Altersvorsorge jenseits von Wachstumszwängen

Kirsten Dohmwirth studiert VWL und Ehtnologie an der Georg-August-Universität in Göttingen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts beschäftigt sie sich mit der Frage, inwiefern Kommunen eine neue Form der Alterssicherung darstellen können. Sie besuchte dafür unter anderem die Kommune Niederkaufungen und die Villa Locomuna. Im Interview hat sie mir erzählt, welche Beobachtungen sie dort machte.


Kirsten, was hat dich veranlasst, Kommunen als eine Form der Alterssicherung zu untersuchen?
Der Ausgangspunkt war meine Beschäftigung mit der Frage, wie wir eine Transformation hin zu einer Gesellschaft gestalten können, die für ihre Stabilität kein Wachstum braucht. In vielen Bereichen habe ich da schon Wege gesehen, aber beim Thema soziale Sicherung oder Alterssicherung nicht. Diesem Bereich kommt einerseits eine existenzielle Bedeutung für die Versorgung der Menschen und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu, andererseits ist das soziale Sicherungssystem in unserer Gesellschaft auf Wirtschaftswachstum angewiesen.

Da bin ich auf die Idee gekommen, dass Kommunen mir Hinweise darauf geben können. Sie suchen bereits neue Wege, mit Hilfe einer Gemeinschaft ökologisch und sozial nachhaltige Lebensweisen zu schaffen. Die Alterssicherung war deswegen so interessant, weil die Rentenleistungen des staatlichen Sicherungssystem stark vom vorherigen Lohneinkommen abhängig sind, während in Kommunen aufgrund einer anderen Herangehensweise an Lohnarbeit die Einkommen deutlich unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt liegen.

Du hast unter anderem zwei Kommunen in der Region Kassel besucht. Wie hast du den Umgang mit dem Thema Rente dort erlebt?
Ich habe es so erlebt, dass es einige Kommunard*innen gibt, die sich sehr ernsthaft mit dieser Frage beschäftigen und einige ein sehr fundiertes Wissen von Sicherungssystemen haben.  Ich fand es beeindruckend, wie mutig, ernsthaft und fundiert eine radikal anders gestaltete  Alterssicherung diskutiert und aufgebaut wird, die sich teilweise an ganz anderen Prinzipien orientiert als die herkömmliche Sicherung.

Spielt die Alterssicherung eine Rolle bei der Entscheidung, in einer Kommune zu leben?
Für einige Kommunard*innen spielt das eine Rolle. Eine Kommunardin sagte beispielsweise, dass sie jetzt Menschen pflegt, in der Hoffnung später auch selbst „gut behandelt zu werden“. Ich denke, hier spielt vor allem die Verbindlichkeit und die langfristige Ausrichtung der Kommune eine Rolle. Ich glaube, je älter man ist, wenn man in eine Kommune zieht, umso eher spielt die Frage nach der Alterssicherung eine Rolle. Aber viele Kommunard*innen ziehen aus Überzeugung in eine Kommune, die Frage nach der Sicherung ist für sie eher zweitrangig.

Auf der einen Seite steht ja die rein finanzielle Absicherung. Können die Kommunen das für ihre Bewohner*innen gewährleisten und wenn ja, wie?
Die Kommune Niederkaufungen hat ein gemeinsames und relativ „institutionalisiertes“ Rentensystem, das die finanzielle Absicherung gewährleistet. Die erwarteten Rentengelder bestehen zum Teil aus den staatlichen Rentenansprüchen, die die Kommunard*innen innerhalb ihrer Kollektive oder außerhalb der Kommune erwerben. Zusätzlich legt die Kommune Gelder an. Ein Teil des Geldes ist in einem ökologisch und sozial ausgerichteten Fond angelegt, ein anderer Teil bei befreundeten Projekten oder anderen Kommunen und teilweise in der Kommune selbst.

Es muss stetig ein Kompromiss zwischen der strikten Verfolgung ökologischer und sozialer Werte und der Erzielung einer möglichst hohen Rente gefunden werden. So wird beispielsweise diskutiert, von wem wie viele Zinsen verlangt werden, wie viele Zinsen die Kommune selbst beiträgt oder ob es Alternativen zu Zinsen gibt. Mit den angelegten Geldern können die Betriebsrenten voraussichtlich soweit aufgestockt werden, dass der Betrag von rund 900 Euro, die momentan jeder Person durchschnittlich im Monat zur Verfügung stehen, aufrechterhalten wird. Solange die Kommunard*innen in der Kommune bleiben, werden alle Renteneinkommen in der gemeinsamen Ökonomie geteilt. Für den Fall eines Austritts wurde das System so konstruiert, dass jede*r unabhängig vom vorherigen Lohneinkommen zumindest die Kommunezielrente „mitnimmt“.

Hattest du den Eindruck, dass das Thema in den Kommunen zu Konflikten führt?
Ich kann das nur für Kommune Niederkaufungen sagen. Ich glaube, das Rentensystem wird weniger kontrovers diskutiert, aber die Frage, wie man mit dem demographischen Wandel in der Kommune umgeht, führt zu Konflikten. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Fragen, ob die Kommune wachsen soll oder ob in der Vernetzung mit anderen Kommunen eine Chance für die Stabilität der Kommune in der Zukunft liegt. Auch sind die Vorstellungen davon, wie hoch die Belastung in Bezug auf Hilfsbedürftigkeit und Pflege in 15 Jahren sein wird, sehr unterschiedlich.

Kommune hat ja nicht nur etwas mit finanzieller Alterssicherung zu tun. Welche anderen Aspekte sind dir begegnet?
Tatsächlich ist nicht die finanzielle Absicherung, sondern die Kommune selbst der zentrale Bezugspunkt der Alterssicherung. Meines Erachtens gibt es vier zentrale Aspekte:

1. Gemeinsame Ökonomie
Durch die gemeinsame Ökonomie haben alle Kommunard’innen Zugriff auf vielfältige Gebrauchsgüter, eigene Gebäude und Infrastruktur. Das konsequente Teilen führt zu einer hohen und gleichberechtigten materiellen Versorgung aller Mitglieder. Durch den großen Pool an Gütern und Infrastruktur sinkt auch der Geldbedarf für die Versorgung mit immateriellen Gütern. Das gemeinsame Besitzen ermöglicht und erfordert die Aneignung und Gestaltung der Dinge nach eigenen Wünschen und Vorstellungen. Gleichzeitig erzeugt das Teilen von Eigentum und Vermögen auch emotionale Sicherheit und wirkt Ängsten vor Fremdbestimmung und Entwurzelung entgegen.

2. Kollektives Arbeiten
Die Arbeit der Kommunard*innen trägt weitreichend und unmittelbar zur materiellen Absicherung bei. Die Art und Weise, wie Arbeit gestaltet und organisiert wird, gibt auch emotionale Sicherheit, weil sie die Möglichkeit bietet, sich auch bei nachlassenden Fähigkeiten und Kräften einzubringen und Handlungs- und Gestaltungsfreiräume erhält. Die Prinzipien der Herrschaftsfreiheit und Bedarfsorientierung zielen auf die Sicherung und Entlastung strukturell benachteiligter und leistungsschwacher Personen. Damit geht die emotionale Sicherheit einher, dann aufgefangen zu werden, wenn man nicht leistungsfähig ist.

3. Verlässliche Beziehungen
Dass man in der Kommune auf verbindliche Weise in Beziehung tritt, fördert das Vertrauen in Kontinuität und Beständigkeit und schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Geborgenseins. Die spezifische Beziehungsqualität in Kommunen macht Unterstützung durch andere Menschen im Falle von Hilfsbedürftigkeit selbstverständlich. Die Unterstützungsleistungen können sowohl auf die Absicherung materieller als auch anderer Bedürfnisse zielen. Die Besonderheit ist, dass sie nicht vertraglich, sondern durch menschliche Beziehungen organisiert werden.

4. Gemeinsame Wertorientierung
Die übergeordnete Werteorientierung erzeugt psychsiche Sicherheit dahingehend, dass die eigenen Werte auch im Alter Orientierung und Bedeutung geben. Dass Kommunard*innen schon im Leben einen Umgang mit Begrenzungen lernen, trägt elementar zu einem Sicherheitsgefühl bei. Zu wissen, dass Konsum und Besitz nicht den eigenen Selbstwert und die eigene Identität definiert, verleiht die psychische Sicherheit auch mit Verlusten gut auskommen zu können.

In wie fern gehen die Kommunard*innen anders mit dem Thema um als Menschen, die nicht in Gemeinschaft leben?
Ich hatte den Eindruck, dass viele Kommunard*innen eher sorglos in Bezug auf das Alter sind. Ich glaube, dies liegt unter anderem an der Orientierung an immateriellen Werten und dem Umgang mit Verzicht. Einen weiteren Grund sehe ich darin, dass die Kommune nicht nur eine materielle, sondern auch eine soziale Sicherung darstellt und gerade in Bezug auf Aspekte wie Gemeinschaft und Kontinuität Sicherheit stiftet, die in unserer Gesellschaft sonst nur wenig zur Geltung kommen.

Wie wird das Thema in den Kommunen in Zukunft behandelt. Wird es wichtiger? Gibt es Pläne? Sind die Kommunard*innen zufrieden mit der aktuellen Situation?
Ja, das Thema wird wichtiger und es gibt schon verschiedene Ideen, die diskutiert werden. Einige Ideen sind die Schaffung eines Pflegeunternehmens, die Gestaltung von WGs für ältere Leute oder der Aufbau einer „Altenresidenz“. Toll finde ich die Idee einer Spinnstube, also einem Raum außerhalb des Trubels in der Kommune, an dem ältere Menschen sich zusammenfinden können, um Dingen nachzugehen, die sie gerne tun und für die Kommune tun können. Ich glaube, die Kommunard*innen, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigen, wünschen sich, dass das Thema in der gesamten Gruppe stärker als gemeinsame Aufgabe aufgefasst wird.

Kannst du schon ein erstes kurzes Fazit aus deinen Forschungen ziehen?
Ja. Die soziale Sicherung darf für einen Übergang zu einer Postwachstumsgesellschaft nicht mehr nur durch finanzielle Unterstützung organisiert werden, die über Verträge geregelt wird und juristisch einklagbar ist. Vielmehr geht es um die Frage, wie wir verlässliche Beziehungen und Gemeinschaften aufbauen können. Eine auf verlässliche Beziehungen fußende Sicherung wird mit Hilfe von moralischer Verpflichtung garantiert. Sie ermöglicht situativ und individuell angepasste Unterstützungsleistungen. Ich sehe darin eine Chance, Sicherung außerhalb kapitalistischer Zwänge zu organisieren.

Wirst du weiter an dem Thema arbeiten? Wie soll es weitergehen?
Ja, aber jetzt werde ich zunächst meine Bachelorarbeit abschließen, die sich mit dem Thema anhand des ethnologischen Konzepts des Gabentausches befasst. Wer weiß, vielleicht am Ende durch das Leben in einer Kommune. Auf jeden Fall bin ich weiterhin gespannt darauf, welche Wege die Kommunen beim Thema Alterssicherung einschlagen werden und wünsche ihnen viel Mut bei der Auseinandersetzung und Gestaltung!

Dieses Interview erschien zuerst in der CONTRASTE – Die Monatszeitung für Selbstorganisation (Ausgabe 06/15).

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