Auf der Flucht

Es läuft mir kalt den Rücken runter, als er neben mir steht. Er schreit, aber ich verstehe seine Sprache nicht. Und trotzdem kann ich sie spüren, seine Verzweiflung, seine Angst und seine Sehnsucht. Er ist auf der Flucht: In der Hoffnung auf ein besseres Leben hat er sich in ein Boot gesetzt, das ihn an die europäische Küste bringen soll. Und das obwohl so viele seiner Freunde diese Reise nicht überlebt haben.

Riadh Ben Ammar kam bereits vor 15 Jahren nach Deutschland. In seinem Heimatland Tunesien sah er als junger Mann keine Perspektive für sich. Er wollte etwas anderes sehen, etwas anderes lernen und sich ein Leben aufbauen. Inzwischen ist er als Aktivist unterwegs und tourt mit seinem Theaterstück „Hurria!“ (Freiheit) durch das ganze Land. Über seine persönliche Geschichte hinaus möchte er damit auch die größeren Zusammenhänge deutlich machen: Wieso flüchten Menschen aus ihren Heimat? Wieso will Europa diese Menschen nicht aufnehmen? Und wie werden sie hier behandelt?

Mit welchem Recht?

Obwohl er ganz alleine vor dem Publikum steht, schafft Riadh eine beeindruckende Atmosphäre. Er spielt mit Licht und Schatten, seiner Gestik und Mimik und nicht zuletzt mit seiner lauten Stimme. Er lässt keinen Zweifel daran, wie ernst ihm die ganze Sache ist. Und völlig zu Recht richtet er sich gegen Ende des Stückes vorwurfsvoll ans Publikum und fragt: Woher nehmt ihr euren Rassismus? Woher nehmt ihr eure Arroganz? Wer seid ihr eigentlich, uns so zu behandeln? Sind wir nicht auch nur Menschen? Menschen, die euch kennenlernen wollen?

Leute, die zu Riadhs Vorstellungen kommen, beschäftigen sich wahrscheinlich meistens schon länger mit dem Thema. Für sie sind Frontex, Flüchtlingsproteste und Abschiebung keine Fremdwörter. Vielleicht sind Riadhs Fragen also hier fehl am Platze. Aber der Alltag zeigt, wie aktuell und ungemein wichtig sie sind. Rassismus, Arroganz und Ignoranz sind leider viel weiter verbreitet, als wir es uns vorstellen wollen.

Rassismus im Alltag

Szenenwechsel: Ein Regionalexpress zwischen Aachen und Dortmund. Ich setze mich in die Nähe eines Ehepaares, das offenbar auf dem Weg in den Urlaub ist. Der Mann fängt ein Gespräch mit mir an, offenbar sucht er Unterhaltung. Ein bisschen Small-Talk, ok. Ist ja auch nicht mehr üblich, dass mensch im Zug einfach so in ein nettes Gespräch verwickelt wird, also lass‘ ich mich darauf ein – und bereue es.

Wir haben keine zwei Sätze gewechselt, da fragt der Kerl mich allen Ernstes: „Ach, Sie fahren nach Dortmund. Haben Sie da auch so viele Ausländer? In Aachen ist das ja ganz schlimm geworden.“ Ich schlucke. Ich frage, ob er ein Problem mit Ausländern hat. Und warum. Na, die seien doch alle kriminell. Ständig würden Leute überfallen oder irgendwo eingebrochen. Das könnten doch nur die Ausländer sein. Ich beende das Gespräch. Ich sage, dass ich mit ihm nicht darüber reden will, ob Ausländer kriminell sind und dass wir da offensichtlich ganz unterschiedliche Ansichten haben. Er merkt, dass seine Meinung bei mir nicht gut ankommt und wird zynisch: „Ach, ich liebe doch alle Ausländer.“

Zu einfache Erklärungsmuster

Ja, ich hätte weiter diskutieren können. Aber mir fehlte der Elan – und ich war geschockt von einer so platten und populistischen Argumentation. Natürlich kenne ich solche Schlagzeilen, sie aber ins Gesicht gesagt zu bekommen, von einem Menschen, der eigentlich einen ganz netten Eindruck gemacht hat, lässt mich immer noch nicht kalt: Wieso greifen so einfache und plumpe Erklärungsmuster? Wieso lassen sich die Menschen gegeneinander aufhetzen? Wieso macht der Tritt nach unten ihnen so viel Spaß?

Wenig später höre ich im Radio die berühmte Rede von Martin Luther King als Pop-Remix: „I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal.“ In den Nachrichten berichten sie anschließend von einer Studie der Antidiskriminierungsstelle. Jeder dritte Deutsche will demnach nicht neben Sinti und Roma wohnen. Die Lösung heißt natürlich: Einreisebeschränkungen.

Ein legales Verbrechen

Beschränkungen, die auch Menschen wie Riadh davon abhalten, nach Europa zu kommen. Die sie dazu zwingen, ihr Leben zu riskieren, weil sie sonst keine Perspektive haben. Riadh stellt seine Fragen also völlig zu Recht. Und er muss sie wiederholen, in allen Städten, vor jedem Publikum. Genauso wie wir. Damit wir nicht vergessen, was Flüchtlinge auf der ganzen Welt jeden Tag erleiden müssen. Und dass das ein Ende haben muss! Denn diese Menschen fordern nur ihre Rechte ein. Ihre Rechte auf ein würdiges Leben und auf Bewegungsfreiheit. Rechte, die ihnen unser Wirtschaftssystem und unsere Grenzen absprechen. Das ist ein Verbrechen, aber es ist legal. Und es läuft mir wieder kalt den Rücken runter.

Riadh Ben Ammar kommt am Samstag, 13. September, in den Nordpol in Dortmund. Der Eintritt zum „Hurria!“-Theater ist frei.

Ab dem 15. September touren außerdem Aktivist*innen durch NRW, um von ihren Erfahrungen an den EU-Außengrenzen zu berichten. Die Dortmunder Gruppe „Refugees Welcome“ organisiert gemeinsam mit dem Netzwerk afrique-europe-interact eine Veranstaltung im Nordpol. Sie beginnt am Mittwoch, 17. September, um 19 Uhr. Weitere Termine u.a. in Köln und Essen findert ihr hier.

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