Ein Haus kämpft für Kultur, Bildung und Rebellion

Der „Lange August“ wurde 1979 in Dortmund gegründet. Bis heute hat sich das selbstverwaltete Projekt seine Unabhängigkeit bewahrt. Hat sich die politische Arbeit in den letzten 30 Jahren verändert? Und wie geht es weiter? Ein Besuch.

Der Name ist Programm. Benannt nach einem Dortmunder Widerstandskämpfer versucht der Lange August (LA) seit über dreißig Jahren, im Ruhrgebiet widerständige Strukturen zu schaffen, in denen linke politische Gruppen ihre Projekte in die Tat umzusetzen können. Heute wie damals kommen hier AktivistInnen unter, die es im gesellschaftlichen Mainstream mitunter schwer haben, gerade weil sie etwas verändern wollen.

„Der Lange August ist so etwas wie ein Hort für Systemkritier“, sagt Christian. Er ist bereits seit 1994 im Haus aktiv. Den Einstieg fand er damals über die Deutsche Friedengsgesellschaft – Vereinigte KriegsgegnerInnen (DFG-VK) – eine der ersten Initiativen, die sich im Langen August organisierten.

Gemeinsam mit anderen Gruppen gründete sie im Jahr 1979 den gemeinnützigen Verein „Langer August – Verein zur Förderung der politischen Bildung und kulturellen Freizeitarbeit“. Der damalige Hauseigentümer Pfarrer Gerhard Breidenstein stellte das Haus gerne für die politische Arbeit zur Verfügung – unter der Bedingung, dass die Gruppen das Gebäude selbst verwalten und auch die laufenden Kosten tragen.

Finanzielle Unabhängigkeit

Von Anfang an wollte das Projekt finanziell auf eigenen Beinen stehen – und erfüllt diesen Anspruch bis heute. Vor zehn Jahren konnte der Verein das Kaufdarlehen des Pfarrers tilgen und nennt den Langen August seitdem sein Eigen. Natürlich fallen weiterhin Kosten an, von den laufenden Betriebskosten bis hin zu teuren Reparaturen. Immerhin hat das Haus bereits mehr als 100 Jahre auf dem Buckel – und es wurde nie mit öffentlichen Gelder grundsaniert.

Haupteinnahmequelle sind die Mieten, die die Gruppen an den Langen August zahlen. Die rund 30 Vereinsmitglieder leisten außerdem einen jährlichen Beitrag und bekommen dafür Vergünstigungen, wenn sie Räume nutzen wollen. Die Stadt Dortmund fördert das Projekt ebenfalls, die Mittel fließen aber ausschließlich in kulturelle Angebote wie Konzerte oder Lesungen.

Nicht abhängig von Fördergeldern

Um deren Organisation kümmert sich Hans, der seit 2002 eine halbe Stelle beim Verein besetzt. „Wir könnten auch ohne städtische Förderung überleben“, sagt er. „Und wir wollen auch keine anderen Mittel beantragen, einfach um unsere Unabhängigkeit nicht aufzugeben.“ Fördergelder seien immer mit einem gewissen Verwaltungsaufwand und bestimmten Auflagen verbunden – das will der Verein vermeiden. Umso besser also, dass er bisher auf solche Unterstützung nicht zwingend angewiesen ist.

Nichts desto trotz ist das Initiativenprojekt lokalpolitisch gut vernetzt, nicht zuletzt aufgrund seiner langen Geschichte. Sowohl zu den vielen politisch Aktiven in Dortmund als auch zu Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung hat der Verein gute Kontakte. Er ist außerdem seit Ende der 90er Jahre Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren NRW (LAG). Hier erhält der LA vor allem wichtige aktuelle Infos aus der Landes- und Bundespolitik. Eine Institutionalisierung des Projekts habe in den letzten dreißig Jahren aber nicht stattgefunden, findet Hans. „Die Selbstverwaltung steht im Vordergrund – und alles was hier passiert, ist abhängig von den Menschen, die sich einbringen.“

Das Plenum entscheidet gemeinsam

So erfüllt der Verein natürlich die gesetzlichen Vorgaben, was den Vorstand und die jährliche Mitgliederversammlung angeht. Entscheidungen werden de facto aber im monatlichen Plenum getroffen, an dem wenn möglich alle aktiven Gruppen teilnehmen, um aktuelle Probleme oder Pläne für die Zukunft zu besprechen. Hier ist auch der Ort, an dem sich neue Interessierte einbringen können und Räume an Externe vergeben werden.

„Wer eine Idee hat, kommt vorbei, stellt sein Projekt vor, sagt was er oder sie braucht und dann überlegen wir, ob und wie das möglich ist“, erklärt Christian das Prozedere. Eine Mitgliedschaft im Verein ist dafür keine Voraussetzung. „Wer sich mit solchen Strukturen nicht anfreunden kann, soll zu nichts gezwungen werden.“

Reparaturen in Eigenleistung

Das Haus, erbaut zu Anfang des 20. Jahrhunderts, hat insgesamt vier Etagen. Als der Verein das Gebäude übernahm, musste viel Eigenleistung erbracht werden, um es nutzbar zu machen: Es gab zum Beispiel keine Heizung, die sanitären Anlagen waren rudimentär und das Dach musste erneuert werden. Bis heute werden viele der Reparaturen selbst in die Hand genommen – auch wenn dann alles ein wenig länger dauert. Zur Zeit wird beispielsweise die Elektrik im Treppenhaus neu verlegt, was natürlich auch Renovierungsarbeiten nach sich zieht.

Der „Lange August“ alias Kurt Schmidt wurde 1905 im Dortmunder Stadtteil Marten geboren. Er war Mitglied der SPD, wechselte aber 1928 zur KPD. 1933 errang er ein Mandat für den preußischen Landtag, konnte sein Amt aber wegen politischer Verfolgung nicht mehr antreten. Anfang 1934 floh er vor der Gestapo nach Holland. Als „August Hartmann“ tauchte er in Frankreich unter, wo er den Widerstand gegen das NS-Regime unterstützte. Ab 1937 kämpfte er im spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Faschisten und fiel dort in einem Gefecht. Seine Körpergröße von knapp zwei Metern brachte ihm den Spitznamen „Langer August“ ein.

Ungefähr zehn Gruppen sind im Langen August regelmäßig aktiv, die Zusammensetzung ist seit einiger Zeit ziemlich konstant (siehe Kasten). Sie nutzen die Räume des LA für ihre eigenen Treffen und organisieren mitunter auch eigene Veranstaltungen. Neben der großen Halle im Hof bietet sich dafür vor allem der große Seminarraum im ausgebauten Dachboden an. Hier finden bis zu 30 Personen Platz. Im Angebot inbegriffen sind eine kleine Küche, ein Balkon und die nötige Technik wie Internetanschlüsse, Beamer und Flipcharts.

„Alternativlos gut“

Die Preise richten sich unter anderem nach der Ausrichtung der Veranstaltung, also ob sie kommerziell ist oder nicht. „Insgesamt machen wir sehr günstige Angebote, die kaum zu toppen sind“, sagt Hans. „Das ist auch meist das schlagende Argument für Gruppen, bei uns aktiv zu werden.“ Im Langen August gäbe es Freiräume, die für alle bezahlbar sind. Hinzu kommen die vielen technischen Möglichkeiten, die zum Beispiel für die Öffentlichkeitsarbeit unerlässlich sind.

„Möglich ist das alles nur dank der selbstverwalteten Strukturen und den vielen aktiven Menschen. So entsteht eine Miteinander, das es anderswo so nicht gibt“, findet Hans. „Die Atmosphäre ist so ungezwungen“, ergänzt ihn Christian. „JedeR wird hier aufgenommen mit seiner Tätlichkeit und formt so den Verein.“ Der Lange August lebe durch und von den einzelnen Gruppen, nicht andersherum: „Das ist es, was das Haus ausmacht.“ Wer die Strukturen des LA nutzt, kann und sollte sich auch einbringen. Selbstverwaltung lebt eben von der Beteiligung, heute wie vor 30 Jahren.

Weitere Infos: www.langer-august.de

Diese Gruppen sind im Langen August aktiv:

Der Wissenschaftsladen Dortmund e.V. (WiLaDo) beschäftigt sich mit den Themen Internet und Vernetzung. Ein wichtiger Teil ist das Free! Projekt, das unter anderem Internetdienste für nicht kommerzielle Projekte, Gruppen und Privatleute zur Verfügung stellt.

Das Kommunikations Centrum Ruhr e.V. (KCR) wurde 1972 gegründet und ist somit nicht die erste, aberdie am längsten bestehende Schwulengruppen in der Bundesrepublik. Seit 1986 besteht der Verein in seiner jetzigen Form als Lesben- und Schwulenzentrum.

Der Chaostreff Dortmund ist eine bunt gemischte Gruppe aus Computer-, Technikbegeisterten und kreativen Menschen. Sie sind nicht finanziell orientiert und betreiben den Chaostreff aus Spaß an der Sache und um interessierten Menschen eine Plattform zu bieten, über die man sich austauschen kann.

Die Landesgeschäftsstelle der Deutschen Friedensgesellschaft / Vereinigte KriegsgegnerInnen – Landesgeschäftsstelle (DFG-VK) ist Anlaufpunkt für Gruppen der DFG-VK aber auch für andere Initativen und Organisationen, die Informationen abrufen oder weitergeben wollen. Hier werden auch Aktionen geplant, vorbereitet und koordiniert. Auch die Dortmunder Ortsgruppe ist vertreten.

Der Verein für Medienarbeit e.V. betreut das Internationalismus Archiv izindaba, das deutschsprachige Internetportal zu Afrika – Widerstand und Migration. Infos:

Das Dortmunder Frauen*-Internationalismus-Archiv ist im Wesentlichen ein Zeitungsausschnittarchiv, das in den 80er-Jahren entstanden ist.

Das Friedensradio Dortmund nutzt sowohl die Möglichkeiten des Internets wie YouTube als auch die Möglichkeiten des Bürgerfunks im NRW Lokalfunk und ist zwei Mal pro Monat im Langen August.

Jankas Lokal und Biergarten ist der Gastronomie-Betrieb im Langen August und bietet französisch-cosmopolitische Küche an. Im dazughörigen Kunstraum finden regelmäßig Ausstellungen statt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der CONTRASTE – Die Monatszeitung für Selbstorganisation (Ausgabe 04/15).

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