Anarchie ist machbar, Frau Nachbar!

Anarchistische Konzepte haben im politischen Mainstream bislang keine Chance. Und auch in sozialen Bewegungen fristen sie oft noch ein Nischen-Dasein. Nichts desto trotz gibt es eine Vielzahl von Menschen, die sich an den Ideen einer herrschaftsfreien Gesellschaft orientieren und versuchen, sie in die (politische) Tat umzusetzen. Der dritte Band der Interview- und Gesprächssammlungen von Bernd Drücke zeigt, wie vielfältig und konkret Anarchist*innen sich organisieren und Projekte am Laufen halten, die schon heute alternative Strukturen aufbauen.

In „Anarchismus Hoch 3“ kommen insgesamt 27 Menschen zu Wort. Daraus entsteht nicht nur ein beachtliches Spektrum an anarchistischen Perspektiven und Handlungsweisen, sondern lässt auch einige der Anknüpfungspunkte erkennen, die eine libertäre Bewegung für sich nutzen kann, zum Beispiel in der Bewegung der politischen Kommunen, in Kollektivbetrieben und Arbeitskämpfen oder bei Hausbesetzungen.

Es macht Mut, von jungen Projekten wie dem Black-Pigeon-Buchladen zu lesen, der in der Dortmunder Nordstadt einen selbstorganisierten Freiraum für die Nachbarschaft anbietet. In vielen Gesprächen wird diskutiert, ob und wie der Anarchismus konkrete Antworten auf Alltagsfragen in verschiedenen Lebenslagen wie Ausbildung, Elternschaft, Lohnarbeit oder Rente geben kann – und das jenseits von großen Demonstrationen schwarz gekleideter Menschen mit schwarzen Fahnen.

Dabei werfen die Gespräche auch einen kritischen Blick auf die Geschichte der anarchistischen Bewegung: Welche Lehren lassen sich aus dem Projekt A von Horst Stowasser ziehen? Mit welchen Problemen hatten und haben anarchistische Verlage zu kämpfen? Wie konnte und kann der Anarchismus über eine bestimmte Szene hinaus Menschen begeistern?

In den meisten Interviews taucht die Frage nach der eigenen Vorstellung von Anarchie auf. Auch wenn die Gesprächspartner*innen ihre eigenen Akzente setzen, geht es ihnen vor allem darum, jedem Menschen eine möglichst große Freiheit und materielle Gerechtigkeit zu ermöglichen. Es wird deutlich: Eine Gesellschaft ohne Herrschaft ist das Gegenteil von Chaos, sie braucht eine funktionierende Organisation. Der Interview-Band gibt einen Einblick, wie diese konkret aussehen könnte. Der Blick geht dabei auch ins Ausland, etwa zu anarchistischen Kämpfen und Bewegungen in der Türkei, in Russland oder Indonesien.

Die Form des Interviews macht das Buch kurzweilig und abwechslungsreich. Allerdings sind alle Interviews im Rahmen der redaktionellen Arbeit der Graswurzelrevolution entstanden und wurden vom Herausgeber selbst geführt. So entsteht eine gewisse Einseitigkeit und Redundanz – gleichzeitig aber hoffentlich die Lust, auch andere anarchistische Autor*innen und Quellen kennenzulernen.

Diese Rezension erschien zuerst in der CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation (01/2017).

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2 Kommentare zu “Anarchie ist machbar, Frau Nachbar!

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