Das Unmögliche fordern

Es ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich in meine erste eigene Wohnung gezogen bin. Nachdem ich meine ersten Studentenjahre ganz klassisch in den entsprechenden WGs verbracht hatte, trieb es mich in die selbst gewählte Einsamkeit. Und ich war unglaublich glücklich damit: Ein Badezimmer ganz für mich allein, kein notgedrungener Small-Talk, kein Ärger wegen Müll, Kühlschrank oder Müll im Kühlschrank. Klar, es war eine schöne Zeit und ich habe viele nette Menschen kennengelernt. Aber ich hatte genug, ich musste etwas ändern.

Nun ist es wieder soweit. Veränderung steht an – und zwar in die genau entgegengesetzte Richtung. Gleich mit einem guten Dutzend anderer Menschen wohne ich jetzt zusammen. Und ich teile mit ihnen nicht nur das Badezimmer und den Kühlschrank, sondern auch mein Geld, meine Gefühle und Gedanken. Das Zusammenleben geht über das einer Wohngemeinschaft hinaus, denn die Villa Locomuna versteht sich als politische Kommune.

Politik ohne Parteien

Nein, meine Mitbewohner*innen heißen nicht Sahra Wagenknecht oder Renate Künast. Zum Glück. Die Beschreibung „politisch“ hat in diesem Zusammenhang nämlich nichts mit Parteien, Wahlen oder dem Bundestag zu tun. Es geht vielmehr darum, gemeinschaftliche Strukturen zu entwickeln, die die Kommunard*innen auch gesamtgesellschaftlich für erstrebenswert halten. Im Gegensatz zum Konkurrenzdenken, Profitstreben und Leistungsdruck der vom Kapitalismus geprägten Gesellschaft wollen sie zu einem Lebensstil finden, der allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht und gleichzeitig die Grenzen unserer Umwelt anerkennt.

Ablehnung von Machtstrukturen

Ein zentraler Aspekt ist dabei die Selbstorganisation innerhalb der Kommune. Vorrangiges Ziel ist ein gleichberechtigtes Miteinander, in dem Machtstrukturen abgelehnt werden. So werden Entscheidungen zum Beispiel nicht nach dem Mehrheitsprinzip getroffen, sondern im Konsens. Das bedeutet, dass nach einer Lösung gesucht wird, die alle Kommunard*innen mittragen können.

Soziale Hierarchien, die sonst durch unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten entstehen, werden durch solidarökonomische Prinzipien aufgebrochen: Es gibt eine gemeinsame Kasse für alle, zu der jede*r seinen Beitrag leistet und nach seinen persönlichen Bedürfnissen Geld entnehmen kann.

Gleiches gilt für Herrschaftsstrukturen, die sich zwangsläufig aus Privateigentum entwickeln. Sie spielen keine Rolle mehr, wenn eine Kommune auf Gemeineigentum beruht. Menschen sollen nicht länger nach ihrer jeweiligen Leistung beurteilt werden, sondern unabhängig davon mit all ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen respektiert werden.

Mehr als eine Utopie

Klingt utopisch? Ist es aber nicht. Eine beachtliche Zahl politischer Kommunen zeigt schon seit Jahren und Jahrzehnten, dass es möglich ist, sich diesen Zielen immer weiter zu nähern. Obwohl sich an den äußeren Rahmenbedingungen nichts geändert hat, sie teilweise sogar noch beängstigender geworden sind, behaupten diese Gemeinschaften ihre Vorstellung von einer alternativen Lebensweise. Meist spielt auch die Wirkung in die nähere Umgebung eine wichtige Rolle. Es geht schließlich nicht darum, kleine Wohlfühl-Inseln für System-Aussteiger*innen zu schaffen, sondern einen handfesten Gegenentwurf zur Gesellschaft zu entwickeln und diesen auch bekannt zu machen.

Es sind also zwei Perspektiven, aus denen die Kommunen als politisch anzusehen sind. Auf der einen Seite steht die tägliche politische Praxis: Wie kommuniziere ich mit den anderen? Wie organisieren wir unsere Arbeit? Wie sorgen wir für uns, materiell und emotional? Wie gehen wir mit Konflikten um? Dabei stehen natürlich auch Themen wie der ökologische Fußabdruck auf der Tagesordnung, also zum Beispiel: Was, wie und wie viel konsumieren wir? Wie viel Energie verbrauchen wir und wo kommt sie her? Welche Fortbewegungsmittel benutzen wir?

Eigene Entscheidungen treffen

Dieser Alltag ist kein Selbstzweck, auch wenn solche Fragen für mich persönlich einen hohen Stellenwert haben. Vielmehr hat er etwas progressives, weil ich nicht länger nur auf politische Entscheidungen reagiere, die andere für mich getroffen haben. Natürlich kann ich auch auf die Straße gehen, wenn mir ein Gesetz nicht passt oder mir die Verhältnisse gegen den Strich gehen.

Ich kann aber auch selbst aktiv werden und Verhältnisse schaffen, wie ich sie mir vorstelle – zumindest so weit wie eben möglich. Im besten Fall werden andere Menschen (außerhalb der Kommune) darauf aufmerksam und fangen an, miteinander zu diskutieren, Ideen zu entwickeln und sich von den unhinterfragten Wahrheiten unserer Gesellschaft Stück für Stück zu verabschieden.

Arbeit und Leben gehören zusammen

Auf der anderen Seite kann Kommune auch die Grundlage sein, um überhaupt politisch aktiv sein zu können. Die gemeinsame Ökonomie macht die Kommunard*innen unabhängiger von finanziellem Druck. Viele können weniger Zeit in die Erwerbsarbeit investieren, weil ihr Lebensunterhalt nicht mehr davon abhängt. Gleichzeitig teilen sie sich die Versorgungsarbeit mit anderen. So bleibt mehr Zeit für politische Arbeit in verschiedenen Initiativen, Bündnissen und Gruppen, die in der Kommune auch als solche anerkannt wird – und nicht als persönlicher Zeitvertreib abgetan wird. Die sonst so strikte Teilung zwischen Leben und Arbeit wird bewusst aufgegeben.

Natürlich darf dabei auch nicht unter den Tisch fallen, dass das Kommuneleben an sich ebenfalls einiges an Zeit in Anspruch nimmt. So finden zum Beispiel regelmäßig Plena statt oder Arbeitsgruppen treffen sich, um ein bestimmtes Thema vorzubereiten. Es braucht die Bereitschaft, sich an diesen Prozessen zu beteiligen, Energie zu investieren und sich Konflikten zu stellen. Diese Bereitschaft speist sich (und da kann ich natürlich nur für mich sprechen) aus der persönlichen Überzeugung, dass es sich lohnt und ein größeres Ziel dahinter steckt.

Das Unmögliche fordern

Mit der Zeit wird es hoffentlich immer selbstverständlicher, dass Minderheiten bei Entscheidungen nicht mehr einfach übergangen werden, sondern so lange nach einer Lösung gesucht wird, bis alle mit dem Ergebnis leben können. Irgendwann wird dann auch nicht mehr zur Debatte stehen, ob ein Lohn zum Leben reicht, weil die Befriedigung der Bedürfnisse nicht mehr vom Geldbeutel abhängt. Und niemand wird mehr über einen anderen Menschen bestimmen können, nur weil irgendeine Abhängigkeit besteht.

Unmöglich? Das glaube ich nicht. Und selbst wenn, antworte ich gerne mit einem Zitat des Anarchisten Michail Bakunin: „Diejenigen, die immer nur das Mögliche fordern, erreichen gar nichts. Diejenigen, die aber das Unmögliche fordern, erreichen wenigstens das Mögliche.“

Zum Weiterlesen:

Das Kommunebuch – utopie. gemeinsam. leben.“ ist Ankündigung und Programm zugleich. In diesem Buch berichten Autor*innen über kommunitäre Lebenszusammenhänge, über ihre Standpunkte, Ziele, Wünsche und Hoffnungen, aber auch über Probleme und kritische Auseinandersetzungen innerhalb der Kommuneszene.


Kommune: Eine bewusste Entscheidung
(6. Oktober 2014)

Keine Angst vor Anarchismus (29. Oktober 2012)

Ein Traumjob: Politisch sein (1. September 2014)

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7 Kommentare zu “Das Unmögliche fordern

  1. In der Theorie hören sich die Prinzipien des Lebens in der Kommune wie Du diese beschreibst an, als seien diese gegenläufig zu denen in unserer Gesellschaft. Wenn Du das in Eurer Kommune so erlebst, finde ich das schön.
    Ich denke, Herrschaftsstrukturen lassen sich nicht nur am Geld festmachen, und wenn Konflikte auftauchen, die richtig die Seele aufwühlen und der innerste Kern sich angegriffen fühlt, seien es die eigene Werte, das vermeintliche Wohlergehen des eigenen Kindes u.a., so sind oft die alten Muster, in Kampfposition zu gehen nicht fern.
    Ich habe eine Kommune mitgegründet und bin wieder ausgestiegen, weil es mir mit den anderen zusammen nicht gelungen ist, diese „hehren politischen Ziele“ auch nur annähernd zu verwirklichen, wohlgemerkt auch mir nicht.
    Das war für mich eine große Enttäuschung und erforderte von mir eine mentale Neuorientierung.
    Meine Schlußfolgerung ist, daß es klappen kann wenn Leute aufeinander treffen, die auf vielen Ebenen Gemeinsamkeiten haben, in politischen Fragen, in dem was ich „Alltagskultur“ nennen würde, in Formen der Kommunikation und des persönlichen Umgangs, in Interessen und Leidenschaften für z.b. Musik, Tanz usw.
    Auch die gemeinsame Ökonomie ist eine Frage der konkreten Ausgestaltung,
    sowie der vorhandenen Ressourcen „Zeit“ und „Raum“ innerhalb der Kommune.
    Nach meinem Ausstieg sage ich:
    Ich finde es gut, wenn sich Menschen finden, die miteinander leben möchten,
    und dies auch schaffen. Dies schafft neben persönlichem Wohlergehen auch Synergieeffekte,
    die sich ökologisch positiv auswirken.
    Aber als politisches Modell würde ich die Form der Kommune nach ´dieser Erfahrung nicht mehr sehen.
    Außerdem finde ich, daß Kommunardinnen sich häufig zu sehr mit sich selbst und der Gruppe beschäftigen, sodaß sie kaum mit der übrigen Umgebung in Kontakt treten.
    Diesen Blick habe ich im Moment, und auch die vernetzten Kommunen um Kaufungen herum,
    so scheint es mir, vernetzen sich untereinander, was ich gut finde,
    wirken allerdings gegenüber denen, die nicht zum kommunalen Umfeld gehören,
    ausschließend.
    Politik hat für mich immer auch etwas mit Wirkung in die Öffentlichkeit hinein zutun,
    ins Dorf, in die Stadt,
    gemeinsame Aktivitäten mit Menschen, die nicht immer und unbedingt den Lebensentwurf teilen, den Leute in die Kommunen führt.

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