Aktivismus und Wissenschaft zusammen denken

Gefühlt bin ich schon viel zu lange an der Uni. Seit 2009 gehöre ich irgendwie zum akademischen Umfeld, irgendwie aber auch nicht. Als ich politisch aktiv wurde, tat sich eine Lücke auf zwischen Studium und Engagement. Scheinbar hatten diese beiden Lebensbereiche nicht viel miteinander zu tun – sie durften es auch nicht. Schließlich ging es auf der einen Seite um Objektivität und Neutralität, auf der anderen aber um Werte, Meinungen und gesellschaftlichen Wandel. Das lässt sich schwer miteinander unter einen Hut bringen. Oder?

Im Journalistik-Studium hieß es immer wieder, ich dürfe mich nicht mit einer Sache gemein machen. Ich sollte immer die objektive Beobachterin bleiben, nicht Teil der Ereignisse werden, nicht involviert sein. Das ging so lange gut, bis ich über berichtete, die mir am Herzen lagen: soziale Bewegungen, Aktionen und Menschen, mit denen ich sympathisierte. Nach meiner Zeit bei Amnesty International und Attac wurde ich ein Teil der Occupy-Bewegung – und das während ich für die Lokalzeitung über deren erste große Demonstration in Frankfurt am Main berichtete. Das war im Oktober 2011.

In Würzburg regte sich etwa zur gleichen Zeit die erste Welle der Geflüchteten-Proteste – mit Platzbesetzungen, Demonstrationen, Mahnwachen und Hungerstreiks. Darüber konnte ich irgendwann nicht mehr berichten, weil ich Unterstützerin dieser Proteste war. Ich hatte Angst, dass ich den journalistischen Anspruch der Objektivität nicht mehr erfüllen konnte. Größer aber noch war die Angst, dass andere Aktivist*innen mir nicht mehr vertrauen würden, wenn ich gleichzeitig für die Lokalpresse arbeite. Beides finde ich rückblickend mehr als nachvollziehbar. Immerhin konnte ich aber meine Bachelor-Arbeit dann diesem Thema widmen und untersuchte die Berichterstattung über die Geflüchteten-Proteste in Deutschland im Zuge des ersten großen Lampedusa-Unglücks im Oktober 2013, bei dem fast 400 Menschen auf ihrer Flucht nach Europa ertranken.

Fern ab der Wirklichkeit

Wieder und wieder war es schwer, meine unterschiedlichen Aktivitäten voneinander zu trennen. Ich änderte die Fachrichtung und landete in den Wirtschaftswissenschaften. Ich wollte nicht nicht mehr Journalistin sein, aber ich wollte ein Fachgebiet genauer kennenlernen, mich spezialisieren. 2014 saß ich dann also in Kursen über Volks- und Betriebswirtschaftslehre, um im Anschluss den Master „Nachhaltiges Wirtschaften“ studieren zu können. Noch nie hatte etwas so wenig mit meinem Leben zu tun wie diese Grundlagenkurse. Während alle Welt über die Finanzkrise diskutierte und ich mit anderen Aktivist*innen nach ökonomischen Alternativen zum Kapitalismus suchte, hörte ich mir neoklassische Theorien an. Paradox. Aber gut, so verstand ich zumindest ein bisschen besser, was dahinter steckte. Seitdem bilde ich mir ein, meine Kritik gezielter und fundierter äußern zu können.

Seminare zu Post-Development und Degrowth

Zum Glück ist das aber nicht alles, was mir an der Hochschule begegnet ist. In den letzten beiden Seminaren, die ich besucht habe, fand ich mich und meinen Aktivismus tatsächlich wieder. Ich las Texte über soziale Bewegungen, über Theorien und Konzepte, die mir schon vorher bekannt waren. Es stellte sich ein größerer Zusammenhang her, ein Rahmen, der – so doof es klingen mag – sich irgendwie gut anfühlte. Thematisch ging es um Post-Development, Postkolonialismus und Degrowth. Meine Studienleistung war die Organisation einer Exkursion zur Kommune Niederkaufungen, eine der politischen Kommunen im Raum Kassel. Ich hielt ein Referat über die trügerische Fassade von Fairtrade und beschäftigte mich mit der Kritik an „grünem Wachstum“. Und ich lernte viel Neues über soziale Bewegungen im Globalen Süden. Besonders freute ich mich, als ich mich auf eine der nächsten Sitzungen vorbereitete und der Text den Anarchismus als mögliche Alternative erwähnte. Studium und Anarchismus? Das war für mich eine neue Erfahrung!

Ein Begriff ließ mich im Laufe des Semesters nicht mehr los: Degrowth als Beispiel für „activist-led science“, also als Wissenschaft, die von Aktivist*innen vorangetrieben wird. Dankenswerterweise konnte ich zu diesem Thema dann meine Hausarbeit verfassen. Wie so oft fand ich es zwar nervig, eine solche Arbeit einreichen zu müssen und schlug mich mit dem Abgabetermin herum. Trotzdem war es sehr spannend, mich mit dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Aktivismus mal intensiver auseinanderzusetzen. Plötzlich gab es da eine neue Perspektive, die zwischen den beiden Bereichen eine produktive Beziehung herstellte. Und mir auch die Entscheidung abnahm, mich für eine der beiden Seiten entscheiden zu müssen. Vielleicht ging ja auch beides zusammen? Vielleicht war es sogar gut, wenn Menschen sich bewusst dafür entschieden, sich an dieser Schnittstelle zu bewegen?

Verbindung von Wissenschaft und Aktivismus

Was diese Frage betrifft, bin ich sicher kein Einzelfall. Ich kenne viele Menschen, die politisch aktiv und gleichzeitig noch an der Uni sind. Und wahrscheinlich beschäftigen sie sich auch mit Engagement, kritischer Distanz, Glaubwürdigkeit und Karriere. Deshalb ist eine solche Diskussion über die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Aktivismus hilfreich, wenn nicht sogar notwendig. Meine Hausarbeit sollte sich dieser Diskussion annähern. Die Kernfrage lautete, welche Merkmale Degrowth zu einer „activist-led science“ macht. In einem weiteren Sinne ging es dann auch um das generelle Verhältnis von Aktivismus und Wissenschaft und den Ansatz der post-normalen Wissenschaft. Ich komme eher aus der Praxis als aus der Wissenschaftstheorie, deshalb musste die Arbeit relativ begrenzt bleiben. Zumindest für mich war sie aber erkenntnisreich und spannend. Und wenn eine Studentin das über eine Hausarbeit sagt, ist schon viel gewonnen.

Wissenschaft ist nicht objektiv

Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Aktivismus ist tatsächlich nur auf den ersten Blick so klar abgegrenzt, wie es die Theorien gerne hätten. In Wahrheit ist Wissenschaft kein neutrales Unterfangen, das völlig frei ist von Werturteilen und subjektiven Erfahrungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind genauso sozial konstruiert wie jedes andere Wissen auch. Das fängt schon mit der Entscheidung an, was über erforscht wird und was nicht. Außerdem können wissenschaftliche Erkenntnisse nicht von ihren politischen, sozialen und ökonomischen Implikationen getrennt werden. Sie befinden sich nicht im luftleeren Raum, sondern sind Teil der gesellschaftlichen Debatte. Wissenschaftler*innen können und sollten Position beziehen. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht bestimmte Kriterien und Standards für die wissenschaftliche Arbeit geben sollte, an denen sich die Ergebnisse messen lassen.

Für den Aktivismus sind wissenschaftliche Befunde oft wichtig, um die eigene Position inhaltlich zu stärken. Viele Konzepte wurden aus der Wissenschaft übernommen, zum Beispiel der Rebound-Effekt, der erklärt, warum Effizienzsteigerungen nicht automatisch zu einem geringen Ressourcenverbrauch führen. Andererseits haben Aktivist*innen in ihrer Praxis Konzepte entwickelt, die die Wissenschaft aufgegriffen hat, wie das der ökologischen Schulden. Außerdem kann die Einbindung von Aktivist*innen dabei helfen, ungleiche Machtverhältnisse herauszufordern, die aufgrund von ökonomischen oder institutionellen Gegegebenheiten entstanden sind. Mit anderen Worten: Sonst würde vielleicht nur noch in Bereichen erforscht werden, in denen ein Profitinteresse besteht. (1)

Neue Probleme brauchen neue Methoden

Der Ansatz der post-normalen Wissenschaft von Funtowicz und Ravetz geht davon aus, dass wir in einer Zeit leben, in der die Probleme nicht mehr mit den klassischen Methoden der Wissenschaft gelöst werden können. Es geht nicht mehr darum, Dinge zu entdecken oder Rätsel zu lösen. Vielmehr stehen wir vor unvorhersehbaren Veränderungen, die eine gemeinsame Reaktion erfordern – allen voran im Bezug auf unsere Umwelt und das Klima. Diese Probleme sind charakterisiert durch eine enorme Unsicherheit und langfristige Auswirkungen. Gleichzeitig ist der Handlungsdruck groß, und viele Menschen sind betroffen und wollen mitreden. Für die Wissenschaft bedeutet das eine neue Ausgangssituation. Statt formalisierten Schlussfolgerungen fordern Funtowicz und Ravetz deshalb einen interaktiven Dialog und die Einbindung von Wissen und Menschen außerhalb der akademischen Institutionen, also zum Beispiel von Bürger*innen, Aktivist*innen und Betroffenen. (2)

Im Grunde genommen geht es darum, wie wir als Gesellschaft mit den Veränderungen der Umwelt umgehen, die wir größtenteils selbst zu verantworten haben (auch die Wissenschaft hat ihren Teil dazu beigetragen) und die uns vor große Herausforderungen, wenn nicht Gefahren stellen. Degrowth ist ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft und Aktivismus zusammen neue Lösungen entwickeln können.

Ein gutes Leben für alle

Eine klare Definition von Degrowth zu finden, ist nicht ganz einfach. Es ist eine bestimmte Sichtweise auf die derzeitigen Krisen und gleichzeitig eine wachsende soziale Bewegung, die ihren Fokus auf ökonomische Alternativen jenseits des Wachstums legt. Es geht darum, ein gutes Leben für alle Menschen zu ermöglichen und gleichzeitig die ökologischen Ressourcen zu schützen. Die kapitalistische Wirtschaftsweise mit Wachstumszwang, Profitstreben und Wettbewerb steht diesem Ziel entgegen. Es wird im alltäglichen Leben ein kultureller Wandel in Richtung Solidarität, Kooperation und Achtsamkeit angestrebt. (3)

Soweit, so kurz. Degrowth schließt verschiedene Konzepte, Akteur*innen und Strategien ein, die ich an dieser Stelle aber nicht alle anführen will. Die Bewegung entstand 2001 in Frankreich und zwar im Rahmen von Projekten wie Kooperativen, Küchen für alle und Protesten für autofreien Städten. Im Mittelpunkt stand und steht ein freiwilliges Zurückfahren von Produktion und Konsum. Der französische Begriff „décroissance“ wurde immer populärer, es gründete sich auch eine gleichnamige Zeitschrift. In anderen Ländern entstanden ähnliche Bewegungen. 2008 fand dann die erste Degrowth-Konferenz in Paris statt und in den nächsten Jahren eroberte der Begriff auch die wissenschaftliche Debatte. Es folgten vier weitere Konferenzen – eine davon 2014 in Leipzig.

Basisdemokratische Organisation von Konferenzen

Die Konferenzen waren im Gegensatz zu konventionellen wissenschaftlichen Kongressen basisdemokratisch organisiert, sowohl im Vorfeld als auch die Veranstaltung selbst. Der große dezentrale Organisationskreis achtete unter anderem auf Geschlechtergerechtigkeit und die Verteilung der Verantwortlichkeiten. Jede*r konnte selbst über den Teilnahmebeitrag entscheiden, den er oder sie geben konnte. Es sollte möglichst wenig Zugangsbarrieren geben, deshalb wurden viele Veranstaltungen auch im Internet übertragen. Verpflegung und Mobilität wurden so umweltfreundlich wie möglich organisiert.

Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus ganz unterschiedlichen Bereichen nahmen daran teil. Oft überlagern sich die jeweiligen Rollen auch, weil Menschen sowohl in der Wissenschaft arbeiten als auch an Projekten teilnehmen. Die Studien zu Degrowth basieren größtenteils auf praktischen Erfahrungen von Aktivist*innen und ihren Projekten. Das heißt allerdings auch, dass es zu Konflikten kommen kann, zum Beispiel wenn Aktivist*innen das Gefühl haben, dass ihre Ideen ausgenutzt werden, um einen Vorteil für die eigene wissenschaftliche Karriere zu haben. Mitunter können auch die Ziele unterschiedlich sein. Nichts desto trotz können beide Seiten enorm von einer Kooperation profitieren.

Machtverhältnisse herausfordern

Für mich ist Degrowth ein Beispiel dafür, wie eine solche Kooperation funktionieren kann und wie unterschiedliche Akteur*innen und Perspektiven zu vielversprechenden Ergebnissen führen können. Degrowth versucht, ganzheitlichere Lösungen für Probleme zu finden und geht damit über den eher mechanistischen Ansatz der Wissenschaft hinaus. Diese Lösungen werden größtenteils außerhalb von offiziellen Institutionen erarbeitet und erprobt. So werden Machtverhältnisse herausgefordert und durch Selbstorganisation ersetzt.

Natürlich bleiben dabei noch offene Fragen, vor allem im Bezug auf Wissenschaftstheorie. Welche Kriterien braucht es für eine fundierte Wissenschaft, wenn weitere Kreise einbezogen werden. Es braucht eine Idee, wie mit diesem Mosaik von Wissen umgegangen werden kann – und wie wir auf Grundlage dessen gemeinsame Entscheidungen fällen können. Die basisdemokratischen Methoden, die im Rahmen von Degrowth angewendet werden, sind dafür vielleicht ein erster Schritt. Innerhalb der Bewegung gibt es außerdem noch Konflikte über die politische Strategie. Welche müssen gelöst werden? Und welche Strategien können vielleicht auch parallel laufen?

Tatsächlich sind die Ideen wie die der Degrowth-Bewegung noch weit davon entfernt, die existierenden ökonomischen, sozialen und politischen Strukturen zu überwinden. Der Mainstream bläst immer noch in ein ganz anderes Horn. Zumindest das Potenzial ist aber da – sowohl in der Wissenschaft als auch im Aktivismus.

(1) Bandelli, A., 2015. The blurred boundaries between science and activism. Journal of Science Communication, 14(2), C01.

(2) Funtowicz, S. O., and Ravetz, J. R., 1993. Science for the post-normal age. Futures, 25(7), 739-755.

(3) Konzeptwerk Neue Ökonomie and DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Eds.), 2017. https://www.degrowth.de/de/dib/degrowth-in-bewegungen/. München: oekom.

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