Die Hungersnot und ich

Zahlen und Fakten gibt es genug: 870 Millionen Menschen auf der Welt hungern. Das ist ungefähr jede*r achte. Alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung. Das sind 8,8 Millionen Menschen pro Jahr. Neu ist das nicht. Im Gegenteil: Wir haben uns an diesen Zustand gewöhnt, wir kennen es nicht mehr anders. Klar, es ist ein Skandal, aber er ist so weit weg, zumindest gefühlt. Was hat es schon mit mir und meinem Alltag zu tun, wenn am anderen Ende der Welt eine Hungernot ausbricht?

Um mich herum sitzen vielleicht 20 Menschen – und sie alle stellen sich die gleiche Frage, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Unsere Arbeitsgruppe ist Teil einer Tagung zum Thema „LandWirtschaft neu begreifen – Commoning zwischen Menschenrecht auf Nahrung und Wachstumsdruck“ (Tagungsprogramm). Gemeinsam wollen die Teilnehmer*innen hier Ideen entwickeln, wie eine gerechte und angemessene Versorgung mit Lebensmittel organisiert werden kann, überall und für alle.

Unveräußerliches Menschenrecht

Jeder Mensch hat ein Recht auf angemessene Ernährung, so steht es schwarz auf weiß im UN-Sozialpakt. Es kommt mir fast zynisch vor, darauf zu verweisen. Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass jeder Menschen das bekommt, was er oder sie zum Leben braucht? Müssen wir dafür wirklich ein Gesetz formulieren? Zumal die Realität ja bekanntlich anders aussieht.

Im kapitalistischen System werden Lebensmittel als Ware produziert und gehandelt. Das bedeutet, sie dienen nicht der unmittelbaren Bedürfnisbefriediung, sondern dem Markt. Wer Kartoffeln produziert, will sie nicht alle selbst essen, sondern sie verkaufen und Geld verdienen. Damit dieser Plan aufgeht, muss es aber genug Menschen geben, die keine Kartoffeln anbauen. Ich besitze Kartoffeln, die anderen nicht. Mein Eigentum schließt die anderen aus. Das System basiert also darauf, dass der Bedürftige nicht hat, was er braucht. Stattdessen soll er es kaufen und zwar von denjenigen, die es produzieren und besitzen.

„Lebensmittel lassen sich so aber nicht organisieren“, sagt Referent Nikolai Fuchs. Zum Einen ist Nahrung nicht verhandelbar. Sie ist ein Grundrecht und darf somit nicht abhängig sein von der finanziellen Situation, von der Kaufkraft. Sie muss allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Zum Anderen ist der Wert von Nahrung nicht eindeutig bestimmbar. In gewisser Weise sind sie unbezahlbar. Doch wie können wir unsere Versorgung organisieren, wenn nicht über den Markt?

Commoning als sozialer Prozess

Hier setzt das Konzept der Commons an, das Silke Helfrich auf der Tagung vorstellt. Sie kritisiert die warenförmige Produktion und fordert uns auf, die kapitalistischen Kategorien hinter uns zu lassen, um andere Denkweisen zuzulassen. Nichts lieber als das! Endlich wird hier Klartext gesprochen: Arbeit, Geld, Eigentum – all diese Kategorien sind Teil des Problems.

Eine Lösung im System wird es nicht geben. Eine soziale Marktwirtschaft, die Hartz-IV-Empfängern vier Euro pro Tag für Lebensmittel zur Verfügung stellt, soll so genannte Verlierer auffangen und das Recht auf Nahrung realisieren. Dabei ist doch die eigentliche Frage: Warum gibt es überhaupt Gewinner und Verlierer?

Commoning als produktiver sozialer Prozess gibt uns die Möglichkeit, unsere Bedürfnisbefriediung gemeinsam zu organisieren, ohne das jemensch ausgeschlossen wird. Wichtige Elemente sind unter anderem der gemeinschaftliche Besitz und die Aufhebung der künstlichen Trennung zwischen Produzent*innen und Konsument*innen. Das Risiko wird durch gemeinsame Finanzierung geteilt; an das Geld ist kein direkter Anspruch auf eine bestimmte Ware mehr gebunden. Außerdem gibt es keine intellektuellen Eigentumsrechte mehr: Wissen und Fähigkeiten stehen allen gleichermaßen zur Verfügung.

Die Mär der Alternativlosigkeit

Ohne das Konzept, das sich nicht nur auf Lebensmittel bezieht, jetzt im Detail zu erklären, wird deutlich: Alternativlosigkeit ist eine Mär. Sie soll uns davon abhalten, das bestehende System mit seinen Paradigmen von Wachstum und freiem Markt in Frage zu stellen. Dabei widersprechen sie nicht nur unserem Wesen, sondern auch den natürlichen Bedingungen, in denen wir leben. Unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten ist nicht möglich. Punkt.

Das Problem ist: Es gibt Menschen, die von diesem System profitieren – und das nicht zu knapp. Gleichzeitig haben wir verlernt, uns Alternativen vorzustellen und sie umzusetzen. Und so gehören inzwischen auch die vielen hungernden Menschen einfach dazu. Der afrikanische Kontinent steht für Armut, obwohl er die größten Reichtümer der Welt besitzt. Und wir reden wie selbstverständlich von Konsum und Freiheit, obwohl beides auf der Ausbeutung und Unfreiheit anderer beruht.

Herrschaftsstrukturen ersetzen

Die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz. Nikolai Fuchs sagt: „Es ist mit meiner eigenen Würde nicht vereinbar, wenn so viele Menschen hungern.“ Deshalb habe er sich dafür entschieden, einen Teil seiner Zeit zu investieren, um an diesem Zustand etwas zu ändern. Ich kann mir nicht helfen, aber mit dieser Argumentation kann ich mich nicht anfreunden. Es klingt, als sei es eine Frage von Wohltätigkeit und Großzügigkeit, für ein solidarisches und gerechtes Miteinander zu kämpfen.

Warum wollen wir hier etwas ändern? Uns geht es doch gut, oder? Diese Frage wird dementsprechend hochtrabend beantwortet: Wir hätten doch Verantwortung aufgrund unserer privilegierten Position. Und wer sollte etwas ändern, wenn nicht wir? Wir können es uns doch leisten.

Privilegien sind kein Zufall

Mit diesen Antworten blenden wir allerdings nicht nur aus, dass es auch bei uns immer mehr „Verlierer“ gibt und dass unsere Privilegien kein Zufall, sondern das Ergebnis einer ungerechten Wirtschaftsordnung sind. Es stimmt, wir haben eine Verantwortung uns und anderen Menschen gegenüber. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, dass wir es sind, die anderen Menschen ihre Existenzgrundlage entziehen. Unser Reichtum speist sich aus der Armut unzähliger anderer Menschen. Und diese Menschen brauchen keine Wohltäter, die es sich leisten können, Geld und Zeit in ehrenamtliche Arbeit zu stecken.

Das heißt nicht, dass in akuten Notlagen nicht auch konkrete Hilfe geleistet werden muss. Wobei diese Hilfe lächerlich ist, wenn mensch sie mit den finanziellen Mitteln vergleicht, die zum Beispiel in Rüstungsindustrie oder Sportevent gesteckt wird.

Auf der lokalen Ebene starten

Was diese Menschen brauchen, ist Zugriff auf Ressourcen und die Möglichkeit, diese auch zu nutzen. Selbstorganisation fällt ihnen vielleicht sogar noch leichter als uns, weil sie noch lebendiger ist als bei uns. Und dass unsere Vorstellung von Entwicklung (technischer Fortschritt, Wachstum, Profit) kein gutes Vorbild abgibt, steht wohl außer Frage. Was diese Welt braucht, ist ein radikales Umdenken, eine radikale Umstrukturierung des Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.

Und die muss hier beginnen. Bei uns selbst. Projekte auf der lokaler Ebene (zum Beispiel Solidarische Landwirtschaft) sind ein Ansatz, der nicht nur alternative Strukturen schafft, sondern auch der Hilfslosigkeit etwas entgegensetzt, die viele Menschen angesichts der dramatischen weltweiten Situation empfinden. Gleichzeitig können sie konkrete Berührungspunkte sein für Leute, die sich bisher nicht mit Systemkritik auseinandergesetzt haben, aber doch in irgendeiner Weise spüren, dass sie unzufrieden sind oder etwas schief läuft.

Kampf gemeinsam führen

Diese Strukturen können weiter wachsen, von der lokalen auf die regionale und weitere Ebenen (jenseits von politischen Grenzen und Staaten), um irgendwann die jetzigen Herrschaftsstrukturen abzulösen – besser früher als später und am besten vor der „Katastrophe“. Meiner Erfahrung nach ist diese Ausdehnung ein ganz natürlicher Prozess, denn jedes Projekt kommt irgendwann an seine Grenzen oder ist mit Problemen konfrontiert, die alleine nicht gelöst werden können. Schließlich sind die (kapitalistischen) Rahmenbedingungen immer noch die gleichen. Es ist nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig und naheliegend, sich zu zusammenzutun, um schlagkräftiger zu werden und ein stabiles Netzwerk zu etablieren.

Es hat also sehr wohl etwas mit uns zu tun, wenn irgendwo eine Hungernot ausbricht. Und unser Beitrag ist nicht so abstrakt, wie uns vielleicht lieb wäre. Er lässt sich nicht damit abtun, regelmäßig Geld zu spenden oder auf Politiker*innen zu schimpfen, von den meisten können wir sowieso keine Unterstützung erwarten. In den bestehenden Strukturen wird es keine zufriedenstellende Lösung geben, einfach weil sie nicht kompatibel wäre. Es liegt an uns, etwas Neues aufzubauen und gegen das Bestehende zu kämpfen. Dieser Kampf kann ganz unterschiedlich aussehen, aber wir müssen ihn gemeinsam führen. Damit sich die Zahlen und Fakten endlich ändern.

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Ein Kommentar zu “Die Hungersnot und ich

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