Foodsharing: Kooperation oder Systemkritik?

Es muss schon seltsam aussehen, wenn wir in der Straßenbahn stehen und mehrere Kartons mit Croissants, Berlinern und Mohnkuchen transportieren. Dann noch die vollen Rucksäcke und die großen Beutel voller Brot und Brötchen. Gerne biete ich den Leuten, die uns ansprechen, etwas an. Schließlich ist genug da. Kurz erkläre ich ihnen, wo diese Massen an Backwaren herkommen und was wir damit machen. „Foodsharing?“, fragen sie ungläubig. „Davon habe ich noch nichts gehört.“

Grund genug, an dieser Stelle einmal etwas ausführlicher darüber zu berichten. Was steckt hinter dieser Idee und wie funktioniert das Ganze?

Grob gesagt geht es darum, Lebensmittel, die eigentlich im Müll landen würden, weil sie nicht mehr verkauft werden (können), einzusammeln und sie zu verteilen. Das kann – wie in meinem Beispiel – eine Bäckerei sein, die nach Ladenschluss noch ziemlich viel übrig hat und froh ist, dass die ganzen Sachen nicht in der Tonne landen, sondern noch verbraucht werden.

Bundesweites Netzwerk

Entstanden ist das Ganze in Berlin, mehr oder weniger als Ein-Mann-Projekt. Doch inzwischen ist daraus ein bundesweites Netzwerk entstanden, in dem viele lokale Gruppen aktiv sind, die in ihren jeweiligen Städten Kooperationen mit Supermärkten, Bioläden und Wochenmärkten aufgebaut haben. Ziel ist es, die tägliche Verschwendung von Lebensmitteln einzudämmen und wieder ein Bewusstsein für den Wert von Nahrung zu schaffen. Gleichzeitig geht es um Bedingungslosigkeit und Solidarität, weil die geretteten Waren untereinander geteilt werden und niemensch seine oder ihre Bedürftigkeit nachweisen muss. Geld spielt zu keinem Zeitpunkt eine Rolle, es wird völlig ausgeklammert.

„Wir möchten damit auch die mit der Deklarierung als bedürftig einhergehenden Gefahr der Stigmatisierung vermeiden. Aus diesen Gründen gilt bei uns, dass jedes Mitglied die geretteten Lebensmittel in Anspruch nehmen darf.“ (Wiki von lebensmittelretten.de)

Essen vor dem Müll retten? Da war doch was, oder? Ja, richtig, vor einiger Zeit habe ich schon mal über’s Containern berichtet – und warum ich diesen Weg, mich zu versorgen, für sinnvoll halte. Ist Foodsharing nun das legalisierte Containern?

Kooperation mit den Profiteuren

Ich muss zugeben, dass ich mit dieser Institutionalisierung des Lebensmittelrettens ein wenig hadere. Es geht mir dabei nicht so sehr darum, dass ich unbedingt Regeln brechen will oder den Nervenkitzel suche. Im Gegenteil, ich kann – vor allem im Winter – gut auf die nächtlichen Touren verzichten, wenn es auch andere Möglichkeiten gibt. Nichts desto trotz bereitet es mir Bauchschmerzen, mit den Profiteur*innen der Lebensmittelwirtschaft zu kooperieren, um ein Problem, dass sie selbst erschaffen, abzumildern.

Denn natürlich kann es ihnen nur recht sein, wenn junge engagierte Menschen ihren Müll abholen und sie sich um dessen Entsorgung nicht mehr kümmern müssen. Ganz nebenbei können sie ihr Image aufpolieren und zeigen, dass sie sich für das Gemeinwohl und den Umweltschutz einsetzen. Grundsätzliche Kritik an der kapitalistischen Produktion und Verteilung von Lebensmitteln bleibt dabei allerdings auf der Strecke:

Warum bleibt überhaupt so viel übrig? Warum werden Lebensmittel weggeworfen, obwohl es noch Menschen gibt, die hungrig sind? Warum kann sich nicht jede*r eine ordentliche Grundversorgung leisten? Und warum wird viel mehr produziert, als wir konsumieren können?

Wer diese Fragen stellt, muss sich mit den inhärenten Fehlern des Kapitalismus auseinandersetzen.

Kontext und Selbstverständnis

Das Projekt „Foodsharing“ sieht sich durchaus in diesem kritischen Kontext und analysiert die aktuelle Situation. So wird klar auf den Zusammenhang zwischen unserem Konsum und dem Hunger in anderen Teilen der Welt hingewiesen – und auf die wachsende Armut in den westlichen Ländern. Auch die Produktion von Fleisch, die Unmengen an Wasser und Futtermittel verbraucht, steht in der Kritik. Genauso die Folgen für die Umwelt, die aus der Lebensmittelverschwendung resultieren:

  • 842 Millionen Menschen leiden täglich an Hunger. Das ist weltweit jeder achte Mensch.
  • Rund 57.000 Menschen sterben jeden Tag an Unterernährung.
  • In Deutschland leben 15,8% der Bevölkerung (ca. 13 Millionen) armutsgefährdet.
  • Von den 4 Milliarden Tonnen Lebensmitteln, die weltweit jedes Jahr produziert werden, werden über 1,3 Milliarden Tonnen verschwendet.
  • In Industriestaaten bestehen ca. 40% der Nahrungsmittelverluste aus völlig genießbaren Lebensmitteln.
  • Weltweit werden über 75% der landwirtschaftlich genutzten Fläche für die Nutztierhaltung verwendet; rund ein Drittel des weltweit kultivierten Landes wird für den Futtermittelanbau benutzt.
  • Lebensmittelverschwendung bedeutet nicht nur, dass Lebensmittel in die Tonne wandern, anstatt gegessen zu werden, sondern auch, dass weltweit über 90% der weltweiten Sojaernte, sowie über 50% der weltweiten Getreideernte für Tierfutter genutzt werden. Dabei werden für ein Kilo Fleisch 3-17 Mal so viel Kohlenhydrate verbraucht (im Vergleich, wenn ein Mensch die Futtermittel direkt verzehren würde). Denn um ein Kilo Fleisch herzustellen, werden zwischen 3-12kg Lebensmittel verbraucht.
  • Wir alle sind dafür verantwortlich, dass Lebensmittelhändler, Zwischenhändler, Produzenten und Gastronomen Millionen von Tonnen an Lebensmitteln jedes Jahr wegwerfen.
  • 2/3 der gesamten Lebensmittelverschwendung könnten durch Engagement von Lebensmittelbetrieben, Foodsavern und Privatpersonen eingespart werden.
  • Nur gemeinsam können wir den Wahnsinn der Überflussgesellschaft stoppen, indem jeder seinen Teil dazu beiträgt und verantwortlich handelt.
  • Mehr als ein Fünftel der weltweiten Treibhausgase könnte vermieden werden, wenn die Lebensmittelverschwendung global um 80% reduziert wird.
  • hier weiter lesen.

Trotz dieser Analyse kann mensch kritisieren, dass sich „Foodsharing“ in die herrschenden Strukturen intergiert und lediglich versucht, Symptome zu mildern statt Ursachen zu bekämpfen. So wird mit keinem Wort erwähnt, welche Alternativen es gäbe, wie zum Beispiel kollektive Produktions- und Arbeitsstrukturen, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren, solidarische (Um)Verteilung und eine bedingungslose Grundversorgung.

Nett sein wird nicht reichen

Natürlich stimmen die Fakten, die das Selbstverständnis auflistet. Und jeder Punkt für sich ist schon skandalös. Es steht außer Frage, dass dagegen etwas getan werden muss. Nur wird es nicht reichen, sich mit den Konzernen zusammenzutun und darauf zu hoffen, dass sie ihr soziales Gewissen entdecken. Unternehmen bewerten ihre Handlungsalternativen nicht nach dem Nutzen für die Allgemeinheit, sondern nach ihrem finanziellen Vorteil. Und das wird sich nicht ändern, auch wenn wir noch so nett und kooperativ sind.

Foodsharing setzt aber genau hier an: Es sollen möglichst verlässliche Strukturen geschaffen werden, damit die Unternehmen Vertrauen fassen. Sie werden von jeglicher Haftung ausgeschlossen, damit sie uns ihre ausrangierten Lebensmittel überlassen. Sie sollen möglichst wenig Unannehmlichkeiten mit den Foodsavern haben. Ist das die richtige Strategie?

Das Ergebnis zählt

Trotz solcher Bedenken beteilige ich mich an diesem Projekt. Zum Einen sehe ich das Ergebnis – und das zählt. Wir retten zumindest einen kleinen Teil der Lebensmittel und stellen sie anderen Menschen zur Verfügung. Das ist immer noch besser, als diesen Skandal jeden Tag einfach geschehen zu lassen und achselzuckend daneben zu stehen. Foodsharing hat mit dafür gesorgt, dass das Thema Lebensmittelverschwendung in der Öffentlichkeit wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Deutschlandweit greifen Medien die Initiative von Foodsavern auf und berichten über ihr Engagement.

Eine eigene Foodsharing-Gruppe zu gründen, heißt außerdem, selbstorganisierte und horizontale Strukturen aufzubauen. Menschen, die sich oftmals vorher gar nicht kannten, kommen zusammen und bauen gemeinsam etwas auf. Sie stimmen sich ab, sie entscheiden gemeinsam und sie nutzen neue Wege der Kommunikation. Aus diesen Strukturen kann noch viel mehr entstehen. Allerdings gilt es noch daran zu arbeiten, dass die Gruppen insgesamt heterogener und bekannter werden. Zu oft trifft sich dort noch ein bestimmtes Klientel, zum Beispiel Student*innen.

Keine Definition von Bedürftigkeit

Das schlägt sich dann mitunter auch in der Verteilung nieder. Foodsharing distanziert sich von einer Definition von Bedürftigkeit, sie soll keine Rolle spielen. Das finde ich richtig, denn jede*r hat Bedürfnisse und ein Recht darauf, dass diese auch befriedigt werden – ob er nun von HartzIV, von Bafög oder von einem 40-Stunden-Job lebt. Es geht in erster Linie darum, dass die Lebensmittel unter die Leute kommen.

Trotzdem ist es natürlich diskussionswürdig, wenn sie hauptsächlich bei Menschen landen, die sich auch ohne Unterstützung problemlos versorgen könnten. Die überschüssigen Waren sollten auch dafür verwendet werden, Menschen eine Grundversorgung zu erleichtern, die sonst Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen. Das sollte aber nichts mit „Bedürftigkeit“ zu tun haben (die heute entweder mit Mitleid oder mit Vorwürfen verbunden ist), sondern den Gedanken der Solidarität ausdrücken. Es ist genug für alle da. Und wer sich nicht ständig Gedanken um die nächste Mahlzeit machen muss, hat gleichzeitig mehr Kapazitäten für andere (politische) Aktivitäten.

Eigene Strukturen aufbauen

Selbstorganisation, Solidarität und Bedingungslosigkeit – das sind die Stärken von Foodsharing und die gilt es auszubauen, in möglichst weiten Teilen der Bevölkerung. Dabei darf der große Zusammenhang nicht in den Hintergrund rücken. Wir sollten uns nicht dem Glauben hingeben, dass die Welt durch Kooperation mit dem System zu einer besseren wird. Stattdessen sollten wir eigene Ideen entwickeln und diese heute schon umsetzen, soweit es geht. Die geretteten Lebensmitteln können uns auf diesem Weg eine Hilfe sind, zum Beispiel indem sie Aktivist*innen versorgen oder Küfas unterstützen. Und deshalb werde ich auch weiterhin in der Bäckerei die Brötchen abholen, solange bis es nicht mehr nötig ist.

Ohne Mampf, kein Kampf!

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