Leben im Neoliberalismus

„Freiheit als Unterwerfung“ – mit seinem Buchtitel bringt Patrick Schreiner die vielen Paradoxien des Neoliberalismus auf den Punkt. Anhand verschiedener Lebensbereiche analysiert er, wie diese Ideologie in unseren Alltag hineinwirkt und welche Konsequenzen sie hat. Überraschend sind seine konkreten Beobachtungen zwar nicht, schließlich erleben auch wir sie jeden Tag und am eigenen Leib. Und doch ist es erschreckend, wie omnipräsent und mächtig die vermeintliche Erfolgsgeschichte vom freien Markt bereits geworden ist.

Der freie Markt gilt im Neoliberalismus als der Heilsbringer schlechthin. Er soll Wachstum und mehr Wohlstand für alle garantieren. Seine Befürworter sind der festen Überzeugung, dass marktwirtschaftliche Ordnungsmechanismen immer zu den besten (das heißt: effizientesten) Ergebnissen führen. Der Staat soll die Rahmenbedingungen für einen solchen Markt schaffen und sich ansonsten raushalten. Maßnahmen zur Umverteilung sind den Neoliberalen ein Gräuel, weil sie in die vermeintlich optimale Verteilung des Marktes ein- und das Recht auf Eigentum angreifen. In Bereichen wie der Altersvorsorge oder der Bildung verhindert der Staat eine marktwirtschaftliche Organisation – deshalb sollen sie so weit wie möglich privatisiert werden. Sozialsysteme sind abzulehnen, weil sie die Menschen bevormunden (also in ihrer Freiheit einschränken) und ihnen die Motivation nehmen.

Prekarisierung und Individualisierung

Natürlich beeinflusst eine solche Auffassung von Wirtschaft zuallererst unsere Arbeitswelt. Symptomatisch sind die Schwächung der Gewerkschaften, die Flexibilisierung (heißt: Prekarisierung) von Arbeitsverhältnissen und ein flächendeckender Rückgang der Lohnquote: Der Anteil der Einkommen, der an die Arbeitnehmer fließt, wird also immer kleiner. Gleichzeitig werden Sozialausgaben gekürzt. Die zwangsläufige Folge ist die inzwischen wohlbekannte Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter auseinandergeht.

Soweit so ökonomisch. Natürlich lohnt es sich, auch an dieser Stelle schon Kritik zu äußern und die Sinnhaftigkeit dieses Modells anzuzweifeln. So spielt beispielsweise die Frage der Gerechtigkeit im Neoliberalismus keine Rolle. Und die ökologischen Folgen des angeblich unbegrenzten Wachstums rollen bereits auf uns zu. Doch diese Kritik soll dieses Mal hier nicht Thema sein. Die Frage, die auch Patrick Schreiner in seinem Buch umtreibt, ist vielmehr: Wieso funktioniert dieses System so gut, obwohl es doch ganz offensichtlich so viele Probleme schafft?

Das Hohelied des Wettbewerbs

Eine Antwort liegt in den vielen gesellschaftlichen und privaten Bereichen, die sich der Neoliberalismus bei seinem Siegeszug bereits angeeignet hat. Als wäre es nicht schon genug, dass er unsere Wirtschaft beherrscht, ist er inzwischen in viele weitere Lebensbereiche eingedrungen. Das Paradigma des freien Marktes beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf Arbeit, Kapital und Waren.

Beispiel Bildung: Auch hier singen inzwischen alle das „Hohelied des Wettbewerbs“ (Schreiner). Es geht nicht mehr darum, Lebenserfahrung zu sammeln und eine Persönlichkeit zu entwickeln, sondern darum, den Anforderungen des Arbeitsmarktes und den Unternehmen gerecht zu werden. Schüler*innen, Student*innen aber auch Schulen und Hochschulen stehen in Konkurrenz zueinander, sei es um Praktika, Arbeitsplätze oder finanzielle Mittel. Und es ist kein Ende in Sicht, denn Fortschritt und Wandel zwingen uns dazu, uns immer wieder neuen Anforderungen anzupassen. Wer Schritt halten möchte und unter den unsicheren Bedingungen nicht untergehen möchte, muss sich ranhalten.

Bildungs- statt Sozialpolitik

Bildungspolitik gilt inzwischen als die bessere Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Sie muss als Ersatz herhalten für sozialen Ausgleich und Eingriffe in die unternehmerische Freiheit. Denn: Dank genügend Bildungsangeboten haben angeblich alle die gleichen Chancen. Und wer diese nicht nutzt, ist selber schuld.

Dieses Individualisieren und Moralisieren von sozialen Problemen ist symptomatisch für die neoliberale Gesellschaft. Strukturelle Missstände werden einfach ausgeblendet, indem den Betroffenen die Schuld für ihre prekäre Situation gegeben wird: „Du hattest doch alle Möglichkeiten – wieso hast du nichts daraus gemacht? Anscheinend hast du dich nicht genug angestrengt!“ Häufig werden im Neoliberalimus empirische Aussagen mit normativ-moralischen Urteilen in einen Topf geworfen. Das Ergebnis ist eine gefährliche Mischung aus angeblichen Sachzwängen und Diskriminierung.

Positives Denken als Erfolgsrezept

Passend dazu ist der Erfolg von Ratgeberliteratur, Management-Trainings und so genanntem „Positivem Denken“. Es ist ein neuer Markt (was auch sonst?) entstanden, der Menschen dabei helfen soll, sich zu optimieren, ihre Defizite aufzuholen und sich fit zu machen für den Wettbewerb. Es liegt in ihrer Hand, den „Aufstieg“ zu schaffen – wie auch immer der aussehen mag. Wenn es nicht funktionieren sollte, dann liegt das Problem nicht in Rahmenbedingungen oder sozialer Ungerechtigkeit. Nein, es liegt daran, dass die Menschen für ihren Erfolg nicht genug getan haben, dass sie die falsche Einstellung haben und nicht genug an sich glauben. Seltsam nur, dass trotz positivem Denken die Zahl der Arbeitsplätze immer noch geringer ist als die Zahl der Arbeitssuchenden…

Die Freiheit des Neoliberalismus besteht darin, sich den Anforderungen des Marktes zu unterwerfen. Und selbst dann ist nicht garantiert, dass jede*r „es schafft“. Das Erfolgsversprechen erfüllt sich längst nicht für jede*n. Kann es nicht – und soll es auch nicht. Die neoliberalen Ökonomen selbst sagen, dass ein gewisses Maß an Ungleichheit nötig ist, um den Wettbewerb und den Markt am Laufen zu halten.

Leistung = Geld = Erfolg

Nichts desto trotz hat sich diese Denkweise in uns festgesetzt. Im Fernsehen, in Zeitschriften, im Internet, in sozialen Medien – überall finden wir die gleichen Glaubenssätze. Patrick Schreiner skizziert unter anderem am Erfolg der Esoterik und an der Kommerzialisierung des Sports, wie Selbstoptimierung, Selbstdisziplin, Selbstüberwindung und Eigenverantwortung unser Leben bestimmen. Wir müssen uns anpassen, wir müssen den Anforderungen genügen, die richtige Einstellung entwickeln – dann werden wir erfolgreich sein. Und Erfolg misst sich natürlich am finanziellen Ergebnis, inzwischen häufig auch gleichbedeutend mit Leistung. Es geht nicht mehr darum, was jemand tatsächlich geleistet hat (Arbeitsstunden, Kreativität, Fähigkeiten, Engagement, …), sondern was er oder sie damit erreicht bzw. verdient hat.

Interessant ist Schreiners Analyse von Showbusiness, Castingshows, Reality-TV, Seifenopern und sozialen Netzwerken, die alle ähnlichen Strukturen folgen. Überall werden uns perfekte neoliberalen Persönlichkeiten und Lebensläufe präsentiert. Dabei schwingt immer die implizite Aufforderung mit: Nimm‘ dir ein Beispiel! Wenn du nur den Spielregeln folgst, dann wirst du auch gewinnen. Dass aber niemals alle gewinnen können und es mindestens genauso viele Verlierer wie Sieger gibt, fällt dabei unter den Tisch.

Neue Spielregeln

Und vor allem eines wird ausgeblendet: unser politischer Gestaltungsspielraum. Der Markt, die Gesellschaft, die ganze Welt wird als gegeben konstruiert. In dieser neoliberalen Welt sind wir „frei“, das heißt, wir können selbst entscheiden, was aus uns werden soll. Wir sind frei von staatlicher Bevormundung. Wir müssen uns nicht um andere kümmern, sondern können uns ganz auf unsere eigene Erfolgsgeschichte konzentrieren. Juhu! Die Rahmenbedingungen stehen hingegen nicht zur Debatte, sie scheinen unveränderlich. Der status quo soll erhalten bleiben, das Marktgleichgewicht darf nicht gestört werden. Deshalb sind neoliberale Ökonomen auch keine Fans von demokratischer Mitbestimmung. Lieber sind ihnen autoritäre Maßnahmen wie die Schuldenbremse oder der Fiskalpakt. Die Menschen wissen eben nicht was gut für sie ist, das weiß nur der Markt. Und mit den Ergebnissen, die er hervorbringt, haben sie sich abzufinden. Schließlich sind sie optimal und effizient.

„Der ideale Mensch im Neoliberalismus lebt die neoliberale Moral, entwickelt sie weiter und begeistert andere von ihr. Er weiß sie anzuwenden auf Situationen und Entscheidungen im Alltag wie auch im Politischen. Er ist aus sich heraus marktkonform, unternehmerisch und auf sich selbst bezogen. Er zeigt sich anpassungsbereit und flexibel aus innerem Antrieb.“ (Patrick Schreiner, Unterwerfung als Freiheit, S. 108)

Das soll Freiheit sein? Wohl kaum. Und trotzdem hat sich diese Auffassung weitesgehend durchgesetzt. Der Neoliberalismus hat jegliche Deutungshoheit an sich gerissen. Wer ihm etwas entgegensetzen möchte, darf sich also nicht auf die Kritik der ökonomischen Theorie beschränken. Es gilt, das Markt-Paradigma in allen Lebensbereichen in Frage zu stellen. Wir sollten unsere Spielregeln selbst bestimmen, anstatt sie uns diktieren zu lassen. Das ist unsere Freiheit.

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2 Kommentare zu “Leben im Neoliberalismus

  1. Ich hege allerdings erhebliche Zweifel, ob es in der Bildung vor dem Aufkommen des Neoliberalismus darum ging, Lebenserfahrung zu sammeln und Persönlichkeit zu entwickeln. Vielleicht noch mehr als im Neoliberalismus, allerdings war auch die ’soziale Marktwirtschaft‘ in erster Linie an Verwertung interessiert.
    Ich finde es recht desaströs, was für enorme Mängel hinsichtlich der Kenntnisse in Kommunikation und Psychologie hierzulande existieren (bei weitem nicht nur in prekären Schichten, sondern auch unter gut ausgebildeten und auch unter gut verdienenden Menschen).
    Mehr dazu unter:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2015/03/28/hassunproblemoderwatt-wir-brauchen-eine-allgemeinbildung-in-psychologie/

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