Anarchismus heute

Es ist paradox: Viele Menschen versuchen, in ihren selbstorganisierten Projekten Herrschaftslosigkeit umzusetzen. Sie verwalten sich selbst, sie entscheiden im Konsens und setzen sich kritisch mit Hierarchien auseinander. Obwohl der Begriff des Anarchismus gut passen würde, taucht er trotzdem nur selten auf. Wir werfen deshalb einen Blick auf die anarchistische Bewegung in Deutschland: Wie ist sie organisiert und welche Projekte verfolgt sie?

Irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Anarchist*innen sind keine chaotischen Krawallmacher*innen. Anarchismus bedeutet gar nicht Mord und Totschlag. Tatsächlich fand ich meine politischen Ideale in anarchistischer Literatur sehr gut wieder – und das überraschte mich. War ich bis dahin doch geprägt von der medialen Fehlinterpretation dieses Begriffs. Aktuelle Beispiele dafür finden sich schnell über eine handelsübliche Nachrichten-Suchmaschine: »Anarchie im Stadtverkehr«, »Schluss mit Berliner Anarchie«, »Datenschutz: Anarchie im Internet« oder »Anarchie in Venezuela«. Schwer vorzustellen, dass in Berlin, Venezuela und im Netz tatsächlich Anarchie herrscht. Es sollen hier vielmehr chaotische Zustände beschrieben werden, in denen die Kontrolle verloren gegangen ist und Regeln nicht mehr eingehalten werden.

Schade.Wie Bernd Drücke im Vorwort zu seiner Interview-Sammlung »Ja! Anarchismus« schreibt: »Mit der Wirklichkeit und dem Selbstverständnis von Menschen, die den Begriff Anarchist*in für sich verwenden, haben die dominierenden Klischees nichts gemein. Umso langlebiger jedoch sind solche Einstellungen. Das hat unter anderem zur Folge, dass viele Menschen, die eigentlich anarchistisch fühlen und denken, sich nicht selbst als Anarchist*innen bezeichnen.« Anarchistisch zu fühlen und zu denken, das heißt vor allem, weder herrschen noch beherrscht werden zu wollen. Anarchist*innen streben eine menschengerechte Welt an, in der eine Ordnung ohne Herrschaft existiert.

Wie dieses Ziel näherrücken kann, darüber gehen die Meinungen mitunter auseinander. Es gibt unterschiedliche Schwerpunkte und Strategien, von denen wir einige im Schwerpunkt vorstellen. Menschen, die schon jahrelang aktiv sind, berichten von ihren Erfahrungen. Aktivist*innen erzählen, wie sie sich im Stadtteil einbringen und Kontakte knüpfen. Andere wiederum fokussieren sich auf Öffentlichkeitsarbeit und versuchen z.B. über Bücher die Ideen des Anarchismus zu verbreiten. Natürlich darf auch ein Blick zurück nicht fehlen, denn die Geschichte des Anarchismus ist lang – und voll mit Erfolgen und Misserfolgen.

Zweifellos steht die anarchistische Bewegung nicht kurz davor, die Deutungshoheit über politische Belange zu erlangen. Im Gegenteil kämpft sie wie andere soziale Bewegungen um Aufmerksamkeit, um Solidarität und Ressourcen. Die Frage nach Bündnissen steht immer wieder im Raum, und gleichzeitig die Sorge vor einer Verwässerung der eigenen Kernaussagen. Das Beispiel »Anarchafeminismus« zeigt, wie anarchistische Theorie und Praxis um wichtige Aspekte bereichert werden kann – und dass daraus neue Stärke erwächst. Andere Aktionsfelder wie Antirassismus oder Klimagerechtigkeit können profitieren, wenn anarchistische Positionen einfließen. Denn überall geht es um Herrschaftsverhältnisse, die einer anderen, solidarischen Welt immer noch im Wege stehen.

Dieser Artikel stand auf der Titelseite der Contraste Nr. 414 (März 2019) mit dem Schwerpunkt „Solidarity Cities“. Zum Contraste-Archiv >>

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