Worte finden für das Unsagbare

Ich bin sprachlos – und genau deshalb muss ich versuchen, zu schreiben. Vielleicht hilft es, in meinem Kopf wieder ein wenig Ruhe einkehren zu lassen und meine Gedanken wieder zu fokussieren. Heute ist in der Stadt verkaufsoffener Sonntag. Juhu! Und ich sitze hier und denke: Was zur Hölle geht da draußen eigentlich vor? Wie kann es sein, dass es immer weiter geht, dass es immer schlimmer wird und wir – die vielen Menschen, die daran etwas ändern wollen – scheinbar keine Antwort darauf finden?

Eigentlich möchte ich nicht in diesen Chor miteinstimmen, aber die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen haben mich nicht nur erschreckt. Nein, sie machen mir Angst. Es werden Menschen gewählt, die öffentlich Waffengewalt gegen Geflüchtete fordern. Gegen wehrlose Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie dort aufgrund von Armut, Krieg und Gewalt keine Zukunft haben. In ihren Ländern rollen Panzer, an denen die deutsche Industrie verdient hat. In ihren Ländern werden deutsche Importprodukte verkauft, die billiger sind als einheimische Waren. Und in ihren Ländern herrscht Chaos, weil militärische Interventionen von außen nicht die gewünschte Stabilität gebracht haben.

Einfache Formeln statt komplexer Zusammenhänge

All diese Zusammenhänge verschwinden und werden durch eine einfache Formel ersetzt: „Nicht unser Problem! Die vielen Menschen sollen gefälligst bleiben, wo sie sind, hier ist nicht genug Platz für alle. Zumal diese Menschen ja nur uns und unsere Sozialsysteme ausnutzen wollen.“ Wie zynisch es ist, nach jahrzehnterlanger Ausbeutung ganzer Erdteile davon zu sprechen, dass WIR ausgenutzt werden könnten. Abgesehen davon, dass sich diese Behauptung bei näherem Hinsehen nicht belegen lässt.

Diese trockene Rationalität, diese Ignoranz, dieses überlegene Getue – es macht mich rasend! Aber sie hat Erfolg. Alle deutschen Parteien stimmen in diesen hohlen Singsang mit ein. Einige zaghafte Gegenstimmen werden laut, doch die nächste Asylrechtsverschärfung wartet schon. Und die so genannte Alternative für Deutschland setzt noch einen drauf – und hat damit überraschend (?) viel Erfolg: „Endlich spricht mal jemand aus, was alle denken! Endlich bekommt Angela Merkel mal Gegenwind! Endlich nochmal eine starke Stimme gegen den Einheitsbrei der Volksparteien!“

Rassismus wird gesellschaftsfähig

Wie kann das sein? Rechtes Gedankengut, Rassismus und Nationalismus, sind auf dem Weg, wieder vollends gesellschaftsfähig zu werden. Schritt für Schritt scheint es sich in den Köpfen einzunisten und es sich bequem zu machen. Ja, bei vielen war es vielleicht immer schon da, hatte aber keine Resonanzfläche. Und nun ist es ganz einfach, sich dem lauten Chor von Pegida und Co. anzuschließen. Und plötzlich ist es möglich, dass 100 Deutsche einen Bus mit Geflüchteten blockieren und angreifen, ohne dass die Polizei etwas dagegen tut. Wenn ich das Video aus Clausnitz ansehe, dreht sich mir der Magen um. Und zwar mehrfach.

Was kommt als Nächstes? Und was können wir dagegen tun? Ich bin sprachlos. Und ich habe Angst, dass wir dieser Entwicklung nichts entgegensetzen können. All die Demos gegen Pegida, die unzähligen Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen und praktische Hilfe leisten, die vielen Projekte und Initiativen, die sich Solidarität auf die Fahne geschrieben haben. Bleibt das alles wirkungslos? Oder sollte ich mich stattdessen fragen, wie schlimm es wäre, wenn es das alles nicht gäbe?

Die Pflicht zum Ungehorsam

In einer Dokumentation über „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ sehe ich Bilder aus den 30er und 40er Jahren. Bilder von Wahlplakaten der NSDAP, von Naziaufmärschen und begeisterten Volksmassen. Bilder von deportierten Juden, Konzentrationslagern und den Nürnberger Prozessen. Ich war überzeugt, dass so etwas nicht nochmal passieren kann. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher und frage mich: Sind wir vielleicht genau jetzt an dem Punkt, an dem es darauf ankommt? Müssen wir jetzt all unsere Kraft in den Widerstand stecken und alternative Strukuren stecken, damit es in ein paar Jahren nicht zu spät ist?

In Anbetracht der Situation hier in Deutschland (und nicht nur hier) scheint es mehr zu brauchen. Aber wie kann dieses Mehr aussehen? Ich habe das Gefühl, in einer Schockstarre zu stecken. Ich kann mich kaum mehr bewegen, weil ich keine Ahnung habe, wohin. Seit Jahren bin ich in verschiedenen Gruppen aktiv, und sicher haben wir viel auf die Beine gestellt. Aber wie wirksam sind wir, bin ich? Die Politik der kleinen Schritte war mir immer sympathisch, sie erschien mir sinnvoll. Wir stecken uns erreichbare Ziele, drehen an vielen kleinen Rädchen und verändern Dinge vor Ort: Politische Kommunen, soziale Freiräume, antifaschistische Aktionen, antirassistische Projekte und solidarische Strukturen leisten eine Menge wichtige Arbeit.

Können wir noch mehr stemmen?

Sind wir schon an der Grenze des Machbaren angekommen? Läuft die Frage nach einem Mehr an Aktivismus ins Leere, weil niemand dieses Mehr noch stemmen kann? Sind wir einfach zu wenige? Oder müssen wir uns gar von dem Ziel verabschieden, die Welt zu einer besseren zu machen? Vielleicht ist es sinnlos, darauf zu hoffen, die Gesellschaft als Ganze zu verändern. Vielleicht ist dieser Kampf nicht zu gewinnen. Stattdessen könnten wir uns darauf konzentrieren, die vielen kleinen Enklaven von Solidarität und Freiheit zu bewahren, die es heute schon gibt. Das wird schon schwer genug und bringt mich wiederum zu der Frage: Können wir solche Räume verteidigen, während um uns herum die Welt auseinanderfliegt? Wohl kaum.

Das Gedankenkarussell in meinem Kopf dreht sich munter weiter – und landet schließlich auf der ganz persönlichen Ebene: Wozu überhaupt noch studieren? Sollte ich nicht so viel Zeit wie möglich in den politischen Widerstand stecken, in den Ungehorsam und in den Aufbau solidarischer Strukturen? Wenn uns in ein paar Jahren hier alles um die Ohren fliegt, werde ich es dann bereuen, die Zeit im Hörsaal verbracht zu haben? Andererseits: Sollte ich dieses Privileg, studieren zu können, nicht zu schätzen wissen und solange nutzen wie möglich? Es hat schließlich auch seine Vorteile, was Finanzen, Möglichkeiten und Zeiteinteilung angeht.

Mein Leben am Widerstand ausrichten

Ich könnte stattdessen auch jeden Tag zu einer anderen Nazi-Demo fahren und gegen sie protestieren. Aber macht das wirklich mehr Sinn? Ich habe keine Lust, mir von diesen Menschen diktieren zu lassen, wann ich wo zu sein habe. Ich habe keine Lust, meine ganze Zeit darauf zu verwenden, ihnen die Stirn zu bieten. Ja, es braucht ein klares Statement gegen Rassismus, Nationalismus, Sexismus und diese ganze gefährliche Mixtur, die sie als „Meinung“ oder gar als „Sorge“ verkaufen. Aber gleichzeitig möchte ich mein Leben nicht danach ausrichten, was diese Menschen tun.

Wonach möchte ich mein Leben dann ausrichten? Wie kann ich etwas bewirken, ohne mein eigenes Leben zu vergessen? Oder muss ich das in Kauf nehmen? Vielleicht muss ich in die Vollen gehen und kompromisslos kämpfen. Aber mit wem? Und wofür? Was können wir dem System tatsächlich entgegensetzen, wenn es darauf ankommt? Ich habe eine Menge Ideen – und ich bin nicht die einzige: Solidarökonomie, Konsens, Gleichberechtigung, Herrschaftsfreiheit, Freiheit. Aber wie realistisch ist es, dass wir diese Ideen auch irgendwann umsetzen (können)? Wenn morgen der Staat zusammenbrechen würde, könnten wir tatsächlich etwas Neues daraus erschaffen?

Fragen ohne Antworten

Am Ende läuft es darauf hinaus, irgendwie einen Weg zu finden, der mich nicht verzweifeln lässt. Ich will nicht aufgeben, den Kopf in den Sand stecken oder so tun, als sei alles gar nicht so schlimm. Stattdessen sollte ich meine Wut und meine Traurigkeit in Energie umwandeln, damit ich mich immer wieder aufs Neue motivieren kann und die Hoffnung nicht (auf Dauer) aufgebe. Solche Phasen der Rat- und Orientierungslosigkeit gehören vielleicht einfach dazu, auch um die eigenen Prioritäten zu überprüfen. Im eiligen Hin und Her von Aktion zu Aktion, von Plenum zu Plenum kann der Überblick schon mal verloren gehen. Um ihn wiederzufinden, muss ich all diese Gedanken zulassen, muss ich all diese Fragen stellen. Auch wenn ich manchmal keine Antwort finde.

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2 Kommentare zu “Worte finden für das Unsagbare

  1. Pingback: Autonomie verteidigen – aber wie? – Das Mädchen im Park

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