Gemeinsame Ökonomie: Ungleiche an gedeckten Tischen

Es mutet schon ein wenig paradox an: Ich sitze in einer Vorlesung und lasse mir die Grundlagen der Volkswirtschaftslehre erklären. Das ist nicht sonderlich kompliziert und klingt auf den ersten Blick auch alles relativ logisch. Verlasse ich allerdings den Hörsaal, bekommt diese Logik gewaltige Risse – und das gleich aus zwei Gründen.

Zum einen hält sie in keinster Weise der Realität stand. Die ganzen Modelle, die mir der Professor präsentiert, gehen von Annahmen aus, die im besten Falle sehr weit hergeholt sind. So schafft sich zum Beispiel im Neoklassischen Grundmodell jedes Angebot seine Nachfrage. Ganz automatisch, einfach so. Heißt: Egal, was die Unternehmen produzieren, irgendjemand wird es schon konsumieren. Gleichzeitig sorgt das Gleichgewicht des Marktes (bzw. der entsprechende Lohn) dafür, dass das Arbeitsangebot der Menschen der Arbeitsnachfrage der Unternehmen entspricht. Heißt: Arbeitslosigkeit gibt es nicht. Aha. Die Welt ist eine Scheibe und alle sind glücklich.

Plurale Ökonomik

Es gäbe noch unzählige Kritikpunkte, die ich hier anführen könnte. Warum ich mich trotzdem für dieses Studium entschieden habe, habe ich an anderer Stelle schon erläutert. Zum Glück bin ich auch nicht die einzige, die inzwischen verstanden hat, dass die Wirtschaftswissenschaften einer gründlichen Inventur unterzogen werden müssen. Und es gibt wahrscheinlich genug Menschen, die die Gründe dafür besser erklären können als ich, zum Beispiel Niko Paech oder das Netzwerk Plurale Ökonomik, das unter anderem an meiner Uni aktiv ist.

Neben dieser eher theoretischen Auseinandersetzung mit unserem Wirtschaftssystem gibt es aber auch ganz praktische Gründe, die mich nach der Uni wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen: Ich fahre noch kurz im Bioladen vorbei. Wie jede*r andere stelle ich mich an der Kasse an, um zu bezahlen. Aber etwas ist anders: Das Geld, das ich aus meinem Portemonnaie nehme, ist nicht von mir. Jedenfalls nicht nur. Es stammt aus der gemeinsamen Kasse der Kommune, in die meine Mitbewohner*innen und ich unser gesamtes Einkommen einzahlen. Jede*r von uns hat Zugang zu dieser Kasse und kann sich bei Bedarf bedienen.

Gemeinsam wirtschaften

Hinter diesem scheinbar simplen Vorgang steckt eine kleine Revolution. Das merke ich spätestens dann, wenn ich anderen Menschen davon erzähle. Die Vorstellung, das eigene Einkommen abzugeben und mit anderen zu teilen, ist ihnen nicht nur fremd, sie macht ihnen sogar Angst. So sehen sie zum Beispiel ihre Autonomie in Gefahr: „Kann ich dann überhaupt noch alleine entscheiden, wofür ich mein Geld ausgebe?“ Oder sie äußern Zweifel, ob dieses System überhaupt funktionieren kann. Sie gehen fast automatisch davon aus, dass das Geld nicht reicht, weil viele mehr nehmen als sie einbringen.

Dass die gemeinsame Ökonomie, wie diese Art des Wirtschaftens auch genannt wird, sehr wohl funktionieren kann, steht für mich außer Frage. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Kommunen und Gemeinschaften, die erfolgreich gemeinsame Ökonomie betreiben – und das teilweise schon seit vielen Jahren, wie zum Beispiel die Kommune Niederkaufungen. Diese Beispiele sind es, die auf praktischer und theoretischer Ebene eine Grundlage für Alternativen zum Kapitalismus schaffen, die sehr viel eher unserer Lebensrealität, unserem Wesen und unseren Bedürfnisse entsprechen.

Ungleichheit abschaffen

Gemeinsam ist den meisten eine grundsätzliche Kritik der Verhältnisse im Kapitalismus: Herrschaft, Abhängigkeit und Ungleichheit. Diese lassen sich vielleicht abmildern und beschönigen, sie lassen sich innerhalb des Systems aber nicht abschaffen. Deshalb braucht es einen grundlegend anderen Ansatz. Das bedeutet zunächst einmal eine teilweise bis völlige Aufgabe von Privateigentum zu Gunsten von Gemeinschaftseigentum: Ich stelle mein Einkommen vollständig der Kommune zur Verfügung.

Unabhängig von der Höhe meines finanziellen Beitrages kann ich sicher sein, dass ich innerhalb der Kommune meine Bedürfnisse befriedigen kann. Ich wohne, ich esse, ich nehme am sozialen Leben teil und ich kann meine Zeit in die Dinge investieren, die ich für richtig und wichtig halte. Natürlich befreit mich das nicht von einer gewissen Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber, aber es entlastet mich.

Ich bin nicht gezwungen, unter allen Umständen meine „Arbeitskraft“ am „freien Markt“ anzubieten und zu verkaufen, um meine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Ich werde nicht länger aufgrund meiner Leistung bewertet, sondern bin gleichberechtigter Teil einer Gemeinschaft, die sich fortlaufend über ihre Möglichkeiten und Wünsche verständigt.

Nicht nur finanziell: Zeitökonomie

Ich bin freier, was die Gestaltung meiner Erwerbsarbeit angeht, weil die Kommune mich abfedert. Das heißt, ich kann nach einem Job suchen, der meinen Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnissen entspricht. Ich kann mich selbstständig machen oder in einem Kollektiv arbeiten. Ich kann Sozialleistungen in Anspruch nehmen, ohne dafür stigmatisiert zu werden und an den Rand des Existenzminimums (und der Gesellschaft) gedrängt zu werden.

Gleichzeitig kann ich mich auf andere Weise in die Kommune einbringen, denn hier spielen auch Dinge eine Rolle, die in der Verwertungslogik des Kapitalismus sonst unter den Tisch fallen: Reproduktionsarbeit, soziale Arbeit und politische Arbeit wären solche Beispiele. Sie werden selten oder schlecht entlohnt, sind aber unerlässlich für das Funktionieren einer Gesellschaft.

„Nicht Arm und Reich säßen am ungleich gedeckten Tisch, sondern Ungleiche säßen an gedeckten Tischen. Und in der Ungleichheit würden die Menschen die Potentiale erkennen, die andere haben und ihre eigenen anbieten. Doch nicht um zu konkurrieren, sondern um zu kooperieren.“ (Das Kommunebuch – Utopie. Gemeinsam. Leben. 2014, S. 190)

Wenn ich etwas brauche, kann ich mich jederzeit an der Kasse bedienen. Komischerweise gehen die meisten Menschen davon aus, dass diese Möglichkeit ausgenutzt wird – würden es selbst aber nie tun. Eine sehr bezeichnende Beobachtung, wie ich finde. Ähnliches zeigt sich auch in Umfragen zum Bedingungslosen Grundeinkommen: Viele glauben, dass niemand mehr arbeiten würde, geben aber an, selbst gerne weiter arbeiten zu wollen.

Eigentlich sind diese Ergebnisse kein Wunder. Schließlich lernen wir unser Leben lang, dass unsere Wirtschaft auf Egoismus und Konkurrenz beruht. Die Begründung lautet häufig, dass dies dem Wesen des Menschen entspreche. Ein krudes Argument! Selbst wenn dem so wäre, sollten wir dann nicht erst recht Strukturen schaffen, die auf Solidarität und Kooperation setzen, anstatt unsere negativen Eigenschaften noch herauszufordern?

Was brauchen wir wirklich?

In der gemeinsamen Ökonomie entscheiden die Menschen gleichberechtigt – auch über ihren Konsum. Das Wichtigste ist auch hier wieder die Verständigung: Was brauche ich wirklich? Was brauchen die anderen? Wie können wir unsere Bedürfnisse unter einen Hut bringen? Ich glaube, viele fürchten genau eine solche Auseinandersetzung, weil sie nicht gezwungen sein wollen, sich zu rechtfertigen. Vielleicht steckt schon die Einsicht dahinter, dass sie einige ihrer Konsumgewohnheiten möglicherweise nicht sinnvoll begründen können. Aber jenseits von Anklage und einem schlechten Gewissen steckt darin vor allem die Chance, herauszufinden, was hinter meinen Gewohnheiten steckt. Welches tatsächliche Bedürfnis steckt dahinter, das ich vielleicht auch anders befriedigen könnte?

Alltags- und Vermögensökonomie

Über die Alltagsökonomie hinaus streben viele Gemeinschaften auch eine gemeinsame Vermögensökonomie an, das heißt, sie bilden gemeinsam Rücklagen und Vermögen in Form von Geld oder Gütern. So findet auch langfristig eine Umverteilung statt. Es entstehen Freiräume, weil nicht jede Person selbst für die ökonomische Sicherheit verantwortlich ist. Stattdessen bewegen sich alle in einer Art Netz.

Dieses Netz ist es, das dem Kapitalismus seine entscheidende Funktion raubt: Menschen werden nicht länger durch Geld bewertet. Sie sind nicht länger abhängig vom Markt, sondern können ihre individuellen Fähigkeiten einbringen, wie auch immer sie aussehen mögen. Sie können gemeinsam frei entscheiden mit der Gewissheit, dass sie ihr Auskommen gemeinsam bestreiten.

Klingt das nicht viel eher nach uns als das ständige Gerede vom gierigen Egoisten? Erkennen sich darin nicht viel mehr Menschen wieder als im Karriere- und Profitdenken? Warum sollen wir versuchen, die Folgen der ökonomischen Ungleichheit in unserer Gesellschaft zu heilen, wenn wir sie auch gleich abschaffen können? Die Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften hätten dann jedenfalls endlich ausgedient.

Foto: Aline Stephan

Foto: Aline Stephan

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8 Kommentare zu “Gemeinsame Ökonomie: Ungleiche an gedeckten Tischen

  1. Für mich ist eines klar: Bei einem bedingungslosem Grundeinkommen, welches zur Befriedigung meiner Grundbedürnisse genügt, würde ich keiner Lohnarbeit mehr nachgehen. Ich würde sicher in irgendeiner Form arbeiten, ja. Aber auf eine mich erfüllenden Art und nicht für jemand anderen, der auf meine Kosten Kapital anhäuft. Ich verstehe schon lange nicht mehr, warum heute noch so viele Menschen der calvinistischen Arbeitsethik anhängen.

    Die Vermögensökonomie, von der Du sprichst, erinnert mich in der von Dir wiedergegebenen Form etwas zu sehr an kapitalgedeckte Vorsorge. Auch wenn hier keine Institutionen daran verdienen, enthält sie doch eine ähnliche Unsicherheit. Eine dauerhafte gegenseitige Hilfe durch Umlage kann eigentlich nur in einem selbstgestalteten ökonomischen Biotop funktionieren. Einem Netzwerk nicht nur aus lohnabhängigen Individuen, sondern auch aus Produzenten und Dienstleistern. Die von dir zuletzt erwähnte solidarische Landwirtschaft z.B., nur weiter gedacht. Etwas, worauf die Eigentumsapologeten aus Banken und Staat nur noch mit unmittelbarer Gewalt aber nicht mehr durch Änderung ökonomischer Rahmenbedingungen Einfluss nehmen könnten.

    Natürlich werden sie das. Auch 500 Jahre nach den Bauernkriegen und den 12 Artikeln drängen sich wirkenden Mächte noch immer bis in das Privatleben der Menschen. Aber es wird ihnen die Masken vom Gesicht reißen. Und die Antwort freier Menschen wird anders sein als die von abhängigen Lohnsklaven. Vielleicht käme es zu einem erneuten Bauernkrieg, vielleicht ließe sich dieser dieses Mal gewinnen… Naja, von „Wir haben es satt!“ bis dahin, ist es noch ein längerer Weg. Erstmal müssen die Menschen ihr Stockholm-Syndrom loswerden. Und ich find es gut, dass ihnen jemand zeigt, wie es geht.

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