Lebensmittel retten, aber nicht das System

In unserem Wirtschaftssystem spielen Zahlen eine wichtige Rolle: die jährliche Wachstumsrate, das Bruttoinlandsprodukt, die Exportquote – all das soll den ökonomischen Erfolg, den Fortschritt, den Wohlstand unserer Gesellschaft widerspiegeln. Doch hinter diesen vermeintlichen Erfolgsmeldungen verstecken sich weitere Zahlen. Zahlen, die gerne unter den Tisch gekehrt werden, weil sie belegen, dass der neoliberale Kapitalismus im Grunde sehr viel mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet.

313 Kilogramm ist so eine Zahl. Sie stammt aus einer aktuellen Studie des WWF und beziffert die Menge an Lebensmitteln, die in Deutschland pro Sekunde (!) im Müll landet. Theoretisch würde die globale Lebensmittelproduktion ausreichen, um mehr als die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Trotzdem leidet eine Milliarde Menschen an Hunger. Ein Widerspruch? Nicht für die Apologeten des freien Marktes. Für sie gilt ein gewisses Maß an Ungleichheit als notwendig, um den Wettbewerb am Laufen zu halten.

Lebensmittel teilen

Zum Glück wollen sich mit dieser Interpretation längst nicht mehr alle Menschen abfinden. Die enorme Lebensmittelverschwendung erregt die Gemüter, auch in Deutschland. So entstand vor drei Jahren die Online-Plattform „Foodsharing“ (deutsch: Lebensmittel teilen). Die Grundidee war, dass jede*r hier virtuelle Essenskörbe mit überschüssigen Lebensmitteln anlegen kann. Andere können sich diese Lebensmittel dann kostenlos abholen – und sie landen nicht in der Mülltonne.

Inzwischen nutzen das Portal über 60.000 Menschen und in vielen Städten haben sich lokale Initiativen gegründet. Ging es zu Beginn vor allem um den Austausch zwischen Privatpersonen und -haushalten, bemühen sich die „Foodsaver“ nun auch überall um Kooperationen mit Betrieben. Das heißt: Die Betriebe geben die Produkte, die sie nicht mehr verkaufen, an die Foodsharing-Gruppen ab. Diese kümmern sich dann um die Verteilung und verhindern so, dass Lebensmittel weggeschmissen werden, die ohne weiteres noch konsumiert werden könnten.

Offene Strukturen

Seit November 2014 gibt es eine solche Gruppe auch in Kassel. Das Team besteht im Moment aus knapp 60 Menschen, die unterschiedlich aktiv sind. Während einige nur hin und wieder Lebensmittel abholen, kümmern sich andere um regelmäßige Orga-Treffen, die Betreuung der Verteil-Standorte und die Kooperation mit den einzelnen Betrieben. Trotzdem bleibt die Struktur offen für alle und möglichst hierarchiefrei. Jede*r kann zu den Treffen kommen, seine bzw. ihre Ideen einbringen und neue Betriebe ansprechen.

Die Gründe, sich beim Foodsharing zu beteiligen, sind sicher unterschiedlich. Nicht jede*r verbindet damit eine politische Botschaft. Im Vordergrund steht erst einmal der praktische Nutzen: Dank der Initiative nimmt die Verschwendung von Lebensmitteln ab. Noch steht das zwar in keinem Verhältnis zu den Mengen, die deutschlandweit weggeschmissen werden, aber es ist ein Anfang. Zudem hat Foodsharing dafür gesorgt, dass das Thema öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. Die Medien stürzten sich förmlich auf die Gruppen, die sich plötzlich überall gründeten.

Kritik am wirtschaftlichen System

In der Berichterstattung und auch im Selbstverständnis der Gruppen steht nicht immer eine grundlegende Kritik des wirtschaftlichen Systems im Vordergrund. Oft bleibt es bei einer wohlwollenden Darstellung des ehrenamtlichen Engagements, das sich auf ein konkretes Thema beschränkt und dagegen etwas tun möchte. Für mich reicht diese Sichtweise allerdings nicht aus.

Ich engagiere mich bei Foodsharing, weil es mir die Möglichkeit gibt, meine grundsätzliche Kritik am Wirtschaftssystem in wirksame Aktionen einfließen zu lassen. Die Lebensmittel, die wir abholen und verteilen, landen nicht im Müll, sondern werden konsumiert. Unsere Kommune bekommt so zum Beispiel jede Woche eine große Menge Tofu, mit der wir bestens versorgt sind. In kleineren Mengen und nach Bedarf gibt es auch Backwaren und Gemüse. Damit entziehen wir dem Markt einen Teil unserer finanziellen Mittel, denn Produkte, die wir dank Foodsharing kostenlos bekommen, müssen wir nicht mehr kaufen.

Keine Frage der Bedürftigkeit

Die Verteilung erfolgt nicht ausschließlich an bedürftige Menschen, sondern grundsätzlich an alle. Es muss also niemand seine finanzielle Situation offenlegen oder rechtfertigen, warum er oder sie auf die kostenlosen Lebensmittel angewiesen ist. Das ist einer der Gründe, warum ich Foodsharing für sinnvoller halte als das System der Tafeln.

Obwohl ich die Idee von Foodsharing tatkräftig unterstütze, stelle ich mir auch immer wieder kritische Fragen. Zum Beispiel widerstrebt es mir, dass ich Betrieben mit dem Abholen ihres „Mülls“ eine Art von Absolution erteile, zu viel zu produzieren. Sie sparen Entsorgungskosten und können sich weiter nach den Regeln des Marktes richten. Das heißt, sie bieten ihren Kund*innen zum Beispiel auch um 22 Uhr noch volle Regale und eine große Auswahl an. Die grundsätzliche Überproduktion wird erst einmal nicht in Frage gestellt. Wobei es natürlich auch Foodsaver gibt, die sich damit auseinandersetzen, was wir Menschen eigentlich brauchen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Neoliberal sozialisiert

Darüber hinaus konfrontiert uns die bedingungslose Verteilung der Lebensmittel mit Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft inzwischen leider zum Standard – wenn nicht überlebenswichtig – geworden sind: Egoismus, Konkurrenz und Neid. Es kommt vor, dass einige Menschen sehr viel von den Lebensmitteln mitnehmen wollen, sodass andere weniger oder gar nichts bekommen. Manchmal herrscht ein regelrechtes Gedränge um die vollen Tüten. Einerseits ist das nicht verwunderlich: Wer sein Leben lang mit Knappheit konfrontiert ist und nur auf den eigenen Vorteil getrimmt wird, wird diese Sozialisation nicht plötzlich ablegen.

Andererseits stellt uns das vor die Frage: Wie können wir Bedingungen schaffen, in denen die Menschen entgegen ihrer Gewohnheit das Gefühl haben, dass genug für alle da ist und jede*r auf seine Kosten kommt. Foodsharing könnte ein Weg sein, die Gesetze des neoliberalen Kapitalismus zumindest zeitweise außer Kraft zu setzen, um den Menschen zu zeigen, wie es anders funktionieren kann: solidarisch, kooperativ und gleichberechtig.

Insofern steckt in diesem Projekt eine Menge Potenzial, wenn wir den größeren Zusammenhang nicht aus den Augen verlieren, die richtigen Fragen stellen und uns mit möglichst vielen Menschen Gruppen vernetzen.

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2 Kommentare zu “Lebensmittel retten, aber nicht das System

  1. Oh, Mädchen!
    Menschen verhungern nicht deshalb, weil andere Lebensmittel wegwerfen.
    Sondern, da ihnen das Geld fehlt, welche zu kaufen.
    Deshalb könnt‘ ihr „foodsharen“ soviel ihr wollt.
    Was allerdings den Hungernden auf dieser Welt nichts nützt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Flash

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