Mehr als fair: Handel auf Augenhöhe

In der aktuellen Diskussion über den Welthandel gibt es scheinbar nur zwei Optionen: nationalistischen Protektionismus à la Donald Trump oder uneingeschränkten Freihandel im Rahmen der WTO. Dabei gibt es längst praktische Ansätze, die ein gutes Leben für alle anstreben. Sie könnten die globalen Machtverhältnisse aufbrechen, weil sie den kapitalistischen Diskurs und dabei auch das Fairtrade-Netzwerk hinter sich lassen.

Kooperation statt Konkurrenz, Solidarität statt Gewinnmaximierung – schöne Schlagworte, die eine Wirtschaft jenseits des Marktes beschreiben. Doch was bedeutet das konkret, noch dazu auf globaler Ebene? Das Kaffee-Kollektiv Aroma Zapatista in Hamburg versucht, diese Frage zu beantworten. Die kleine Genossenschaft vertreibt unter anderem Kaffee von zapatistischen Kooperativen in Mexiko (siehe Infokasten) und möchte gemeinsam mit anderen Kollektiven eine sozial, ökoligisch und politisch verträglichere Alternative zum Kapitalismus aufbauen.

„Wir sprechen den Preis mit den Kooperativen ab und versuchen, auf deren Wünsche einzugehen“, erzählt die Kollektivistin Lisa*. 500 Gramm gemahlener Röstkaffee in Bio-Qualität kosten bei Aroma Zapatista im Moment 7,85 Euro. Wie dieser Verkaufspreis zustande kommt, wird auf der Webseite detailliert aufgelistet. Das Kollektiv setzt auf Vertrauen, deshalb kommuniziert es möglichst offen – sowohl mit den Bäuer*innen als auch mit den Kund*innen.

Solidarität geht über den Preis hinaus

Der größte Posten ist der Rohkaffeepreis, den die Zapatistas erhalten. Dieser liegt seit Jahren über dem Fairtrade-Preis. Er orientiert sich nicht hauptsächlich am Markt, sondern an den Bedürfnissen der Bäuer*innen. Wobei die Kollektivist*innen betonen, dass auch dieser Preis nicht die viele Arbeit widerspiegelt, die auf den Kaffeefeldern geleistet wird.

Lisa erzählt von der Pflanzenkrankheit la roya, die 2014 ausbrauch: „Die Bohnen hatten nicht die gleiche Qualität wie sonst. Wir haben den Kaffee trotzdem gekauft und ihn mit anderen Bohnen gemischt, um die Bäuer*innen nicht im Stich zu lassen.“ Andere Käufer*innen hätten sich wahrscheinlich eine andere Kooperative mit besserer Qualität gesucht. Die Handelsbeziehung von Aroma Zapatista ist hingegen auf Kontinuität und Sicherheit ausgelegt. Es geht nicht darum, den eigenen Gewinn zu erhöhen, sondern allen Beteiligten ein Auskommen zu ermöglichen.

Gemeinsame Kritik am Kapitalismus

Dabei spielen auch gemeinsame politische Ziele eine Rolle: Aroma Zapatista teilt die Kritik der Zapatistas an Kapitalismus, Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und Rassismus. „Wir stellen uns eine Welt vor, in der es keine Unterdrückungsstrukturen mehr gibt“, so Lisa. Deshalb sei ein zentrales Element ihrer Arbeit die kollektive Selbstverwaltung, wie sie auch die Zapatistas in ihren autonomen Regionen praktizieren.

Alle Entscheidungen, die den Hamburger Betrieb betreffen, treffen die Kollektivmitglieder gemeinsam. Statt einer Chefin gibt es ein wöchentliches Plenum, in dem Ziele formuliert und Bedürfnisse kommuniziert werden. Bei der Arbeitsorganisation orientieren sie sich am cargo-System der Zapatistas, d.h. prinzipiell kann und sollte jede*r alle Aufgaben übernehmen. Obwohl die Genossenschaft formal einen Gewinn erwirtschaften muss, versteht sich das Kollektiv als antikapitalistisch: „Wir sind nicht daran interessiert, möglichst viele Gewinne zu machen, die wir uns auszahlen, sondern wir stecken sie in den Betrieb oder spenden einen Teil. Und natürlich wollen wir langfristig gute Arbeitsbedingungen haben.“

Die sechs Kollektivmitglieder zahlen sich einen einheitlichen Stundenlohn von 12 Euro aus. „Mir ist gar nicht so wichtig, total viel Geld zu verdienen, sondern mir ist eher wichtig, dass ich zufrieden bin und das gerne mache“, sagt Lisa. Die Kollektivist*innen möchten Wirtschaft wieder verstehen als die Bereitstellung von Dingen, die notwendig sind, um Bedürfnisse von Menschen zu erfüllen. Nicht mehr und nicht weniger, aber für alle.

Aufbau von selbstverwalteten Strukturen

Sie sind sich bewusst über die globalen Machtverhältnisse, die immer noch den Handel beherrschen, vor allem bei einem ehemaligen Kolonialprodukt wie Kaffee. „Der Unterschied zwischen globalem Norden und globalem Süden kann nicht dadurch überwunden werden, dass man ein bisschen mehr Geld bezahlt“, findet Lisa. Dafür sei schon mehr notwendig, nämlich strukturelle Veränderungen, die auch den globalen Norden betreffen. Deshalb setzt sich das Kollektiv ebenso wie die Zapatistas für den Aufbau von selbstverwalteten Strukturen ein, die auf Augenhöhe miteinander kooperieren.

Einmal jährlich finden persönliche Treffen in Mexiko statt, die zu einem gleichberechtigten Miteinander und einem Dialog zwischen den Handelspartner*innen beitragen sollen. „Woanders gibt es schon diesen Gedanken, dass da jetzt ’schlaue Europäer‘ kommen und sagen, was es noch zu verbessern gibt“, bemerkt Lisa. „Aber die Zapatistas haben einfach mehr Ahnung vom Kaffeeanbau und sie haben spannende Ansätze, wie sie sich regieren und selbst verwalten. Davon können wir einiges auch hier diskutieren. Es ist wichtig, unsere europäische Brille abzusetzen.“

Aroma Zapatista grenzt sich mit solchen Aussagen bewusst vom Fairen Handel ab und betont die politische Agenda, die sie mit ihrer Arbeit verfolgen. Sie wollen nicht nur einen fairen Preis zahlen, sondern solidarisch mit dem politischen Widerstand der Zapatistas sein. Es ist ihnen wichtig, die Kooperativen zu kennen, mit denen sie zusammenarbeiten – ein Anspruch, den das Fairtrade-Netzwerk aufgrund seiner Größe inzwischen nicht mehr erfüllen kann. Hier sehen die Kollektivmitglieder eher einen „weißen charity-Gedanken“ verwirklicht.

Kaffeehandel nicht um jeden Preis

Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Norden und Süden würden nicht überwunden, sondern nur abgemildert, indem der Reichtum ein wenig umverteilt würde. „Das sind natürlich reale Verbesserung für die Leute, die das betrifft, aber das ändert an der grundsätzlichen Ungerechtigkeit nichts“, sagt Lisa. Auch über den Konsum im globalen Norden müsste wieder anders diskutiert werden, aus ökologischen und sozialen Gründen. So bleibt für Lisa offen, ob Menschen in einer solidarischen Welt überhaupt noch Kaffee trinken würden: „Die Kaffeekultur als solche ist nicht unbedingt erhaltenswert, finde ich. Wenn die Menschen entscheiden, dass das eigentlich blöd ist, dann gibt es das halt nicht mehr.“

Der solidarische Handel bedient für Aroma Zapatista nicht nur eine Marktnische, sondern ist ein ökonomisches Alternativkonzept. Deshalb versucht das Kollektiv, noch weitere Produkte aus umweltverträglicher und fairer Produktion in sein Sortiment aufzunehmen, z.B. Seife von einer besetzten Fabrik in Griechenland. Einzelne Arbeitsschritte, die bislang noch von anderen Unternehmen eingekauft werden, sollen perspektivisch auch von kollektiven Strukturen übernommen werden, u.a. der Transport und die Auslieferung des Kaffees. Für Deutschland wünschen sich die Kollektivmitglieder daher noch mehr Menschen, die sich verbindlich organisieren und die Gestaltung ihres (Arbeits-) Lebens als politisch verstehen. (* Name geändert)

 

Die Zapatistas als Beispiel für Post-Development

Die Zapatistas sind eine indigene Widerstandsbewegung im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) besetzte bei ihrem Aufstand am 1. Januar 1994 mehrere Städte. Sie strebte zuerst eine Revolution im ganzen Land an und konzentriert sich nun auf den Aufbau ihrer autonomen zivilen Strukturen in Politik, Bildung, Gesundheit und Wirtschaft. Dabei ist sie immer wieder mit staatlichen Strategien der Aufstandsbekämpfung konfrontiert. Ihre ehrenamtlichen Gemeinschaftsaufgaben nennen die Zapatistas cargos. Um Hierarchien zu vermeiden, rotieren die verschiedenen Ämter regelmäßigen.

Die Zapatistas gelten als praktisches Beispiel für Post-Development. Dieser Ansatz kritisiert die ökonomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Machtverhältnisse zwischen globalem Norden und globalem Süden. Statt auf das kapitalistische Wohlstandsmodell, in das auch die Länder des globalen Südens integriert werden sollen, setzt Post-Development auf autonome (indigene) Strukturen, lokales Wissen und die Forderung nach einem guten Leben für alle. Das westliche Entwicklungsparadigma wird entschieden zurückgewiesen, um Platz für Alternativen zu schaffen.

Literaturhinweise:

Escobar, Arturo (1995). Encountering Development: the making and unmakig of the Third World. Princeton: University Press.

Gerber, Philipp (2005): Das Aroma der Rebellion: zapatistischer Kaffee, indigener Aufstand und autonome Kooperativen in Chiapas, Mexiko. Münster: Unrast.

Weiterführende Informationen unter: www.aroma-zapatista.de

 

Dieser Artikel ist zuvor in der Juli-Ausgabe der OXI erschienen.

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