Ein Traumjob: Politisch sein

Etwas über 8.000 Euro verdient ein Mitglied des Bundestages im Monat. Brutto. Ungefähr zehnmal so viel wie ich. Gut, ich arbeite nicht Vollzeit. Ich bin Studentin. Und trotzdem ist da ein gewisses Gefälle nicht zu übersehen. Dabei habe ich „nebenbei“ einen ziemlich ähnlichen Job: Ich bin politisch aktiv. Bezahlt werde ich dafür allerdings nicht, zumindest nicht mit Geld.

Eigentlich lässt mich das Wort „Politik“ nur noch die Stirn runzeln: Ich denke an Wahlkampf, an falsche Versprechen, an Macht, an Geld, an Eliten – und dass ich mit alledem nichts zu tun haben will. Die gestrige Landtagswahl in Sachsen hat mir das mal wieder sehr deutlich gezeigt: Nicht mal die Hälfte der Menschen ist zur Wahl gegangen. Trotzdem bedankt sich der neue und alte Ministerpräsident Tillich für das „Vertrauen der Sachsen“, nachdem er das schlechteste Ergebnis der CDU seit Jahrzehnten eingefahren hat.

Nichts als leere Phrasen

Die Statements der übrigen Politiker lassen mich im besten Fall kalt, weil es die üblichen leeren Phrasen sind. Im schlimmsten Fall muss ich mich zusammenreißen, um nicht auszurasten: Da steht der NPD-Vertreter wie völlig selbstverständlich in der Runde der Spitzenkandidaten und kann seinen menschenfeindlichen Müll verbreiten. Und gleich daneben: Die größten Gewinner der Wahl, die Rechtspopulisten der AfD, die vor allem ehemalige CDU-Wähler mobilisieren konnten.

Mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich mir vorstelle, welches Gedankengut sich da langsam aber sicher etabliert – und davon profitiert, dass Menschen sich von Politik nichts mehr erhoffen. Dass sie sich ohnmächtig fühlen und ob ihrer vielen Alltagsprobleme auch keine Kraft mehr haben, Fragen zu stellen und sich das alles nicht mehr gefallen zu lassen. Erwünscht ist das sowieso nicht. Arbeiten, konsumieren und die Füße still halten – so sieht der perfekte Bürger heute aus.

Selbstorganisation in allen Bereichen

Dabei kommt mir ein ganz anderes Bild in den Sinn, wenn ich an das Wort „politisch“ denke. Ich sehe eine Menge Menschen, tolle Projektideen, große Demonstrationen, erfolgreiche Aktionen und auch ein Glas Rotwein, das ich mit meinem Freund auf dem Sofa trinke. Und ich bin mir relativ sicher, dass wir alle zusammen einen besseren Job machen als die Herrschaften im sächsischen Landtag.

Denn politischer Aktivismus hat für mich nicht viel mit staatlichen Institutionen und Strukturen zu tun. Politisch sein heißt für mich: Selbstorganisation, und zwar in so vielen Lebensbereichen wie möglich. Sei es die eigene Versorgung, die Wohnsituation, kulturelle Teilhabe oder soziale Interaktion. Ich habe ein Recht auf all diese Dinge, unabhängig davon, wie viel Geld ich verdiene, wie ich aussehe oder wo ich herkomme. Also nehme ich sie mir bzw. organisiere sie mir gemeinsam mit anderen Menschen.

Konkretes Beispiel: Gemeinsame Ökonomie

Das kann zum Beispiel so aussehen: Eine Gruppe von Menschen lebt gemeinsam in einem Wohnprojekt und betreibt gemeinsame Ökonomie. Sie finanzieren gemeinsam ihre Unterkunft. Sie versorgen sich mit Bio-Produkten, wenn möglich aus der Region. Das haben sie im Konsens so entschieden, weil sie es für wichtig halten, Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen und dem globalisierten Kapitalismus lokale Strukturen entgegenzusetzen.

Manche von diesen Menschen gehen containern, um noch verwertbare Lebensmittel aus dem Müll zu retten. Einige sind in einem Kollektiv-Betrieb tätig, in dem es keine hierarchischen Strukturen gibt. Jede*r leistet seinen Beitrag in der Gemeinschaft. Dabei gibt es genug Raum für persönliche Probleme, auf die individuelle Lebenssituation wird so gut es geht Rücksicht genommen. Über die Lebensgemeinschaft hinaus sind die Menschen häufig noch in anderen Gruppen aktiv und unterstützen antikapitalistische, antirassistische oder antisexistische Projekte. Und so weiter…

Das Private ist politisch

Was daran ist jetzt politisch? Es gibt dieses berühmte Zitat aus der Frauenbewegung der 70er Jahre: Das Private ist politisch. Das bringt es für mich ziemlich auf den Punkt. Politisch zu sein heißt für mich, mit anderen Menschen eine gerechte Welt zu verwirklichen, in denen alle die Möglichkeit haben, ein Leben in Würde zu führen. Mir reicht es nicht, dafür ein oder zwei Abende pro Woche zu investieren, um Veranstaltungen zu organisieren, an Aktionen teilzunehmen oder alternative Medien zu verfolgen.

Das alles ist wichtig und richtig, aber was ist mit dem Rest meines Lebens? Was bringt es, Nachhaltigkeit zu predigen und selbst nicht danach zu handeln? Ich möchte so viele Ansätze einer anderen Welt in meinem Leben umsetzen, wie es nur geht. Forderungen an irgendwelche Stellvertreter bringen mich nicht weiter, zumal die so genannte Demokratie ihren Namen nicht mehr verdient (Stichwort: Postdemokratie). Stattdessen brauchen wir eigene Strukturen, die Machtkonzentration und Hierarchie entgegenwirken. Gruppen, in denen wir gemeinsam entscheiden, was wir wollen. Und Entscheidungen, mit denen alle leben können und nicht nur irgendeine Mehrheit.

Natürlich stoße ich bei meinen Bemühungen immer wieder an Grenzen, an meine eigenen genauso wie an die von Wirtschaft und Gesellschaft. Aber ich weiß: Jede kleine Veränderung, die wir umsetzen können, zeigt mir und anderen, was möglich ist. Nur von unten und in kleinen Schritten können wir das System, in dem wir leben, langsam aushöhlen. Das ist mitunter viel Arbeit – und die wird schlecht bezahlt. Und trotzdem möchte ich mit keiner Politikerin tauschen. Mein Job macht nämlich nicht nur mehr Spaß, sondern auch mehr Sinn.

Weiterführende Links:

Soziales Zentrum Avanti in Dortmund

Kommuja-Netzwerk

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4 Kommentare zu “Ein Traumjob: Politisch sein

  1. Hey. Sehr guter Artikel, danke. Gerade den Spruch „das Private ist politisch“ findeauch ich sehr wichtig. Von einer ca. 20 Jahre älteren Person musste ich mir neulich erst anhören, dass ich unpolitisch sei, wenn ich nicht demonstrieren gehe. IHRE Generation sei ja noch demonstrieren gegangen. Ja, ich könnte sicherlich auch demonstrieren gehen, keine Frage. Aber gerade das, was man jeden Tag tut oder eben das, was im Gegensatz zu anderen eben nicht tut, finde ich sehr wichtig. Es gibt so viele kleine Entscheidungen, jeden Tag, bei denen ich etwas in der Hand habe. Kaufe ich neue Kleidung oder kaufe ich secondhand? Schmeiße ich dann meine alte einfach weg oder frage ich bei meinen Freunden rum, ob noch jmd. etwas braucht? Nehme ich das Auto oder vllt lieber nicht? Fliege ich oder fahre ich mit der Bahn? Auch ich bin lange noch nicht soweit gekommen, dass ich behaupten würde, jede Entscheidung richtig zu fällen. Aber durch Gespräche, Beobachten und Lesen gibt es immer mehr Dinge, bei denen mir jetzt erst bewusst wird, dass es eine Entscheidung gibt. Ja, dass ich die Möglichkeit habe, nicht einfach so zu handeln wie beim letzten mal an dieser Stelle, sondern bewusst anders zu handeln.
    Bei so manch einer Sache bist du übrigens auch eine derjenigen, die mich nach wie vor zum Überlegen anstiftet, egal ob bewusst oder unbewusst: Danke :-)

  2. Hallo. Ich find es gut, dass dieser EIntrag es auch in den Freitag geschafft hat, wo ich ihn lesen konnte. Ich wünschte mir, die Zeitungen wäre voll derartiger Kommentare und, ja, eigentlich auch Aufrufe. Dieser hier erinnert mich stark an Gustav Landauers „Der Sozialist“ von 1910 (Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk!), indem er unsere Beziehung zum Staat beschreibt. „Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andre Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält.“

    Ich wünsche mir, dass mehr Leute es schaffen, auch außerhalb einer Szene, durch anderes Verhalten zueinander die Institutionen erschaffen, „die eine wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen sind.“ Danke jedenfalls dafür.

  3. Pingback: Was heißt hier politisch? | Das Mädchen im Park

  4. Pingback: Das Unmögliche fordern | Das Mädchen im Park

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