Noch Kunde oder schon Mitglied?

Ein antikapitalistischer Bio-Supermarkt – kann es so etwas überhaupt geben? Die Kollektivist*innen vom Mitgliederladen Oberkaufungen (Mila O.) stellen sich diesem Widerspruch zwischen politischem Anspruch und ökonomischer Realität. Sie verfolgen das Ziel, einen solidarischen Ort zu schaffen, um auf lokaler und globaler Ebene Veränderungen in Gang zu setzen. Und sie sind damit nicht allein.

In den vergangenen Jahren haben neben dem Mila O. in der Region rund um Kassel noch zwei weitere Mitgliederläden eröffnet. Ein alteingesessener Bioladen bietet inzwischen neben dem „normalen“ Einkauf ebenfalls Mitgliedschaften an. Etabliert sich da langsam eine neue Bewegung? „Es ist auf jeden Fall ein Konzept, das immer mehr Aufmerksamkeit bekommt“, sagt Verena Koslowsky, Kollektivistin im Mitgliederladen Oberkaufungen. „Aber es gibt bisher keine bundesweite Vernetzung zwischen Mitgliederläden, daher können wir sehr schwer einschätzen, ob wir Teil einer Bewegung sind.“ Zumal die Idee nicht so ganz neu sei: Früher seien es die Food-Coops gewesen, in denen Menschen sich für ihren Einkauf zusammengetan haben. Und einige Mitgliederläden, wie z.B. im Hamburger Schanzenviertel oder in Marburg gäbe es schon sehr lange.

Für Kaufungen, eine Gemeinde mit rund 13.000 Einwohner*innen, war der Mitgliederladen allerdings ein Novum. Vor zwei Jahren zog der Laden in größere, sehr zentral gelegene Räumlichkeiten um. Gestartet war er schon 2013 als ein Projekt der Kommune Lossehof (siehe Infokasten unten).

Nicht der Umsatz soll die Existenz des Ladens sichern, sondern die regelmäßigen Beiträge der Mitglieder. Dieser Unterschied zu einem konventionellen Bioladen macht es möglich, sich auf andere Aspekte zu konzentrieren, als darauf, möglichst viele Produkte zu verkaufen. Das Prinzip ähnelt somit dem der Solidarischen Landwirtschaft. Der Laden kassiert keine Marge auf die Waren vom Großhändler, sondern lediglich eine Schwundpauschale. Nicht-Mitglider kaufen hingegen zu „normalen“ Preisen ein. „Es kommen noch viele Menschen zu uns, die nicht Mitglied sind“, berichtet Verena Koslowsky. „Das Ziel ist aber, dass der Laden sich perspektivisch hauptsächlich über die Mitgliedsbeiträge trägt.“

Funktion im Dorfleben

Für die Kollektivistin ist es wichtig, ein anderes Verhältnis zu den Mitgliedern zu haben: „Sie sind nicht nur Kund*innen, sondern haben teilweise einen starken Wunsch nach Einbindung. Sie identifizieren sich stärker mit dem Laden und sind daran interessiert, dass und wie es mit uns weitergeht.“ Dafür seien sie auch bereit, mitzudenken, wenn es um strategische Entscheidungen geht, oder ihre Fähigkeiten und Kompetenzen anzubieten. Einige helfen ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen mit. „Das hat für mich einen starken Netzwerk-Charakter und eine wichtige Funktion im Dorfleben“, so Koslowsky.

Aktuell hat der Mila O. 265 Mitglieder – das sind noch nicht genug, um den Betrieb zu sichern und die Mitarbeitenden zu bezahlen. Das Kollektiv befinde sich nach eigener Einschätzung auch noch in der Findungsphase. Immer wieder stehen Entscheidungen an, die zu Diskussionen führen. So kann eine Käsetheke mehr Mitglieder anlocken, widerspricht aber gleichzeitig der veganen Ausrichtung des Ladens. Die Einbettung in das Interkomm-Netzwerk der politischen Kommunen erleichtert diese Anfangs- und Investitionsphase. Die Kollektivist*innen hätten sich wohl nicht selbstständig gemacht, wenn sie nicht die gemeinsame Ökonomie ihrer Gemeinschaften hinter sich gewusst hätten, meint Verena Koslowsky. Ähnlich wie die politischen Kommunen will auch das Ladenkollektiv andere ökonomische Wege gehen: „Wir sind überzeugt, dass es Finanz- und Strukturmöglichkeiten gibt, um aus der Marktlogik auszusteigen.“

Einkaufen als politisches Statement

Sie sieht den Mitgliederladen auch als einen Weg, politisch Einfluss zu nehmen – vor allem über das Kaufverhalten. Die Kollektivist*innen entscheiden bewusst, welche Produkte sie anbieten und welche nicht. Zur Auswahl steht ein Basissortiment aus biologischen und – wenn möglich – fair gehandelten Produkten. Der Schwerpunkt liegt auf veganen Produkten, nicht-veganes ist gesondert gekennzeichnet. Trotzdem spielen die Wünsche der Kund*innen auch eine wichtige Rolle: „Wir erziehen uns gegenseitig, würde ich sagen.“ So gibt es zum Beispiel nur sehr selten Avocados, weil diese in der Produktion so viel Wasser benötigen. Gebrauchte Papiertüten nimmt der Mila O. zurück, damit die Kund*innen sie wieder verwenden können. In einigen Regalen stehen große Behälter mit loser, unverpackter Ware. Hier können über 50 Produkte wie zum Beispiel Nudeln, Reis, Waschmittel oder Sonnenblumenkerne direkt abgefüllt werden, um Plastikmüll zu vermeiden. Verbund-Verpackungen wie Konserven gibt es gar keine mehr. In einem kleinen Marktregal gibt es für die Kund*innen des Ladens die Möglichkeit, Selbstgemachtes anzubieten. Dort liegen selbstgestrickte Mützen, vegane Aufstriche und Töpferware.

Das Kollektiv versucht außerdem, verstärkt regionale Produkte anzubieten, unter anderem Aufstriche, Brot, Milch- und Molkereiprodukte, Eis, Honig und Eier. Und auch bei Produkten aus anderen Regionen soll der direkte Handel mit den Erzeuger*innen bevorzugt werden. Allerdings erhöht jeder zusätzliche Lieferant den Aufwand für Bestellung und Lieferung, den die drei Kollektivist*innen im Moment nur teilweise leisten können. Daher kommen die meisten Produkte weiterhin vom Bio-Großhandel.

Die Arbeit im Kollektiv

Verena Koslowsky weiß zu schätzen, dass sie bei ihrer Arbeit im Mila O. noch ganz viele Gestaltungsmöglichkeiten hat. Es gibt keine Chef*innen, sondern die Kollektivist*innen entscheiden gemeinsam im Konsens, um Hierarchien untereinander abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. „Statt nur eine ausführende Instanz zu sein, bin ich mit meinen Kolleg*innen auf einer Ebene und kann meine eigenen Ideen einbringen“, so die Kollektivistin. Sie hat Lust, noch mehr Veranstaltungen auf die Beine zu stellen – gerne auch zusammen mit den Mitgliedern oder Menschen aus dem Ort. Auch der Café-Betrieb könnte noch ausgebaut und mit einem Mittagstisch ergänzt werden.

Zur Arbeit im Kollektiv gehört ihrer Meinung nach aber genauso die Bereitschaft, sich auf einer sozialen Ebene miteinander auseinanderzusetzen und die Dynamiken zu betrachten, die untereinander immer wieder auftreten. Das sei mitunter auch ziemlich anstrengend, zumal die Arbeitsbelastung für die drei Kollektivist*innen im Moment relativ hoch ist. Gerade haben sie ihre Öffnungszeiten verdoppelt und haben nun an sechs Tagen pro Woche geöffnet. Wo es keine Vorgesetzten gibt, sind eben alle selber zuständig und müssen Verantwortung übernehmen. Nichts desto trotz würde Verena Koslowsky ihre Arbeitsstelle nicht eintauschen wollen: „Ich war vorher in Arbeitsverhältnissen mit Chef*innen unterwegs und muss im Nachhinein sagen, dass die Hierarchien keineswegs die bestehenden Probleme gelöst haben. Im Gegenteil: Ich konnte nichts dagegen tun, wenn mir etwas gegen den Strich ging.“ Sie findet es sehr viel befriedigender, als Team gut zu funktionieren, als alleine zu funktionieren: „Hier fühle ich mich wirklich wirksam.“


Das Konzept des Mila O.

Der Mitgliederladen Oberkaufungen ist ein Kollektivbetrieb in der Nähe von Kassel. Gegründet wurde er von der Kommune Lossehof, inzwischen ist er ein Projekt des Interkomm-Netzwerks. Hier vernetzen sich die sechs politischen Kommunen in der Region Kassel. Die Gemeinschaften betreiben Gemeinsame Ökonomie, d.h. alle Ausgaben werden aus einer gemeinsamen Kasse bestritten, die wiederum von allen mit ihren Einkommen gefüllt wird. Alle Kollektivist*innen sind auch Kommunard*innen, sodass die Erträge des Ladens in die gemeinsamen Kassen fließen.

Der Mitgliederladen will sich über einen regelmäßigen monatlichen Mitgliedsbeitrag der Kund*innen finanzieren, die Produkte werden im Gegenzug zum Selbstkostenpreis verkauft. Dieses Modell bietet den Kund*innen die Möglichkeit, Bioprodukte günstiger als im Bio-Supermarkt einzukaufen. Für den Laden bedeutet es wiederum mehr Planungssicherheit hinsichtlich Finanzierung und Sortiment.

Der monatliche Beitrag zur Einkaufsgemeinschaft beträgt für die erste Person eines Haushalts 16 Euro. Nach Selbsteinschätzung können Menschen auch einen Soli-Beitrag von 23 Euro zahlen. Jede weitere Personen des Haushalts zahlt 10 € (Kinder: 3 €) und jede fünfte Person eines Haushalts ist beitragsfrei. Der Mila O. hat vor kurzem seine Öffnungszeiten verdoppelt und hat nun montags bis samstags geöffnet.

Webseite: www.mila-o.org

Mehr zu politischen Kommunen: www.lossehof.de, www.kommuja.de


Dieser Artikel erschien zuerst in der Monatszeitung OXI (12/2018).

Lese dazu auch den Artikel „Kassel mit Schmackes“

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