Ohne Polizei und Pfefferspray: Antikapitalismus konkret

Es hat nicht lange gedauert, da geisterten sie wieder durch die Medien: Die ach so gewaltbereiten Aktivist*innen, die nichts anderes im Sinn haben als Zerstörung, Sachbeschädigung und Schlägereien mit der Polizei. Auch nach den diesjährigen Blockupy-Protesten durften diese Bilder natürlich nicht fehlen: Böse Antikapitalist*innen, die über Zäune klettern und die Europäische Zentralbank mit Farbbomben bewerfen. Und ich frage mich, wer denn gefährlicher ist: Die 2000 Demonstranten, die in Frankfurt gegen die Sparpolitik der Troika protestieren? Oder der „alternativlose“ Kapitalismus, der die tägliche Ausbeutung von Mensch und Natur in Kauf nimmt, um das Rad des Profits am Laufen zu halten?

Mir wird tatsächlich angst und bange, wenn ich über diese Bedrohung nachdenke – und ich spreche nicht von Farbbomben. Nein, in meinem Kopf tauchen Bilder von Menschen auf, die keine Arbeit finden, die nicht genug Geld zum Leben haben, die hungern müssen. Bilder von voll gestopften Supermärkten, die mehr verkaufen wollen, als wir verbrauchen können. Bilder von Naturkatastrophen, die Millionen von Menschen in existenzielle Notlagen gebracht und gleichzeitig das Bruttoinlandsprodukt gesteigert haben. Bilder von deutschen Waffen, die hierzulande die Exportkasse klingeln lassen, während andernorts Zivilisten getötet werden.

Legitimer Protest wird kriminalisiert

Gegen all das wirken die Aktionen von Blockupy geradezu harmlos. Nichts desto trotz gelingt es wieder einmal, unseren legitimen Protest zu kriminalisieren. Die vielen Missstände, gegen die er sich richtet, geraten dabei völlig aus dem Blickfeld – dabei sind sie das eigentliche Verbrechen. Das in Frankfurt soll heftig gewesen sein? Nein, das war nichts im Gegensatz zu dem, was angeprangert wird. Und es war hoffentlich erst der Anfang.

Leider führt die Berichterstattung und Kommentierung solcher Ereignisse immer wieder dazu, dass Begriffe wie „Antikapitalismus“ oder „Anarchie“ völlig verzerrt werden. Anstatt sie mit Freiheit, Würde und Gerechtigkeit in Verbindung zu bringen, zucken viele Menschen zusammen, wenn sie zur Sprache kommen. Umso wichtiger ist es, diesen Assoziationen etwas entgegenzusetzen. Was machen Antikapitalist*innen eigentlich, wenn sie nicht demonstrieren? Wie stellen sie sich die Gesellschaft vor? Und mit welchen Mitteln verändern sie die Welt?

Postkapitalistische Landwirtschaft

Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich auf das Beispiel der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) eingehen. Sie bietet zum einen konkrete Ansätze, die mit der kapitalistischen Logik brechen. Zum anderen wird sie inzwischen deutschlandweit von vielen Menschen umgesetzt. Langsam aber sicher verlässt sie die alternative Nische und findet immer mehr Beachtung in Mainstream-Medien, Politik und Bevölkerung. Produzent*innen und Verbraucher*innen begeistern sich gleichermaßen für die Ideen, Berührungsängste werden immer weniger – eine gänzlich andere Entwicklung als bei aktionistischen Demonstrationen.

Sicherlich gibt es in der Solawi ganz unterschiedliche Motivationen und Ausrichtungen. So steht für manche Menschen die gemeinschaftliche Praxis im Vordergrund, die die Entfremdung zur Natur abmildern soll. Für andere geht es vor allem um eine Unterstützung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Darüber hinaus sehen viele Menschen die Solawi aber als Teil eines gesellschaftspolitischen Wandels. Sie kritisieren die Warenförmigkeit des Kapitalismus (speziell von Lebensmitteln) und die Gewinnmaximierung auf Kosten von Mensch, Natur und sozialem Zusammenleben.

Entmonetarisierung der Versorgung

Als Lösung dieser Probleme sehen sie die Dekommodifizierung von Lebensmitteln, das heißt die gewohnte Kopplung von Geld und materieller Gegenleistung wird aufgehoben. Gleichzeitig verschwindet auch die strikte Trennung von Produzent*innen und Konsument*innen, weil sie gemeinsame Entscheidungen treffen und alle Bedürfnisse und Wünsche miteinbezogen werden.

Der Gedanke der Solidarität ist dabei zentral – und das in dreifachem Sinne. Zunächst gilt sie denjenigen, die in der Landwirtschaft tätig sind. Ihr finanzielles Risiko wird auf viele Schultern verteilt und sie werden angemessen entlohnt. Je nach Projekt findet auch eine praktische Unterstützung in Form von Mithilfe auf dem Feld statt.

Unter den Mitgliedern der Solawi kommt die Solidarität vor allem dann zum Tragen, wenn jede*r selbst entscheiden kann, wie viel Geld er oder sie in das Projekt einbringen will und kann. Es geht nicht darum, für eine bestimmte Ware zu bezahlen, sondern die Solawi als Ganzes zu finanzieren. So können auch Menschen mit geringeren finanziellen Möglichkeiten teilhaben. Nicht zuletzt bezieht sich die Solidarität auf die Natur, die im Rahmen der Solawi ökologisch und nachhaltig bewirtschaftet wird.

Alle Bedürfnisse werden befriedigt

Im Gegensatz zum Kapitalismus orientiert sich die Solawi nicht an einem möglichst hohen Profit, sondern an den Bedürfnissen der Menschen. Es wird so (viel) produziert, dass die Bedürfnisbefriedigung aller sichergestellt ist. Überschuss, Verschwendung und Mangelware fallen so nicht mehr an. Es ist auch kein Marketing mehr nötig, um die Ware an den Mann oder die Frau zu bringen. Die Existenz der Produzent*innen ist sichergestellt – unabhängig von Preis- und Marktentwicklungen.

Gleiches gilt für die Verbraucher*innen: Ihr Recht auf gute Nahrung ist unabhängig von ihrem Einkommen oder ihrem „Wert“ auf dem freiem Markt. Die Solawi versucht, den Wert von Geld zu entkoppeln, und stattdessen den Blick auf Potenziale und Bedürfnisse zu lenken. Gleichzeitig sorgt der direkte Kontakt dafür, dass die Entfremdung der kapitalistischen Produktion aufgehoben wird – sowohl zwischen Konsument*innen und Produzent*innen, als auch zwischen Konsument*innen und Produkten.

Problemfelder beackern

Natürlich lassen sich all diese Ideen nicht problemlos und von heute auf morgen in Reinform umsetzen. Dafür gibt es zu viele potenzielle Problemfelder, die gemeinsam – im wahrsten Sinne des Wortes – beackert werden müssen. Vor allem die kapitalistische Sozialisation kann eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, bestimmte Gewohnheiten und Glaubenssätze zu hinterfragen. Zudem befinden sich die Projekte nicht im luftleeren Raum. Sie sind von finanziellen Beiträgen abhängig, die (noch) aus verwerteter Arbeitskraft stammen und für kapitalistische Erzeugnisse ausgegeben werden (z.B. Saatgut, Diesel). Schritt für Schritt können und müssen diese Herausforderungen angegangen werden.

Wichtig ist dabei natürlich auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. So wie die Solawi in die Gesellschaft hineinwirkt, ist sie gleichzeitig darauf angewiesen, dass sich auch außerhalb der Projekte postkapitalistische Strukturen bilden – und gleichzeitig eine Stimmung erzeugt wird, die den Wandel greifbar und erlebbar macht. Die Veränderungen im Alltag und auch die Proteste auf der Straße haben ihre Berechtigung. Gefahr sieht für mich wahrlich anders aus.

Quellen:

Perspektiven zur Solidarischen Landwirtschaft: Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Forschungsgruppe SoLawi der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2014.

Cropp, Jan Hendrik: Was ist eigentlich „solidarisch“ an der „Solidarischen Landwirtschaft“? (2013)

Cropp, Jan-Hendrik: Post-kapitalistische Landwirtschaft -Potentiale, Probleme und Perspektiven. (2012)

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2 Kommentare zu “Ohne Polizei und Pfefferspray: Antikapitalismus konkret

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