Über den Wolken … hört die Freiheit auf

Es ist nicht so, dass ich auf graue Wolken stehe. Im Gegenteil. Auch mir drückt die deutsche Durchschnitts-Wetterlage in der kalten Jahreszeit schon mal auf die Stimmung. Trotzdem würde es für mich nicht mehr in Frage kommen, einfach in einen Flieger zu setzen und mir ein paar „schöne“ Tage am Strand zu machen. Selbst wenn ich es mögen würde, stundenlang in der Sonne zu braten, wären ein Wochenend-Trip nach Mallorca oder der Pauschal-Urlaub an der spanischen Mittelmeerküste keine Option. Denn Reisen mit dem Flugzeug gehören für mich der Vergangenheit an.

Ich rede hier von einer Grundsatzentscheidung und die haben mitunter sichtbare Konsequenzen im Alltag. Doch Flugreisen gehörten noch nie zu meinen regelmäßigen Tätigkeiten und so stehe ich eher selten vor dem Problem, weite Strecken zurücklegen zu müssen – oder zu wollen. Meine beruflichen und politischen Aktivitäten beschränken sich bislang auf Deutschland (oder das nahe europäische Ausland). Und Urlaub, nun ja, der spielt in meinem Leben wahrscheinlich eine andere Rolle als in der klassischen Jahresplanung von Max und Erika Mustermann.

Tapetenwechsel genug

Ich bin relativ viel unterwegs und habe deshalb nicht so häufig das dringende Bedürfnis nach noch mehr Tapetenwechsel. Nichts tun gehört leider sowieso nicht zu meinen Stärken, deshalb nutze ich freie Zeit meist, um Freunde und Familie zu besuchen oder endlich mal in Ruhe Dinge zu tun, zu denen ich sonst nicht komme. Mallorca brauche ich dafür nicht. Wahrscheinlich würde es mich sogar eher stören.

Innerhalb Deutschlands gibt es genug andere Möglichkeiten, sich (günstig) fortzubewegen – wahlweise nehme ich die Bahn, den Bus oder eine Mitfahrgelegenheit. Und auch innerhalb Europas lassen sich Reisen auch ohne Flugzeug realisieren, wenn mensch ein wenig Zeit und Fantasie mitbringt. Zugegeben, es hat mich einiges an Nerven und Geduld gekostet, bis ich 2012 meine Route durch Frankreich und Spanien nach London geplant hatte – aber diese Reise gab es so nirgendwo zu kaufen. Sie war etwas besonderes, und der ganze Aufwand hat sich gelohnt, zumal mir bewusst war, dass ich so etwas so schnell nicht wieder machen werde.

Shopping-Trip oder Aktivismus

In meinem Leben ist Fliegen im Moment also kein großes Thema. Das ändert sich meistens, wenn ich Leuten begegne, die eine Reise plane oder ganz selbstverständlich auf das Flugzeug zurückgreifen. Keine Frage, es gibt ganz unterschiedliche Gründe, zu fliegen. Ich bin auch bereit, Flugreisen eine unterschiedliche Bedeutung zuzuschreiben. Die Reise zum Weltsozialforum, das 2013 in Tunesien stattgefunden hat, hat für mich zum Beispiel eine andere Wertigkeit als der Shopping-Trip nach Barcelona. Auch wenn sich dank des Internets ein großer Teil der Kommunikation ohne persönliche Treffen abwickeln lässt, sind solche Veranstaltungen wichtig, um globale Proteststrukturen aufzubauen.

Es wäre sowohl vermessen als auch unrealistisch, den gesamten Flugverkehr abschaffen zu wollen. Nichts desto trotz muss die Kritik daran lauter und öffentlicher werden, denn seine gravierenden Auswirkungen stehen in einem krassen Gegensatz zu der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird:

„Der Flugverkehr entwickelt sich bei den erwarteten Zuwachsraten zum Klimakiller Nummer eins unter den Verkehrsträgern. Beim Verbrennen von Kerosin entstehen klimaschädliche Abgase. Sie bestehen überwiegend aus Wasserdampf, Kohlendioxid und Stickoxiden. Diese Stoffe wirken sich in luftiger Höhe dreimal stärker aus als am Boden und vergrößern den Treibhauseffekt entsprechend.“ (Naturschutzbund Deutschland, NABU)

Inzwischen wird der Anteil des Flugverkehrs an der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung auf 12 Prozent geschätzt. Fliegen ist laut NABU die energieintensivste Art, sich fortzubewegen. Bei einer Bus- oder Bahnreise wird, verglichen mit einer Flugreise, im Durchschnitt nur ein Drittel der Energie
benötigt. Obwohl er so schädlich für Natur und Mensch (Stichwort: Fluglärm) ist, wird der Flugverkehr trotzdem kräftig subventioniert und ist zum Beispiel von der Mineralölsteuer befreit.

Die realen Kosten, die ein Flug verursacht, sind in den Preisen nicht zu erkennen. Insbesondere die sogenannten „Billigflieger“, die auch Menschen mit geringem Einkommen locken sollen, verschleiern den Preis, den wir tagtäglich dafür bezahlen. Hinzu kommen noch die Massen an Ressourcen und Flächen, die für Flugzeuge und die dazugehörige Infrastruktur verbraucht werden.

Kein Recht auf Fliegen

Ziehe ich all diese Überlegungen in Betracht, kommt für mich nicht in Frage, nochmal in ein Flugzeug zu steigen. Auch wenn ich von dieser Entscheidung im Alltag noch nicht viel spüre, schränke ich mich dadurch natürlich in gewisser Weise ein. So ist mir bewusst, dass ich viele Länder und Regionen der Welt nie sehen werde. Dass ich vielleicht viele Dinge nicht erleben werde.

Aber woher sollte auch das Recht kommen, dies einzufordern? Wo steht geschrieben, dass ich – nur weil ich das Geld und die Möglichkeiten hätte – durch die Welt fliegen darf, um Spaß zu haben, eine exotische Gegend zu besuchen oder Fotos für mein Album zu machen? Nirgends. Es gibt dieses Recht nicht. Ich würde mir etwas herausnehmen, was Millionen von Menschen ihr Leben lang versagt bleibt – und das auch noch auf Kosten aller.

Genug Redebedarf

Keine Frage also, dass ich der Meinung bin, dass der Flugverkehr enorm eingeschränkt werden muss. Wie und nach welchen Kriterien, steht dabei zur Debatte. Eine fertige Antwort darauf habe ich natürlich auch nicht in der Schublade liegen, was mich aber nicht davon abhält, die Diskussion zu führen. Auch Leute in meinem Umfeld müssen damit leben, dass ich ihnen meine Meinung sage, wenn sie von Flugreisen sprechen. Redebedarf gibt es genug, denn auch bei politisch interessierten Menschen hat das Thema (seltsamerweise) mitunter noch keine Relevanz.

Manchmal bin ich dann wohl wieder die böse Spielverderberin, die ihren Bekannten den lang ersehnten Urlaub madig macht. Mag sein. Das ändert aber nichts an den Tatsachen. Und ganz nebenbei könnten wir uns in einem solchen Gespräch ja auch mal Gedanken darüber machen, warum der Jahresurlaub denn überhaupt so unglaublich wichtig ist. Vielleicht, weil die Arbeitsbedingungen dafür sorgen, dass die Menschen völlig ausgebrannt sind? Dass der Alltag dafür sorgt, dass sie nur noch weg wollen?

Veganismus und Flugzeuge

Übrigens, ehe die Frage kommt: Ja, ich bin in meinem Leben vier Mal geflogen. Nach Madrid, München, London und Accra (Ghana). Mit den Folgen habe ich das erste Mal auseinandergesetzt, als ich vor einigen Jahren Veganerin wurde und mir jemand vorrechnete, wie viele Emissionen durch einen Flug verursacht werden und wie viel Fleisch ich stattdessen essen könnte. Da war mir klar: Ok, das geht nicht.

Inzwischen gibt es die Möglichkeit, seine Reisen mit einer Zahlung „auszugleichen„. Das ist im Grunde keine schlechte Idee, zumindest für Flüge, die sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht vermeiden lassen. Aber wieso sollte ich mir Gedanken darüber machen, wie ich einen Schaden kompensiere, wenn ich ihn gleich ganz verhindern kann? Und auch wenn in Zukunft irgendwelche „umweltfreundliche“ Varianten des Fliegens entwickelt werden sollten, werde ich skeptisch bleiben. Technik ist nicht immer die Lösung, denn es werden weiterhin Ressourcen verbraucht werden und neue Probleme entstehen. Stattdessen sollten wir vielleicht über unsere Einstellung zum Reisen nachdenken – und ob es uns wirklich zusteht, mal eben für 30 Euro nach Ibiza zu fliegen.
Anmerkung:

An der Uni Bochum läuft zur Zeit ein Forschungsprojekt, in dem Student*innen untersuchen, welche Rolle der Klimawandel auf individueller Ebene spielt, speziell inwieweit er bei einzelnen Entscheidungen für oder gegen eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug bzw. der Wahl von Mobilitätsalternativen aber auch weitreichenden Fragen der Lebensgestaltung Berücksichtigung findet. Wer Lust auf ein Interview (sowohl Flieger*in als auch als Nicht-Flieger*in) hat, kann sich an den Dozenten Paul Sebastian Ruppel wenden.

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