Die Bilder in unserem Kopf

Wir sitzen gemütlich zusammen beim politischen Filmabend. In der Doku geht es um die Frage, wie Revolutionen angestoßen werden können („How to start a revolution?“) und wie Bewegungen sich erfolgreich organisieren. Kaum ist der Film zu Ende, beginnt die Diskussion zwischen den Zuschauer*innen. Und schnell führen drei bis vier Menschen das Gespräch an, sie argumentieren sehr überzeugt. Sie scheinen ziemlich genau zu wissen, wovon sie reden, was richtig und falsch ist. Wer ein bisschen länger zum Nachdenken braucht, Zweifel hat oder sich nicht so lautstark an der Diskussion beteiligen kann, bleibt weiterhin Zuschauer*in oder verlässt irgendwann den Raum. Kommt euch eine solche Situation bekannt vor?

Vielleicht fallen euch gleich mehrere Gelegenheiten ein, bei denen ihr das Gefühl hattet, während einer Diskussion nur daneben zu sitzen, weil andere das Gespräch führten. Oder ihr kennt solche Schwierigkeiten nicht und habt eurer Meinung nach genug Kompetenz und Selbstbewusstsein, eine solche Diskussion anzuführen. So oder so, es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen: Nicht selten spiegeln solche Situationen (gesellschaftliche) Machtverhältnisse wider – sei es zwischen Männern und Frauen (wie in der oben beschriebenen Situation), zwischen Akademiker*innen und Nicht-Akademiker*innen oder zwischen Menschen mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen.

Es soll hier nicht um ein generelles Bashing von dominanten Cis-Männern gehen. Es geht mir auch nicht um Spaltung oder um Distanzierung von Menschen, die mir in solchen Situationen begegnen. Ich möchte vielmehr eine Wahrnehmung schildern, die offensichtlich einige Menschen mit mir teilen. Meine Gedanken dazu sind nicht frei von Widersprüchen und ich habe auch nicht das Gefühl, dass sie fertig sind. Nichts desto trotz braucht es vielleicht diesen ersten Schritt, um voranzukommen.

Die Problematik erkennen und benennen

Das „Problem“ – wenn mensch es so nennen mag – das ich oben beschrieben habe, existiert häufig nicht offiziell. Die linke Szene und die Menschen, die in ihr aktiv sind, haben manchmal den Eindruck, dass sie aufgrund ihrer Analyse der gesellschaftlichen Verhältnissen gefeit seien gegen diskriminierendes oder ausschließendes Verhalten. Ich bin mir auch sicher, dass sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan hat. So gibt es z.B. immer mehr queere und feministische Gruppen, die eigene politische Akzente setzen und die Männerdominanz der Szene in Frage stellen.

Ich erlebe in den meisten politischen Zusammenhängen auch ein Bewusstsein für die Problematik von patriarchalen Mustern – und auch eine Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Die Frage ist aber: Wie sieht diese Auseinandersetzung in der Praxis aus? Geht die Solidarität über obligatorische Schlagworte und gendergerechte Sprache hinaus? Reicht es, wenn die Kritik an Machtverhältnissen theoretisch bleibt? Ich glaube nicht. Wer Hierarchiefreiheit ernst nimmt, wird nicht darum herumkommen, sich selbst und die eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren.

Das Private ist und bleibt politisch

Offensichtlich sind es zwei verschiedene Dinge, auf der einen Seite gesellschaftliche Missstände anzuprangern und sich mit den Kämpfen anderer zu solidarisieren, und auf der anderen Seite Kritik am eigenen Verhalten zuzulassen und das Private (z.B. die Dynamiken zwischen Frauen* und Cis-Männern in politischen Zusammenhängen) wirklich als politisch zu begreifen. Erst vor kurzem musste ich selbst völlig erschrocken feststellen, wie mein Kopf rassistische Vorurteile abspulte, als ich unerwarteterweise von einer person of color am Bahnhof freundlich angesprochen wurde. Der junge Mann machte mir Komplimente und verwickelte mich in ein Gespräch. Und ich wurde skeptisch. Trotz all meiner Solidarität mit antirassistischen Kämpfen hatte ich Stereotype in meinem Kopf. Das gab mir zu denken…

Genauso wie das Unbehagen, dass ich in Debatten mit Cis-Männern habe. Zwar muss ich heutzutage nicht mehr heiraten und meinen Mann für alles um Erlaubnis fragen. Ich kann politisch aktiv sein, das ist beinahe selbstverständlich. Heißt das nun aber automatisch, dass wir uns in unseren Liebes- und Lebensbeziehungen keine Gedanken mehr um Gleichberechtigung machen müssen?

Haben wir nicht Wichtigeres zu tun?

Noch während ich diese Fragen formuliere, wird eine andere Stimme in meinem Kopf lauter: „Meine Güte, solltest du dich wirklich damit beschäftigen? Ist Kritik an meinen Mitstreitern überhaupt gerechtfertigt? Haben wir nicht Wichtigeres zu tun?“ Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, all das verdrängen zu wollen, weil es womöglich nur eine Flucht ist. Eine Flucht ins Private und ins Kleine, die mich vor dem Gefühl schützen soll, im Großen nichts ändern und erreichen zu können.

Wir scheinen dem großen Monster Kapitalismus nichts entgegensetzen zu können. Wir scheinen gegen Windmühlen zu kämpfen. Da ist es doch recht bequem, die Ebene der Kritik zu wechseln. Mit meinem Freund kann ich wunderbar diskutieren und kämpfen. Ich kann ihn adressieren und Forderungen an ihn stellen. Das alles fehlt mir oft, wenn es um gesamtgesellschaftliche Probleme geht. Vielleicht möchte ich es mir nur ein wenig einfacher machen und die Aufmerksamkeit umlenken? Kann ich mich ernsthaft beschweren?

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

Dann wiederum denke ich: Das sind doch genau die Gedanken, die mir als Mädchen und junge Frau jahrelang eingepflanzt worden sind. Ich sollte zufrieden sein und mich nicht beschweren. Ich sollte meinem Partner keinen unnötigen Stress bereiten, sondern dafür sorgen, dass er glücklich ist. Er macht das doch schließlich nicht mit Absicht. Und wenn ich mich in gewissen Situationen schlecht fühle, dann liegt es erst einmal bei mir, daran etwas zu ändern. Ich muss lernen, den Mund aufzumachen und meine Meinung zu sagen. Ich muss lernen, die Dinge zu tun, die ich für richtig halte – ohne mich zu sehr daran zu orientieren, was die Cis-Männer in meiner Umgebung tun.

Wenn das mal so einfach wäre…

Wie so oft liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Ich möchte das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Gleichzeitig möchte ich mich nicht damit zufriedengeben, dass Kritik sich immer nur an andere und ans Außen richtet – als wären wir kein Teil davon. Als würden Machtverhältnisse nicht auch in uns wirken. Als Anarchistin plädiere ich für die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln. Das heißt auch: Die „Revolution“ kann nicht von einer kleinen Gruppe männlich-weißer Aktivisten geplant und durchgeführt werden.

Der richtige Weg

Das ist vielleicht das, was mich bei meiner politischen Arbeit am häufigsten stört: Die (meist männliche) Überzeugung, den richtigen Weg zu kennen. Diese Überzeugung wird oft mit „lauten Praktiken“ und ausuferndem Dozieren unterstrichen. Es gibt ein klares Pro-Contra-System, in dem es nur Gewinner*innen und Verlierer*innen geben kann. Ich glaube, dass genau diese Überheblichkeit eine wichtige Rolle dabei gespielt hat, die Welt zu der zu machen, die sie heute ist. Immer wieder gab und gibt es (weiße) Männer, die meinen zu wissen, was gut für die Welt ist.

Davon hab ich genug! Ich befürchte, dass wir die Probleme dieser Welt nicht lösen werden, wenn wir dieses hegemoniale Denken nicht kritisieren und angreifen. Vor kurzem stolperte ich über den Begriff „Mut zur Demut“ und fand ihn sehr treffend in diesem Zusammenhang. Wieso fällt es uns so schwer (und ich schließe mich da als weiße heterosexuelle Frau aus dem globalen Norden eindeutig mit ein), einfach mal zurückzutreten und anderen Menschen und Ideen Raum zu geben? Wieso nehmen wir uns selbst so wichtig? Wer sind wir, zu glauben, dass wir die Lösung zur Rettung der Welt haben? Unsere Geschichte strotzt nicht gerade von der Fähigkeit, die Welt als Ganzes und alle Menschen als gleichberechtigt zu betrachten, oder?

Verhalten im Alltag

Auch ich bin Teil des Systems: Ich lasse mich dazu verleiten, andere Frauen als Konkurrentinnen wahrzunehmen. Ich habe ein gewisses Bild von Männlichkeit, das mein Freund glaubt, erfüllen zu müssen. Ich orientiere mich immer wieder an Leistungsstandards und gebe Menschen das Gefühl, nicht gut genug oder nicht richtig zu sein. Und ich bin nicht frei von rassistischen Vorurteilen. Kann ich mir das bewusst machen und anders agieren?

Der Abbau von Machtverhältnissen ist offensichtlich unser aller Angelegenheit. Wir alle müssen die Bilder überprüfen, die wir im Kopf haben – von uns und von anderen. Ich wünsche mir, dass wir uns die nötige Zeit dafür nehmen und solche Fragen nicht als emotionalen Quatsch abtun. Es hat nicht zwangsläufig etwas mit Rückzug, Niederlage oder gar Schwäche zu tun, wenn mensch sich mal mit sich selbst beschäftigt. Im besten Fall können wir daraus eine neue Stärke ziehen – und neue soziale Bindungen. Ein persönlicher Austausch darüber kann manchmal sehr viel produktiver und progressiver sein als eine stundenlange Debatte über Richtig und Falsch. Schließlich sollten wir Kompliz*innen sein, keine Gegner*innen.

Zum Weiterlesen:

Sexismus und „linke Szene“ – Das M- und das S-Wort. Autonomes FrauenLesbenReferat der Uni Köln, Sommer 2011.

Wie diskutieren?Herrschaftsverhältnisse auf Diskussionsveranstaltungen A.G.Gender-Killer.

Wieso soll ich sexistisch sein? Ich bin Anarchist! Anarchistische Gruppe Mannheim.

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3 Kommentare zu “Die Bilder in unserem Kopf

  1. Du siehst alles unter den Aspekt von einen Gruppenkampf um Macht.
    Was ist, wenn die Sicht falsch ist?

    Tatsächlich leben wir in einem hoch kooperativen System, welches nur eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hat, weil Mann und Frau verschiedene Interessen haben.
    Was evolutionär gesehen auch nicht verwunderlich ist.
    Und natürlich bist du in Konkurrenz zu anderen Frauen. Du bist wie alle Menschen auch ein Produkt intrasexueller Konkurrenz. Warum sollten Frauen auch pe se zusammenarbeiten wollen? Männer machen das ja auch nicht

    • Nein, das sehe ich anders. Für mich geht es nicht um einen Gruppenkampf um Macht. Aus einer feministisch-intersektionalen bzw. anarchistischen Sicht geht es darum, jegliche Machtverhältnisse zu kritisieren und nach Möglichkeit abzubauen. Frauen sollten nicht zugunsten von Männern an die „Macht“ kommen. Ganz abgesehen davon, dass die sozialen Konstruktionen von „Frau“ und „Mann“ dekonstruiert werden können und sollten. Dazu gehört auch die Ansicht, dass Männer und Frauen unterschiedliche Interesse hätten (von Natur aus). Diese Interessen (wenn es sie überhaupt gibt) werden gesellschaftlich „gemacht“.

      Frauen* sollten meiner Meinung nach zusammenarbeiten, weil sie ähnliche Erfahrungen teilen, die sich aus dem Patriarchat ergeben. Sie sind damit ein Teil von vielen Kämpfen. Das heißt z.B. nicht, dass sie nicht auch mit anderen Menschen / Gruppen solidarisch sein können.

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