Das schöne Leben – was ist das eigentlich?

Ein Lyriker der russischen Revolution soll den Leitspruch „Her mit dem schönen Leben!“ geprägt haben – eines meiner Lieblingszitate. Es bringt für mich so viel auf den Punkt, ist eingängig und leicht zu verstehen. Ein schönes Leben – das wollen wir doch alle! Und es steht allen Menschen gleichermaßen zu. Doch so einfach und banal diese Forderung auch klingt: Was ist das, ein schönes Leben?

Diese Frage hat zwei Dimensionen: Auf der persönlichen Ebene kann ich mir anschauen, welche Bedürfnisse ich habe, was mir wichtig ist und wie ich mich am besten selbst entfalten kann. Auf der gesellschaftlichen Ebene geht es dagegen eher darum, welche kollektiven Strategien wir anwenden, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen, was gemeinhin als wichtig und erstrebenswert gilt und wie unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen aufgebaut sind.

Der Kapitalismus hat uns auf viele dieser Fragen eine verführerische Antwort gegeben: Wachstum. Und in einigen Teilen der Welt hat dieses Prinzip auch eine Zeit lang ganz gut funktioniert. Die Menschen konnten nicht nur ihre Grundbedürfnisse erfüllen, sie konnten Geld verdienen, Karriere machen, Besitztümer anhäufen, Spaß haben. Das Versprechen auf Wohlbefinden durch Wohlstand hat sich für eine Mehrheit der Weltbevölkerung zwar bis heute nicht erfüllt, trotzdem hält es sich wacker. Immer mehr, immer weiter, immer schneller – hin zum schönen Leben!

Diesen Weg wollen aber längst nicht alle mitgehen, weil inzwischen offensichtlich ist, dass er in einer Sackgasse endet. Vor allem indigene Bewegungen halten dem Fortschritts- und Entwicklungsparadigma ihre eigenen Erfahrungen und Praxen entgegen. Sie weigern sich, ihr Leben zu ökonomisieren. Stattdessen haben sie in Lateinamerika den Begriff des „Buen Vivir“ (gutes Leben) geschaffen, der sogar in die Verfassungen von Ecuador und Bolivien aufgenommen wurde.

Der Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta fasst das Konzept zusammen als „ein Leben des Menschen in Harmonie mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen in der Gemeinschaft, der Gemeinschaften untereinander und zwischen Mensch und Natur“. Er spricht von einer „hoch subversiven Erfahrung“, die nicht darauf abziele, in eine idyllische Zeit der Vormoderne zurückzukehren, sondern gemeinschaftliche Beziehungen im Einklang und Respekt gegenüber der Natur aufzubauen – unter Umständen auch mithilfe von modernen Technologien.

Schön und gut? Es ist gar nicht so leicht, diese inspirierenden Worte auf unser Dasein in der „modernen westlichen Welt“ zu übertragen. Das müssen wir aber auch nicht. „Buen Vivir“ will keinen einzigen, homogenen Lebensentwurf anbieten, sondern als plurales Konzept verschiedene Arten des guten Zusammenlebens ermöglichen. Und das heißt auch: Wir sollten uns überlegen, was wir von den Anregungen der indigenen Bewegungen lernen und vor Ort auf unsere Weise umsetzen können. So knüpft die Degrowth- oder Postwachstumsbewegung zum Beispiel an der Kapitalismuskritik an und erforscht, wie ein Leben ohne Wachstum aussieht: Wie könnten wir kooperativ und solidarisch miteinander wirtschaften? Auch die stärker werdende Umweltbewegung protestiert nicht nur gegen Klimapolitik und Automobilindustrie, sie macht auch konkrete Vorschläge, wie eine Lebensweise aussehen kann, die uns nicht unsere Lebensgrundlagen kostet.

Trotzdem klingt das womöglich alles noch sehr abstrakt: Von der Kapitalismuskritik über Postwachstum zu einem Leben in Harmonie. Für wie viele Menschen ist das überhaupt realistisch? Zugegeben: Im Mainstream angekommen sind diese Ideen noch nicht. Wenn ich durch die Einkaufsstraße meiner Stadt laufe, könnte ich den Eindruck bekommen, dass hier alles weitergeht wie bisher – von wegen mehr Gemeinschaft, mehr Naturverbundenheit oder mehr Harmonie mit uns selbst. Die Maschine läuft, und für ein schönes Leben kaufen wir uns einfach neue Klamotten und fliegen einmal im Jahr in die Sonne.

Ich habe inzwischen gemerkt, dass ein schönes Leben für mich anders aussieht als auf Werbeplakaten: Ich möchte weniger und selbstbestimmter arbeiten, solidarisch wirtschaften, weniger und anders konsumieren, mehr in der Natur sein, in Verbindung sein mit mir und anderen. In manchen Ohren klingt das wie Verzicht (weniger Geld, weniger Urlaub, …), tatsächlich fühlt es sich aber nicht so an. Vielleicht lohnt sich auf dem Weg in ein schönes Leben sogar die ehrliche Frage: Auf was könnte ich in meinem Leben gut und gerne verzichten?

Diese Kolumne erschien zuerst in der Ausgabe 03/20 von OXI – Wirtschaft anders denken. Link: oxiblog.de

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