Mal wieder auf die Straße?

Mit 1300 anderen Menschen bin ich am Wochenende durch die Kasseler Innenstadt gelaufen, um gegen die Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TISA zu demonstrieren. In ganz Europa liefen zeitgleich ähnliche Aktionen, in mehr als 1000 Städten. Klingt beeindruckend. Trotzdem wollte sich bei mir keine richtige Euphorie einstellen. Bin ich etwa „demomüde“ geworden? Wieso kann ich mich an einem solchen Erfolg, der vielen Menschen viel Vorbereitung, Vernetzung und Mühe kostete, nicht richtig freuen?

Der erste Grund, der mir in den Sinn kommt, ist die persönliche Betroffenheit. Demos haben bei mir immer starke Gefühle ausgelöst – wenn ich an der Organisation beteiligt war. Wenn ich die Plakate mit entworfen, Flyer verteilt, Mails geschrieben und das Programm geplant habe. Die Menschen dann auf der Straße zu sehen, weil sie mein Anliegen teilen, weil sie genauso wütend sind wie ich oder eine ähnliche Utopie verfolgen wie ich, das war eine tolle Erfahrung. Sie belohnte mich für die viele Arbeit und zeigte mir, was alles möglich ist.

Aber geht es dabei nicht mehr um ein persönliches Erfolgserlebnis als um gesellschaftlichen Wandel? Kann eine Demo wirklich etwas ändern? Können viele Demos etwas ändern? Und woran ließe sich das überhaupt festmachen?

Ein anderer Standpunkt

Ich bin „erst“ seit drei Jahren als politische Aktivistin unterwegs. In dieser Zeit habe ich einige Demos organisiert und noch mehr besucht. Die Themen waren so unterschiedliche wie die Teilnehmer*innen: von der Energiewende über prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse, Anti-Austerität und Antifaschismus. Es gibt Menschen, die gehen seit Jahrzehnten auf Demonstrationen. Es gab Menschen, die in der DDR jede Woche auf die Straße gegangen sind. Diejenigen haben sicherlich einen anderen Standpunkt als ich, und ich möchte ihnen ihre Erfolge auch keinesfalls absprechen. Zumal wenn Demonstrationen zwar legitim aber nicht legal waren und deshalb mit Repressionen rechnen mussten.

Trotzdem habe ich (schon jetzt) erhebliche Zweifel, ob Demonstrationen hier und jetzt für mich der richtige Weg sind, meine Ziele zu erreichen. Diese Ziele sind zwar teilweise recht persönlich, reichen aber dennoch über mein eigenes Leben hinaus. Es ist etwas anderes, mich nach einer erfolgreichen Demo zurückzulehnen und über den Zuspruch der Menschen zu freuen, als langfristig an Strukturen zu arbeiten, die nicht nur in meinem Leben, sondern in größeren Teilen der Gesellschaft wirksam werden können.

Öffentliche Aufmerksamkeit

Das heißt nicht, dass ich Demonstrationen für völlig falsch halte. Bestimmte Themen schaffen es dank ihnen ins allgemeine Bewusstsein. Das gilt insbesondere, wenn sie ein Zeichen der Solidarität sein sollen. Und wenn die Veranstaltung eine ausreichende Größe erreicht und/oder namhafte Gäste auf der Redner*innenliste stehen. Dann springen häufig auch Medien auf und berichten. So konnte vor ein paar Monaten wohl kaum jemand etwas mit dem Stichwort TTIP anfangen, nun ist es in aller Munde.

Demos sind richtig und wichtig, vor allem wenn es um öffentliche Aufmerksamkeit geht. Und ich finde es zugegebenermaßen ziemlich toll, am Samstagnachmittag durch eine Innenstadt zu laufen und das Einkaufsgetümmel mit Parolen zu stören, die den Leuten den Spaß am grenzenlosen Konsum schon mal vermiesen können. Vielleicht werden einige Passant*innen tatsächlich aufmerksam und informieren sich weiter über die Hintergründe der Demo. Und vielleicht setzen sie sich in ihrem eigenen Leben damit auseinander, ändern etwas oder suchen nach einer Möglichkeit, aktiv zu werden. Ganz vielleicht.

Auch Demos brauchen Strukturen

Aber können Demos wirklich etwas ändern? Nein, ich denke, sie reichen bei weitem nicht aus. Denn die Aktionen selbst entstehen ja nicht aus dem Nichts. Es treffen sich nicht zufällig ein paar Leute in der Stadt und melden eine Demo an. Dafür braucht es Strukturen, seien es überregionale Organisationen wie Attac oder lokale Gruppen wie Recht auf Stadt Kassel. Eine Demo kann nur erfolgreich sein, wenn Menschen sich im Vorhinein selbst organisieren, wenn sie Vorbereitungen treffen und gemeinsam aktiv werden.

Und genau darauf kommt es an: Selbstorganisation.

Veränderungen selbst umsetzen

Demos sind in den meisten Fällen dazu da, Forderungen zu formulieren und auf Missstände aufmerksam zu machen. Oft das ist auch das einzige, was mensch tun kann, oder? Ich persönlich kann ja kaum dafür sorgen, dass ein bestimmtes Gesetz verabschiedet wird oder die Textilarbeiterinnen in Bangladesch einen angemessenen Lohn bekommen. Das stimmt, ist aber trotzdem zu kurz gedacht.

In einem größeren Zusammenhang betrachtet, liegt es nämlich sehr wohl in unserer Hand, dass und wie das große Ganze funktioniert. Wir halten tagtäglich ein System am Laufen, das andernorts für Krieg, Armut und Hunger verantwortlich ist. Das tun wohl die meisten von uns nicht absichtlich, aber sie tragen ihren Teil dazu bei. Und nur weil ich auf eine Demo gehe, heißt das nicht, dass sich daran etwas ändert. Im Gegenteil. Wenn ich meine Energie ausschließlich in solche Aktionen stecke, bin ich darauf angewiesen, dass andere die Veränderungen für mich umsetzen, zum Beispiel Politiker*innen. Was dabei herauskommt, sehe ich jeden Tag. Und jeden Tag ärgert es mich.

Von unten die Gesellschaft umgestalten

In selbstorganisierten Projekten kann ich selbst dafür sorgen, dass Alternativen ausprobiert und gelebt werden, die eine andere Vorstellung des menschlichen Zusammenlebens haben. Die sich im Gegensatz zum neoliberalen Kapitalismus an den Bedürfnissen der Menschen orientierten, die auf Kooperation und Gleichberechtigung statt auf Konkurrenz und Herrschaft setzen. Diese Projekte haben eine langfristige Perspektive, weil sie die Gesellschaft von unten umgestalten wollen.

Demonstrationen können zwar auf das aufmerksam machen, was wir warum ändern müssen. Aber wir müssen ihnen die entsprechenden Taten folgen lassen und Alternativen bieten, die auch die (vielleicht) interessierten Passant*innen einbinden können. Wir müssen Strukturen aufbauen, die sich langsam aber sicher ausbreiten und immer mehr Menschen zeigen, wie es anders geht. Die Erfahrungen und die Kontakte in diesen Zusammenhängen sind meiner Meinung nach weitaus wirksamer als ein noch so gut formulierter Demo-Flyer.

Wahrscheinlich werde ich nicht das letzte Mal mit einem Plakat durch die Stadt gelaufen sein. Und ich werde auch noch den ein oder anderen Flyer verteilen. Mein Euphorie wird sich trotzdem auf andere Dinge konzentrieren. Ich mag zwar „demomüde“ geworden sein, aber meine Energie kann ich dafür jetzt umso effektiver einsetzen.

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2 Kommentare zu “Mal wieder auf die Straße?

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