellschaftlich. Und trotzdem kämpfen sie für ein ähnliches Ziel: eine gerechte Welt, in der die Menschen in Frieden mit sich und der Natur leben.

Kräfte entwickeln

Ich glaube daran, dass diese Bewegung enorme Kräfte entwickeln kann. (Ohne diesen Glauben wäre ich angesichts der scheinbar aussichtslosen weltweiten Situation wohl auch schon längst verzweifelt.) Diese Kräfte können herausgefordert und von äußeren Umständen gefördert werden – so wie derzeit in Spanien und Griechenland. Dort ist der Leidensdruck inzwischen einfach zu groß geworden. Die Tatsache, dass sich diese Entwicklung in der reichen Region der Welt eingesetzt hat, bietet die Chance, endlich die globale Machtkonstellation in Frage zu stellen (auch wenn das schon viel früher hätte geschehen müssen). Eins ist nämlich zweifelsohne deutlich geworden: Das System funktioniert nicht. Und diese Erkenntnis setzt sich nun auch langsam in der westlichen Hemisphäre durch, die so lange von der Ausbeutung von Menschen und Natur profitiert hat.

Die Massen mobilisieren

Natürlich hängen die Kräfte der Bewegung aber genauso von den viele einzelnen Menschen ab, vor allem wenn das gesamtgesellschaftliche Umfeld noch nicht ausreichend für die entscheidenden Missstände und Fragestellungen sensibilisiert ist. Dieses Problem bekommen Aktivisten in Deutschland vor allem dann zu spüren, wenn es darum geht, die Masse zu mobilisieren. Bisher sind wir daran – bis auf wenige Ausnahmen – gescheitert.

Gemeinsam Pläne schmieden

Wie also soll es weiter gehen? Diese Frage stand im Mittelpunkt, als wir in der Kana Suppenküche gemeinsam über Strategien der Mobilisierung und Vernetzung gesprochen haben. An Interesse und Motivation zumindest scheint es auch in Dortmund nicht zu fehlen: Der Speisesaal war gut gefüllt, als ein Aktivist von Occupy anfing, über Geschichte und Zukunftsperspektiven der Bewegung zu sprechen. Und gerade in Projekten wie der Suppenküche gäbe es genug Ansatzpunkte. Nicht nur die vielen ehrenamtlichen Helfer und ihre vielfältigen Kontakte, sondern auch und vor allem die Gäste, die bisher auf deren Unterstützung angewiesen sind, haben es in der Hand, etwas zu verändern (siehe auch Blog-Artikel „Revolution mit der Suppenkelle„, 28. Januar 2013).

Die eigene Stimme erheben

Denn „den Deutschen“ geht es nicht zu gut. Auch hierzulande ist die Armut angekommen, werden Menschenrechte missachtet und strukturelle Ungerechtigkeit geduldet und gefördert. Es muss also darum gehen, über die konkrete und nötige Hilfe in Notsituationen hinauszugehen. Die Betroffenen müssen ihre Stimme erheben, ihre Rechte einfordern und die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen. Die Bewegung der Flüchtlinge hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass es möglich ist, sich aus einer scheinbar völlig ohnmächtigen und machtlosen Situation zu befreien.

Aufgeben gilt nicht

Gemeinsam sollten wir in unseren Städten versuchen, gemeinsam genau solche Wege zu gehen – durch konkrete Projekte im Kleinen und durch breiter angelegte Aktionen, die den großen Zusammenhang im Blick haben. Ein Volxküche, die für die Grundversorgung von benachteiligten Menschen sorgt, und gleichzeitig Angebote zur Selbstorganisation macht, schließt gemeinsame politische Aktivitäten nicht aus. Ganz im Gegenteil. Wir können Räume der Solidarität schaffen, die uns unabhängig machen und das System langsam von innen aushöhlen, während wir gleichzeitig versuchen (müssen), immer mehr Menschen zu erreichen, uns überregional zu vernetzen und ein gemeinsames Ziel über die eigene Lebenswelt hinaus zu verfolgen.

Mit der Zusammenarbeit zwischen Occupy und Kana ist dafür ein weiterer Schritt getan. Und weitere werden hoffentlich folgen. Überall und unaufhörlich. Denn Aufgeben is’ nich.

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2 Kommentare zu “Gestatten: Die Bewegung

  1. Bewegung kann viele Gesichter haben. Niemand muss resigniert und verzweifelt auf den Trümmern seines neoliberal vermurksten Lebens hocken bleiben. Zumal Jammern eh nur noch mehr Jammer anzieht.Eine Volxküche mit richtig gesundem Essen aus frischem Gemüse und naturbelassenen Zutaten in jeder Siedlung, wären Inseln der Liebe in einer eisekalten Welt (auch für die tagesobdachlosen Kinder und die allein gelassenen Alten). Leute schließt euch zusammen, dazu müsst ihr keine Politikinsider sein!

  2. Pingback: Die Sache mit den Tropfen | Das Mädchen im Park

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