Ich will keine Schokolade, ich will lieber …

Es sind drei Worte, die mir schon seit einiger Zeit regelmäßig durch den Kopf gehen. Eine Frage, die zwar nicht besonders kompliziert klingt, aber trotzdem nicht leicht zu beantworten ist: Was will ich? In Laurie Pennys neuem Buch „Unsagbare Dinge“ taucht genau diese Frage auf, gleich in der Einleitung. Und ich horche auf. Penny zitiert eine junge Studentin, die sich während eines Vortrags zu Wort meldet mit: „Was will ich wirklich?“

„Meine Frage ist: Was will ich wirklich? Sie reden darüber, was Frauen wollen und was man ihnen sagt, dass sie wollen, als gebe es da einen Unterschied. Ich weiß, tief in mir, dass ich frei und unabhängig sein will. Aber ich will auch schön sein und eine Freund haben und es meinen Eltern recht machen und tun, was in den Zeitschriften steht. Woher weiß ich, ob ich das, was ich will, wirklich will? Und was sollte ich wollen?“

Dieses Zitat beschäftigt mich. Vielleicht weil es mir ähnlich geht. Ich will zwar nicht tun, was „in den Zeitschriften“ steht. Und ich will es meinen Eltern auch nicht unbedingt recht machen. Nichts desto trotz kenne ich dieses Gefühl, mir nicht sicher zu sein, was ich eigentlich will und ob ich meinem eigenen Gefühl noch vertrauen kann. Viel zu viel prasselt täglich auf mich ein. Da ist so viel, das ich tun könnte oder sollte. Und gleichzeitig auch so viel, dass ich nicht will.

Die Stufen der Karriereleiter

Es fängt an mit der so genannten Karriere. Was heißt das eigentlich? Ich habe ein gutes Abitur gemacht, habe einen der begehrten Studienplätze für Journalistik bekommen und meinen BA-Abschluss gemacht. So weit, so privilegiert. An diesem Punkte starteten viele meiner Kommiliton*innen durch und ergatterten Stellen bei bekannten Medien. Ich nicht. Vielleicht hätte ich das auch geschafft, wenn ich mich bemüht hätte. Vielleicht hatte ich auch Angst, dass ich es nicht schaffe. Jedenfalls jobbte ich stattdessen in einem Bio-Laden. Ich schrieb weiterhin Artikel, bekam dafür aber kein Geld. Gleichzeitig steckte ich viel Zeit in die politische Arbeit und baute verschiedene Gruppen mit auf.

Inzwischen ist ein „regulärer Job“ für mich in weite Ferne gerückt. Zum Einen gibt es wenige Stellen, mit denen ich mich inhaltlich halbwegs anfreunden könnte. Zum Anderen ließe das einfach zu wenig Zeit für andere Dinge. Wer ernsthaft Alternativen aufbauen will, kann das nicht am Wochenende tun – zumal nach einer vollen Arbeitswoche dafür oft die Energie fehlt.

Das Leben ist (noch) nicht umsonst

Natürlich muss ich trotzdem irgendwie Geld verdienen, die Rahmenbedingungen lassen mir (noch) keine andere Wahl. In unserer Kommune arbeiten wir zwar daran, unser Zusammenleben nicht-monetär zu organisieren, aber das Leben in unserem System ist halt nicht umsonst. Ich habe mich entschieden, weiter zu studieren und einen Job an der Uni anzunehmen. Mit Stipendium und dem Unterhalt meiner Eltern schlage ich mich durch. Das funktioniert noch eine Weile und danach ergibt sich hoffentlich wieder irgendetwas anderes.

Auch wenn ich mich davon abwenden will, sind Geld und Konsum heute noch Knackpunkte, wenn es um unser persönliches Glück geht. Unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem bauen darauf auf, dass wir uns in den vielen Geschäften, Dienstleistungstempeln und Unterhaltungsmaschinen glücklich kaufen. Und um uns das alles leisten zu können, müssen wir arbeiten. Du willst Spaß? Du willst dir mal was gönnen? Dann tu‘ gefälligst was dafür!

Leben und Arbeit nicht mehr trennen

Und schon beginnt der Teufelskreis: Je mehr Arbeit, umso mehr Frust. Umso mehr Frust, umso mehr Verlangen nach Abwechslung, Erholung und Genuss. Wer 40 Stunden in der Woche (oder mehr) mit einer Beschäftigung verbringt, die er verabscheut, uninteressant oder demütigend findet, der braucht einen entsprechenden Ausgleich. In einem solchen Zustand lässt sich mit uns wunderbar Geld verdienen. Idealerweise wäre mein Leben gar nicht mehr unterteilt in Arbeit und Freizeit. Ich würde meine Zeit gerne in Dinge investieren, die ich für sinnvoll halte, ohne mir Gedanken über meinen Lebensunterhalt machen zu müssen. Davon sind wir aber noch meilenweit entfernt.

Was die Arbeit angeht, weiß ich im Grunde, was ich will. Nur ist das im Moment nicht realistisch. Es bleibt mir vorläufig nichts anderes übrig, als Kompromisse einzugehen und gleichzeitig alternative Konzepte voranzutreiben. Das Problem dabei ist, dass ich natürlich trotzdem von meiner Umwelt beeinflusst bin. Ich bin aufgewachsen und sozialisiert in einer kapitalistischen Welt, in einer patriarchalen Welt.

Unliebsame Gedankenmuster

Ich stelle mir die Welt anders vor, kann aber nichts dagegen tun, dass sich bestimmte Gedankenmuster auch in mir verfestigt haben: Wie definiere ich Erfolg? Wie Glück? Wie mich selbst? Nur weil ich mir nicht jede Woche Nagellack und Mascara kaufe, heißt das nicht, dass ich mich von Äußerlichkeiten freimachen kann. Es ist mir nicht egal, wie ich aussehe, selbst wenn ich keine neuen Klamotten kaufe. Ich habe das Gefühl, etwas darstellen zu müssen. Nur was will ich darstellen?

Verzweifelt halte ich Ausschau nach Orientierung, nach Menschen, die mir vielleicht ein Vorbild sein könnten. Natürlich, ich will nicht nur eine Kopie sein. Es geht nicht darum, irgendeinem Idol nachzueifern. Nein, es geht darum, Ideen zu bekommen, wie ich mit den vielen Anforderungen und Entscheidungen umgehen kann. Wie machen das andere? Wie finden sie für sich einen Weg, der sie zufrieden macht? Ich möchte mein Glück nicht im Konsum suchen, denn dort werde ich es auf Dauer nicht finden – selbst wenn ich die finanziellen Mittel dazu hätte.

Mainstream ist bequem

Ich wünsche mir eine Welt, in der die Menschen gleichberechtigt miteinander zusammenleben und sich frei entfalten können. Sie sollen sich nicht gegenseitig diktieren, was zu tun ist und wie sie zu sein haben. Aber ich merke auch, wie unglaublich schwierig es manchmal ist, herauszufinden, was ich bin und was ich will. Freiheit ist zweifelsohne erstrebenswert, aber sie stellt uns auch vor neue Herausforderungen. Mitunter ist es sicher leichter, sich am Mainstream zu orientieren, als sich solche Fragen zu stellen.

Wie will ich meine Beziehungen gestalten? Welche Tätigkeiten machen mich zufrieden? Worüber definiere ich mich, wenn nicht über Leistung? Wieso will ich keine Schwäche zeigen? Wieso fällt es mir so schwer, mal nichts zu tun? Warum denke ich tagelang darüber nach, ob ich meine Haare abschneide oder lieber wachsen lasse? Könnte ich mehr aus mir machen? Und wie fühlt sich eigentlich echte Zufriedenheit an?

Kein passender Ratgeber

Ich weiß, dass mir weder Konsum noch Karriere noch die vielen Ratgeber im Bücherregal auf all diese Fragen eine Antwort geben können. Wir scheinen heutzutage zwar unendlich viele Möglichkeiten zu haben, aber im Grunde dreht sich alles nur um Selbstoptimierung. Es liegt in deiner Hand, glücklich, erfolgreich, schön und zufrieden zu sein.

Wir alle laufen diesen Versprechen hinterher, doch der Großteil von uns wird nirgendwo ankommen. Schon heute sind viele abgehängt, sind froh, wenn sie ihr Leben überhaupt noch irgendwie auf die Reihe kriegen. Und selbst wenn ein Nachmittag in der Fußgängerzone wie die heile Welt aussieht: All das ist nur die Oberfläche, unter der sich einerseits Ausbeutung und Ungerechtigkeit und andererseits psychische Probleme und Krankheiten verbergen.

Strukturelle Probleme

Es gab noch einen weiteren Satz in Laurie Pennys Buch, der mir im Gedächtnis geblieben ist (wahrscheinlich kommen im Laufe der Lektüre auch noch einige dazu): „Die Gesellschaft neigt dazu, uns von strukturellem Denken abzuhalten.“ Wenn wir nicht glücklich sind, liegt das Problem bei uns. Auf der anderen Seite heißt es, der Einzelne könne nichts tun, um die „großen Probleme“ der Welt zu lösen – sei es Krieg, Armut oder Umweltzerstörung. Die Vereinzelung macht uns zugleich verantwortlich und machtlos.

Was will ich also? Ich schätze, ich will Antworten finden. Ich will selbstbestimmt leben und dafür sorgen, dass alle anderen Menschen diese Möglichkeit auch haben. Ich will die Freiheit haben, herauszufinden, wer ich eigentlich bin, ohne dass mir die Sicht vernebelt wird von kapitalistischen und patriarchalen Strukturen. Ich will Räume schaffen, in denen Schwäche in Ordnung ist. Ich will neue Wege gehen – aber nicht allein. Nur gemeinsam können wir ausprobieren, was möglich ist.

Was wollen wir?

Zum Weiterlesen:

Keine Angst vor Anarchismus

Das Unmögliche fordern

Ein Leben ohne Bedingungen

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