B14 revisited: Hausbesetzung als Belletristik

Fast 30 Jahre liegen zwischen den beiden Geschichten, die in diesem Buch parallel erzählt werden. 1986 lernt der junge Krankenpfleger Emilio den Hausbesetzer Matthias kennen. Gemeinsam leben, lieben und leiden sie in einem besetzten Haus in Stuttgart. 2015 erbt Isa dieses Haus von ihrem verstorbenen Vater, den sie nie kennengelernt hat. Dort stößt sie auf den Musikfreak Rotze, der den ehemaligen Schallplattenladen inzwischen als Behausung nutzt.

Wohl gestreute Hinweise lassen die Leser*innen erahnen, wie die beiden Geschichten zusammenhängen. Bis zum Ende schafft es die Autorin Lena Hofhansl, die Spannung zu halten und ihre Charaktere immer wieder vor neue Herausforderungen zu stellen. Es geht um Liebe und Liebeskummer, Freundschaft, Musik und das Älterwerden. Die Hauptfiguren sind sympathisch, bleiben aber ein wenig oberflächlich. Genauso wie die Einbettung in den historischen und politischen Kontext. Anspielungen auf Songs, Literatur und Ereignisse der linken Szene lassen nur punktuell aufhorchen und wecken die ein oder andere Erinnerung.

Die junge Autorin wurde 1993 geboren und hat die Hausbesetzer*innenszene in den 1980er Jahren nicht selbst miterlebt. Das wird leider an einigen Stellen sehr deutlich. So musste ich bei einigen Beschreibungen kräftig schlucken, weil sie von Klischees nur so strotzen – vor allem im Hinblick auf Geschlechterrollen, wenn z.B. das hübsche Mädchen Gemüse auf dem Balkon anbaut, während der Typ Graffitis sprüht und dafür angehimmelt wird. Das komplizierte Thema Polyamorie wird ebenfalls ziemlich verkürzt aufgegriffen: „Ich glaube nicht daran, dass sich Liebe halbiert, wenn man sie teilt.“ Dieser Glaube daran reicht aber ganz offensichtlich nicht aus.

Über diese Stellen hinwegsehend habe ich das Buch gerne zu Ende gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Die Idee und die Umsetzung des Buches können sich durchaus sehen lassen. Inhaltlich dürfen die Leser*innen nicht allzu genau hinsehen, sondern sollten sich stattdessen einfach von den beiden Geschichten treiben lassen. Dann können sie mit dem Buch sicher ihren Spaß haben.

Offen bleibt für mich, an wen dieses Buch sich eigentlich richtet. Anspruchsvoll und politisch ist es nicht. So spielt der Mangel an günstigem Wohnraum und unkommerziellen Räumen in 2015 überhaupt keine Rolle, so als wären die Probleme aus den 80ern inzwischen gelöst. Das Bild, das von der Besetzung gezeichnet wird, ist vor allem unter heutigen Bedingungen sehr stark vereinfacht. Vielleicht ging es der Autorin einfach mehr um die persönlichen Geschichten. Welche Fragen stellen sich junge Menschen, wenn der „Ernst des Lebens“ beginnen soll? Welche Antworten finden sie darauf? Und welche Konsequenzen haben ihre Entscheidungen – auch 30 Jahre später?

Lena Hofhansl: B14 revisited. Schmetterling Verlag 2017. 195 Seiten, 12,80 €

Dieser Artikel erschien zuerst in CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation (2/2018).

Dieser Beitrag wurde unter Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s