Mehr als nur Sozialromantik

Christoph hat seinen Job im Callcenter gekündigt und wird nun Erzieher. Erdmuthe machte eine Reise nach Kreta und eine Weiterbildung im spirituellen Bereich. Matthias hat Geld gespendet und ein wenig sorgenfreier gelebt. All das konnten sie tun, weil sie ein Grundeinkommen gewonnen haben. Ein Jahr lang bekamen sie 1000 Euro im Monat – bedingungslos und steuerfrei. Christoph, Erdmuthe und Matthias sind drei von inzwischen 74 Gewinner*innen von „Mein Grundeinkommen“.

Seit Juli 2014 hat das Projekt per Crowdfunding jeweils 12.000 Euro gesammelt und diese Summe anschließend verlost. Zuletzt dauert es nur noch rund einen Monat, bis das nächste Grundeinkommen finanziert war und die nächste Verlosung stattfinden konnte.

Pressesprecher Christian Lichtenberg von „Mein Grundeinkommen“ erklärt: „Die Verlosung ist aus unserer Sicht die einfachste Möglichkeit, Geld zu sammeln und an Menschen zu vergeben – möglichst ohne bürokratische Hürden, losgelöst von politischen Ideologien und für die Menschen möglichst greifbar.“ Alle registrierten Personen können an dieser Verlosung teilnehmen, auch wenn sie sich zuvor nicht an der Spendenkampagne beteiligt haben. Eltern können für ihre unter 14-jährigen Kinder ins Rennen gehen.

Bedingungslosigkeit schafft Vertrauen

An das gewonnene Geld sind keinerlei Bedingungen geknüpft. Die Gewinner*innen können damit also anstellen, was sie wollen. „Bedingungslosigkeit schafft Vertrauen und kann Menschen in unterschiedlicher Hinsicht emanzipieren. Bedingungen führen hingegen häufig zu Misstrauen und Neid, gerade wenn es um die Würde und die Existenzsicherheit für Individuen geht“, so Lichtenberg.

Diese Erfahrung hat auch Michael Bohmeyer gemacht. Er hat die Kampagne vor zweieinhalb Jahren ins Leben gerufen, weil er wissen wollte, was ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) mit den Menschen macht. Er selbst lebt dank einer monatlichen Gewinndividende in Höhe von 1000 Euro aus einem Start-Up sehr viel angstfreier. Er wurde kreativer, empathischer und enwickelte mehrere neue Geschäftsideen entwickelte. Das habe ihn innerlich sehr verändert, schildert er.

Ein Pilotprojekt

„Mein Grundeinkommen“ soll als Pilotprojekt mit den realen Erfahrungen der Gewinner*innen die nationale und internationale Diskussion über das Grundeinkommen bereichern: „Wir möchten zeigen, dass das Grundeinkommen eine konkrete politische Alternative sein kann, wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt“, sagt Christian Lichtenberg. „In Zeiten zunehmender Digitalisierung und Automatisierung und der Tendenz schwindender Arbeitsplätze und prekärer werdenden Arbeitsbedingungen darf die Würde des Einzelnen nicht unter den Tisch fallen. Und alle Studien, die es bislang zu Grundeinkommens-Experimenten gibt – wie beispielsweise aus den USA, Kanada, Namibia oder Indien – belegen, dass Menschen nicht faul werden, wenn sie bedingungslos Geld erhalten.“ Die bisherigen Erfahrungen der Gewinner*innen und auch die Gedankenspiele der vielen Unterstützer*innen, die alle online dokumentiert werden, untermauern diese Ergebnisse.

Aktuell sind über 360.000 Menschen bei mein-grundeinkommen.de registriert. Davon haben rund 170.000 an der letzten Verlosung teilgenommen. Langfristig soll die Debatte über ein Grundeinkommen so groß werden, dass insbesondere die beiden großen deutschen Parteien dem Thema nicht mehr aus dem Weg gehen können. Bisher werde die Idee eines BGE oft noch als sozialromantische Utopie abgetan. Das soll unter anderem mit „Mein Grundeinkommen“ möglichst bald ein Ende haben.

Heterarchische Teamarbeit

Der gleichnamige Verein hat inzwischen 15 Mitarbeiter*innen, von denen manche in Teilzeit, andere in Vollzeit arbeiten. Ihre Arbeit wird finanziert von rund 25.000 Unterstützer*innen, den so genannten „Crowdhörnchen“. Sie steuern jeden Monat eine bestimmte Summe bei. Die Finanzierung sei dadurch mittelfristig gesichert, zumal das Projekt bisher ziemlich erfolgreich arbeite, so Christian Lichtenberg.

Das Team selbst versucht, heterarchisch zu arbeiten, das heißt möglichst gleichberechtigt und selbstbestimmt. Hierarchien ließen sich zwar zum Beispiel durch unterschiedliche Erfahrungswerte nicht vermeiden, aber zumindest in der Organisationsstruktur soll es keine festen Hierarchien geben. „Man bekommt am Ende mehr von Menschen, wenn man ihnen Raum gibt“, ist Lichtenberg überzeugt. Verpflichtet fühlt sich das Team vor allem sich selbst als Gemeinschaft – und natürlich der „Crowd“.

Mangelnde Wissenschaftlichkeit

In der Vergangenheit wurde immer wieder kritisiert, dass das Projekt nicht wissenschaftlich sei und daher keine Rückschlüsse auf eine wirkliche Grundeinkommens-Gesellschaft zulasse. Das ist den Initiator*innen allerdings bewusst. Sie wünschen sich deshalb auch ein großflächig angelegtes Experiment im deutschsprachigen Raum. Nichts desto trotz geben die individuellen Erfahrungen der Gewinner*innen einen Eindruck, welche Möglichkeiten und Veränderungen ein Grundeinkommen auf den Weg bringen kann. So fallen Christian Lichtenberg gleich noch zwei Beispiele ein: „Es gab bei uns eine Frau, der das Grundeinkommen geholfen hat, sich in ihrer Familienkonstellation zu emanzipieren. Oder es gab einen Gewinner, bei dem sich eine chronische Krankheit durch den Rückgang von psychischem Stress signifikant verbessert hat.“ Er findet, jede*r sollte einmal die Erfahrung der Bedingungslosigkeit machen.

Internetseite: www.mein-grundeinkommen.de

Lest hier noch mehr zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“:

Ein Leben ohne Bedingungen (22.09.2014)

Das Morgen tanzt im Heute schon (22.01.2016)

Dieser Beitrag erschien zuerst in der CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation (02/2017).

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