Kollektive Krisenbewältigung

Im Zuge der Corona-Pandemie hat die Politik Maßnahmen ergriffen, die sich erheblich auf die Wirtschaft ausgewirkt haben. Wie sind Kollektivbetriebe mit den Einschränkungen umgegangen? Und haben sie dank ihrer hierarchiearmen Strukturen andere Lösungen gefunden, um durch die Krise zu kommen?

Als Zeitung für Selbstorganisation will die CONTRASTE auch und vor allem in einer so turbulenten Zeit wie der Corona-Krise den Fokus auf solidarische und kollektive Projekte richten und darüber berichten, wie sie mit den einhergehenden Herausforderungen umgegangen sind und umgehen. Seien es finanzielle Engpässe oder gar existenzbedrohende Ausfälle, der Wegfall von persönlichen Treffen und gemeinsamen Arbeitsbereichen oder die zusätzlichen Belastungen im Arbeitsalltag durch sich ständig verändernde Rahmenbedingungen.

Für den Schwerpunkt haben wir eine Vielzahl von Kollektivbetrieben angefragt und sie gebeten, uns an ihren Erfahrungen der letzten Monate teilhaben zu lassen. Wir wollten wissen, inwiefern sie von den Corona-Maßnahmen betroffen waren und wie sie als Kollektiv darauf reagiert haben. Erfreulicherweise haben sich Kollektive aus unterschiedlichen Bereichen und verschiedenen Städten zurückgemeldet. So ist ein lesenswerter und abwechslungsreiche Schwerpunkt entstanden, der vor allem eines deutlich macht: Die Kollektive waren handlungsfähig und haben versucht, die Belange aller Betroffenen miteinzubeziehen. Oder wie das Café-Kollektiv aus Marburg (Seite 10) schreibt: »Unsere Struktur, die von Solidarität, gleichen Rechten und konsensuellen Aushandlungsprozessen bestimmt ist, hat ihre großen Stärken gezeigt.«

Die finanziellen Einschnitte waren für alle Kollektive die größte Herausforderung – und sind es teilweise immer noch. Staatliche Hilfen und/oder Kurzarbeitergeld wurden zwar in Anspruch genommen, haben aber oft nicht gereicht. So war es auch die Solidarität von außen, die die Betriebe am Laufen gehalten hat. Die Regenbogenfabrik in Berlin (Seite 11) hat Spenden aus ihrem jahrzehntelang aufgebauten Netzwerk erhalten – und konnte so die Existenzangst vorübergehend überwinden. Und auch interne Solidarität erhöht die Resilienz, wie das Locura-Kollektiv aus Köln berichtet (Seite 9): »Dadurch dass wir unseren Lohn selbst bestimmen und finanziell solidarisch sind, uns gegenseitig sichern, haben wir eine viel höhere Resilienz.« Trotzdem haben die Betriebe an finanzieller Sicherheit eingebüßt, Rücklagen aufgebraucht und Investitionen verschoben.

Auch ein Gefühl von Isolation konnten die Kollektive teilweise nicht vermeiden, wenn es keinen Kontakt mehr zu Gästen gab, nur noch in festen Teams gearbeitet wurde oder Arbeitsbereiche zueinander Abstand gehalten haben. Gemeinsame Treffen und Plena haben nicht mehr stattgefunden oder wurden ins Internet verlagert, während die Kollektivist*innen auch damit beschäftigt waren, ihr Privatleben auf die Reihe zu kriegen.

Die Krise wird auf jeden Fall weiterhin Spuren hinterlassen. Ein Zurück zum alten Tagesgeschäft sei keine leichte Aufgabe, schreibt Michael Spiegel vom »Arsch und Friedrich«-Kollektiv in Nürnberg (Seite 10). Und teilweise ist ein Zurück auch noch gar nicht möglich. Für das ehemalige Buskollektiv »Auf Extratour« aus Köln (Seite 12) ist immer noch unklar, welche Reisen stattfinden dürfen. Von Planungssicherheit kann also noch keine Rede sein. Trotzdem sind alle Kollektive vorsichtig optimistisch und sind sich einig, dass sie weitermachen wollen.

(Mein Schwerpunkt in der November-Ausgabe 2021 der CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation.)

Mehr Infos zu der Ausgabe findet ihr hier.

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