Ideal trifft auf Realität – oder: Wer putzt die Treppe?

Nein, solidarische Ökonomie macht nicht immer Spaß. Und nein, solidarische Ökonomie ist manchmal auch nicht der einfachere Weg. Unter den gegebenen Umständen (Stichwort: Kapitalismus und Patriarchat) bedeuten das Streben nach einem Ideal und der Versuch, die Dinge irgendwie anders zu gestalten, tagtäglich an Grenzen zu stoßen.


Das sind zum einen systemische Grenzen: Wir können noch nicht geldfrei leben. Wir brauchen ein Einkommen, um unsere Stromrechnung zu bezahlen, um Lebensmittel zu kaufen und die KiTa-Gebühr zu bezahlen. Das alles ließe sich auch heute schon anders organisieren, z.B. mit einer Energiegenossenschaft, mit mehr Foodsharing und Selbstversorgung, mit eine selbstorganisierten KiTa. Leider sind wir soweit noch nicht. Überall gibt es solche Projekte, aber noch nicht flächendeckend und am gleichen Ort.

Die politischen Kommunen in Kassel vernetzen sich deshalb untereinander und mit anderen Projekten, um genau eine solche Infrastruktur aufzubauen. Mit 250 Menschen lässt sich einfach viel mehr realisieren, z.B. eine Solidarische Landwirtschaft oder ein Bio-Mitgliederladen. Auch hier fließt noch Geld, das wir vorher verdient haben – aber es fließt nicht zurück in kapitalistische Strukturen, sondern in solidarische. Und irgendwann können wir uns vielleicht auch ohne einen tatsächlichen Geldfluss organisieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass jegliche bekannte Rechtsformen für unsere Projekte noch auf hierarchischen Logiken basieren und wir dem nur durch interne Vereinbarungen und Praxen begegnen können. Und dass unsere Betriebe am Ende auch irgendwie „über die Runden kommen müssen“ – was natürlich ökonomischen Druck produziert. So sehr wir versuchen, dem kapitalistischen System etwas entgegenzusetzen, so sind wir doch Teil davon.

Zum anderen stoßen wir an individuelle Grenzen: Das Finanzplenum hat wieder zu lange gedauert und ich frage mich: „Warum mache ich das hier eigentlich?“ Ich fühle mich überfordert mit der Aufgabe, ständig alle Entscheidungen selbst und/oder im Kollektiv zu treffen. Freiheit kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Ich fühle mich verantwortlich für das Gelingen des Projektes – dieses Gefühl ist wahrscheinlich deutlich stärker als bei einer Erwerbsarbeit, wo ich nach Dienstende meinen Lohn kassiere und nach Hause gehe. Das kann dazu führen, dass Verantwortlichkeit und Gestaltungslust in eine Arbeitsethik mündet, die persönliche Grenzen und Wünsche vernachlässigt. Da sind wir gefordert, uns selbst und gemeinsam gut zu reflektieren – denn wenn das Leben in solidarischen Strukturen am Ende nicht mehr zu bieten hat als Stress und Überforderung, dann gibt es einen Grund weniger, sich so zu organisieren. Unser Ziel ist schließlich ein „gutes Leben für alle“ und nicht eine andere Organisationsform für die gleichen Muster, unter denen wir im kapitalistischen System leiden.

Besonders spannend ist es, wenn wir uns anschauen, inwiefern scheinbar persönliche Grenzen auch systemischer Natur sind. Beispiel Sorgearbeit: Wer putzt die Treppe? Wer kocht? Wer beaufsichtigt die Kinder? Ja, unser Anliegen ist es, diese Tätigkeiten im Haus der Lohnarbeit gleichzustellen – was in der Praxis aber nicht immer funktioniert. Muss sich, wer viele Stunden extern arbeitet und damit für ein stabiles und wichtiges Einkommen in der Gruppe sorgt, trotzdem noch in den Putzplan eintragen, obwohl andere Menschen viel mehr freie Zeit oder zu Hause haben? Wie gehen wir damit um, wenn wir dabei mit einer klassischen Trennung von Haus- und Erwerbsarbeit zwischen Frauen und Männern konfrontiert werden? Es ist so viel einfacher, sexistische Strukturen in der Gesellschaft zu kritisieren als sie im Alltag, in der eigenen Gruppe, mit den eigenen Mitbewohner*innen anzusprechen und aufzubrechen.

Wir bemühen uns, informellen Hierarchien aktiv zu begegnen und sie zu schmälern, aber wir scheitern auch daran, weil es mühsam ist, weil die meisten von uns sehr geprägt sind von hierarchischem Denken und weil es mühsam ist, (Denk-)Strukturen aufzubrechen. Das erlebe ich selbst oft, wenn ich merke, wie sehr ich mich immer noch über Leistung definiere und erst alles erledigen muss, bevor ich mir eine Pause oder Zeit für Schönes zugestehe. Es gibt doch so viel zu tun – und die Zeit drängt!

Trotzdem bleibt unser Ziel, mit diesen Widersprüchen einen Umgang zu finden und sie nach Möglichkeit nicht als ein Scheitern wahrzunehmen, sondern aus ihnen zu lernen.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Ausgabe 11/19 von OXI – Wirtschaft anders denken. Link: oxiblog.de

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