Studium der Arbeit

Mein Kopf ist voll. Oder ist er leer? Ich bin mir nicht so ganz sicher. Seit Tagen sitze ich zu viele Stunden am Schreibtisch und versuche, mir Begriffe, Zahlen und Zusammenhänge zu merken, damit ich sie nächste Woche bei meinen Klausuren richtig – und schnell genug – raushauen kann. Da bleibt zwangsläufig nicht viel Platz für anderes, weder in meinem Kopf noch in meinem Terminkalender. Dabei hätte ich doch Besseres zu tun…

Mal wieder befinde ich mich in einem Zwiespalt. Ich möchte so nicht lernen müssen. Ich möchte nicht zu solchem Stress gezwungen sein, nur um eine Prüfung zu bestehen oder einen Abschluss zu machen. Und das liegt nicht an mangelndem Interesse: Tatsächlich finde ich die meisten Dinge, die ich da lerne, ganz spannend und möchte sie verstehen. Das Problem ist nur die schiere Masse – und die Forderung, alles bis ins kleinste Details auswendig zu können, obwohl ich es später (in der Praxis) auch nachschlagen kann. Ich bin gerne bereit, Zeit in bestimmte Themen zu investieren. Aber es sollte sich sinnvoll anfühlen. Und das tut es gerade immer weniger.

Die Rolle der Arbeit

Doch im Moment sehe ich kaum Alternativen. Ich habe mich entschieden, diese Prüfungen zu absolvieren, um mich hoffentlich im Wintersemester für einen Master bewerben zu können. Natürlich zwingt mich niemand dazu. Ich könnte das Ganze auch einfach wieder hinschmeißen, weil mich die Bedingungen an der Uni nerven (und dazu zähle ich auch die Gesprächsthemen meiner Kommiliton*innen) und ich unter Lernen etwas anderes verstehe. Ich könnte irgendwo Erfahrungen sammeln und praktisch werden. Und vielleicht würde ich dabei auch herausfinden, was ich mir eigentlich unter Arbeit vorstelle und welche Rolle sie in meinem Leben spielen soll.

Unbezahlte Tätigkeiten

Nebenbei bemerkt: Ich bin der festen Überzeugung, dass der Arbeitsbegriff, der in unserer Gesellschaft vorherrscht, einer Generalüberholung bedarf. Und ich würde dazu gerne einen Beitrag leisten – aber das ist leichter gesagt, als getan. Da sind zum einen die ökonomischen Zwänge und zum anderen der Mangel an tragbaren Alternativen. Mir fallen spontan tausend Dinge ein, die ich gerne tun würde und die ich für sinnvoll erachte (nicht nur für mich), aber das meiste davon fällt unter ehrenamtliches Engagement, politische Arbeit, Reproduktionsarbeit oder Hobby. Geld bekomme ich dafür keins. Und das ist leider immer noch die Grundvoraussetzung, um in dieser durchökonomisierten Welt zu (über)leben.

Karriere mit 25?

So sitze ich auf dem Sofa, lerne Karteikarten auswendig und versuche auszublenden, was sich dabei in meinem Kopf abspielt. Und ich merke, wie der „ganz normale“ Wahnsinn von mir Besitz ergreift: Ich bekomme Panik, dass ich die Klausuren nicht bestehe, obwohl ich mir so viel Mühe gegeben habe. Dass ich im entscheidenden Moment nicht die richtige Lösung weiß, obwohl ich mich so gut vorbereitet habe. Dass ich am Ende des Semesters nicht die nötigen Voraussetzungen für die Master-Bewerbung erfülle.

Und wenn? Was würde passieren? Ich hätte mein Ziel nicht erreicht. Schlimm genug – ich bin zugegebenermaßen nicht besonders gut darin, Misserfolge zu akzeptieren. Trotzdem könnte ich einfach aufgeben und mir etwas anderes suchen. Oder ich könnte einen weiteren Anlauf wagen. Doch gleich schießt mir eine Zahl durch den Kopf: Ich bin 25 Jahre alt. Da sollte ich doch langsam mal zu Rande kommen mit dem Master, oder? Es ist verrückt: Noch nie hat mich jemand darauf angesprochen oder mir gar Druck gemacht. Und trotzdem bin ich gestresst von der Vorstellung, noch ein Semester länger zu brauchen.

Erfolgsrezept: Selbstvermarktung

Wenn das Studium so eine Strapaze ist, warum tue ich es mir dann an? Ich habe einen Bachelor-Abschluss in Journalistik, ich könnte mich also auch einfach zurücklehnen und damit etwas anfangen – wobei zurücklehnen den Kern der Sache wohl nicht ganz trifft. Die Stellen für Redakteur*innen sind rar gesät und für die meisten Medien würde ich ohnehin nicht arbeiten wollen. Als freie Journalistin ist das Leben ebenfalls kein Zuckerschlecken. Sofort tauchen vor meinem geistigen Auge Schlagworte wie Selbstvermarktung, Honorarverhandlungen und Auftragsakquise auf. Nein, vielen Dank auch!

Stress unter anderen Bedingungen

Ehe nun der Vorwurf aufkommt, ich hätte eine zu naive Vorstellung vom Leben und wollte jeglichen Stresssituationen aus dem Weg gehen wollen – den kann ich guten Gewissens entkräften. Ich wage von mir behaupten, dass ich Arbeit und Stress nur sehr selten aus dem Weg gehe. Nur möchte ich ihn mir selbst aussuchen. Mein Terminkalender ist gut gefüllt und Langeweile kommt so gut wie nie auf. Ich mache auch nicht nur „schöne“ Dinge, wie immer mensch diese für sich definiert. Ich fühle mich gern ausgelastet und gefordert. Nur fühlen sich die Rahmenbedingungen dafür in den meisten Fällen nicht besonders gut an – sei es in der Zeitungsredaktion, beim Job im Bioladen oder eben in der Uni.

Neugier, Interesse und Skepsis

Und trotzdem habe ich mich wieder eingeschrieben. Es war einfach dieses Gefühl, dass ich noch nicht fertig bin. Dass ich mich mit bestimmten Themen intensiver auseinandersetzen möchte, als ich es alleine und ohne Input könnte. Neugier, Interesse und gleichzeitig große Skepsis haben mich dazu gebracht, mich unter die Wirtschaftswissenschaftler*innen zu mischen. Ich wollte einfach noch mehr wissen, noch mehr erfahren, noch mehr denken und diskutieren anstatt einer „geregelten Arbeit“ nachzugehen. Und natürlich reizen eine politische Aktivistin auch die bequemen Vorteile des Studentenlebens: relativ freie Zeiteinteilung, Semesterferien, eine günstige Krankenversicherung und ein Studententicket für Bus und Bahn. Ein solches Angebot findet mensch so schnell in keiner Stellenausschreibung.

Schade eigentlich. Denn so oder ähnlich stelle ich mir die Bedingungen vor, unter denen Menschen in einer Gesellschaft arbeiten: Sie können frei entscheiden, wofür sie ihre Zeit verwenden und welcher Arbeit sie nachgehen. Sie tun genug „schöne Dinge“. Ihre Grundbedürfnisse sind erfüllt, unabhängig davon, wie sie ihr Leben gestalten, denn es ist genug für alle da. Wenn sie in den Bus steigen, müssen sie kein Ticket kaufen. Und wenn sie krank sind, gehen sie zuerst zum Arzt und dann ins Bett – ohne Angst zu haben, ihren Job zu verlieren.

Jenseits des Kapitalismus

Ja, mag sein, dass das nun doch etwas naiv klingt. Positiver ausgedrückt, würde ich es utopisch nennen. Das macht es für mich aber noch lange nicht unmöglich. Unter heutigen Bedingungen mag es unrealistisch sein, dass wir irgendwann in einer Gesellschaft leben, in der es nicht mehr um Profit und Wachstum geht, sondern um die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen. Wir bräuchten keine 40-Stunden-Woche, wir bräuchten keinen Niedriglohnsektor und wir bräuchten auch kein Jobcenter – wenn wir den Gedanken zulassen, dass es noch andere Organisationsformen für eine Gesellschaft gibt als den Kapitalismus.

Vielleicht sind es auch solche Gedankenspiele, die mich nicht vollends verzweifeln lassen, wenn ich in einem überfüllten Hörsaal sitze und in meinem Hinterkopf wieder der Kampf tobt: Auf der einen Seite bäumt sich die Ablehnung dieses ganzen Systems auf und auf der anderen Seite wächst mein Ehrgeiz, diese Prüfungen zu bestehen – und allen (wem auch immer) zu zeigen, dass sie mich so schnell nicht kleinkriegen. Für eine Weile mag ich das Spiel mitspielen, aber im Grunde arbeite ich nur auf eins hin: die Spielregeln zu ändern. Und diese Arbeit nehme ich nur allzu gerne auf mich.

Ergänzung: Ich bin mir bewusst, dass ich aus einer privilegierten Position heraus schreibe. Viele Menschen können sich solche Fragen gar nicht stellen, weil sie die Wahl gar nicht haben. Unser selektives Schulsystem, die finanziellen Voraussetzungen und auch die Herkunft entscheiden darüber, wer studieren kann/darf und wer nicht. Laut Definition gehöre ich wohl zur „Elite“, auch weil ich ein Stipendium bekomme. Natürlich profitiere ich davon. Trotzdem und ich vielleicht gerade deshalb kann ich die Situation auch aus meiner Position heraus kritisieren und die ihr entsprechenden Kämpfe führen.

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4 Kommentare zu “Studium der Arbeit

    • Danke für deinen Kommentar, Jens! Kaum war der Artikel online, hattest du ihn schon gelesen ;) Deshalb der Hinweis: Ich habe heute noch eine Anmerkung ergänzt, ganz unten. Vielleicht noch interessant für dich.

  1. Pingback: Der harte Boden der Tatsachen | Das Mädchen im Park

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