»Entwicklungspolitik ist im Grunde ein Nebenschauplatz«

Im Post-Development wird das Konzept von Entwicklung hin zu »einer Welt«
in Frage gestellt und über eine Welt, in der viele Welten Platz haben, nachgedacht.

Herr Ziai, Sie sprechen in einem Ihrer Texte von der »Erfindung der Unterentwicklung«. Es gibt also gar keine unterentwickelten Länder?

Ja, genau das ist die steile These. »Entwicklung« ist im Grunde eine soziale Konstruktion, die stark verwoben ist mit Machtverhältnissen. Das heißt nicht, dass es keine Unterschiede in den Lebensverhältnissen der Menschen gibt – das ist ja offenkundig. Die gab es aber auch schon, bevor der Entwicklungsbegriff eingeführt wurde. Und vorher, also bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wurden sich im Norden wenig Gedanken um die Lebensstandards in den Kolonien gemacht.


Aram Ziai ist Leiter des Fachgebiets Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel, das 2014 als Heisenberg-Professur der Deutschen Forschungsgemeinschaft entstanden ist. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, postkoloniale und Post-Development-Ansätze und Globale Politische Ökonomie. Mit ihm sprach Regine Beyß.


Was brachte den Umschwung?

Nach dem Zweiten Weltkrieg trafen Dekolonialisierung und die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West aufeinander. Die ehemaligen Kolonien sollten mit dem Versprechen auf »Entwicklung« und Entwicklungshilfe davon abgehalten werden, zum Kommunismus überzulaufen. US-Präsident Truman war der erste, der 1949 von »unterentwickelten Ländern« sprach und ein »Entwicklungsprogramm« ankündigte. Für ihn war die Armut dieser Länder Hindernis und Bedrohung zugleich: ein Hindernis, weil die Menschen zu arm waren, um einen Markt für US-amerikanische Waren darzustellen; eine Bedrohung, weil sie sich dem kommunistischen Lager anschließen könnten.

War die Idee von Entwicklungshilfe nicht vor allem, die Armut zu beseitigen?

Die grundlegende Idee war, dass es kein Widerspruch sein muss, zu investieren und gleichzeitig den Armen zu helfen. Das ist bis heute so, wenn zum Beispiel von »Win-Win-Lösungen« die Rede ist, die allen zugute kommen. In meiner Wahrnehmung haben in den letzten Jahrzehnten die geopolitische und die außenpolitische Komponente in der Entwicklungspolitik etwas an Bedeutung verloren, zugunsten des dritten Motivs, der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen vor Ort. Das ist natürlich auch die Hauptmotivation von vielen Menschen, die in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) tätig sind. Hinzu gekommen – vor allem seit 2015 – ist das Motiv der Migrationsverhinderung.

Die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern, damit sie ihre Heimat nicht verlassen müssen, klingt doch nach einer guten Strategie.

Ich stimme an der Stelle der Hilfsorganisation »medico international« zu, die nicht nur ein Recht zu bleiben, sondern auch ein Recht zu gehen fordert. Es geht darum, die Selbstbestimmung der Menschen an die erste Stelle zu setzen. Es gibt indigene Gemeinschaften, die wollen mit dem westlichen Lebensstil nichts zu tun haben – und das ist ihr gutes Recht. Andererseits gibt es Menschen, die gerne in Deutschland leben wollen – und auch das ist ein legitimes Ziel.

Die Geberländer der OECD steigerten 2020 ihre Beiträge für besonders arme Staaten auf einen Rekordwert von 160 Milliarden Euro. Deutschland lag hinter den USA auf Platz 2 der Geberländer und hat die Zielmarke von 0,7 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung sogar überschritten. Ist das ein gutes Zeichen?

Viele NRO haben jahrelang gefordert, dass Deutschland endlich diese Zielmarke erreicht. Massiv geändert hat das aber nichts. Man muss dazu sagen, dass die Zielmarke nur erreicht wurde, weil Aufwendungen für Geflüchtete hier vor Ort einberechnet werden. Ungefähr ein Drittel der Gelder bleibt sowieso in den Geberländer, weil sie zum Beispiel als Honorare an Mitarbeiter*innen der EZ gezahlt werden. Auch dann ist es zwar noch eine große Summe, in Relation zu anderen globalen Geldflüssen ist es aber ein Klacks. Allein der Schuldendienst aus dem globalen Süden beträgt jährlich rund 600 Milliarden Euro.

Sie kritisieren, dass manche Projekte der EZ sogar schädlich sind. Wie kommen Sie darauf?

Seit den 1990er Jahren gibt es Studien darüber, wie viele Menschen aufgrund von Entwicklungsprojekten vertrieben werden und ihren Lebensunterhalt verlieren. Das sind häufig Infrastrukturprojekte, wie zum Beispiel Staudämme, aber auch Naturschutzprojekte. Die Schätzungen besagen, dass pro Jahr 10 bis 15 Millionen Menschen von Projekten vertrieben werden, die eigentlich den Lebensstandard in ihrem Land verbessern sollten.

Hat die Entwicklungshilfe denn keine Erfolge zu verzeichnen?

Grundsätzlich muss sich auch eine – nach den westlichen Standards – erfolgreiche EZ fragen, inwiefern sie nur ein Feigenblatt für das kapitalistische System und globale Machtverhältnisse ist. Aber natürlich gibt es auch sinnvolle Projekte, die mit Entwicklungsgeldern finanziert werden, zum Beispiel wenn Indigene in Bolivien über ihre Bürgerrechte aufgeklärt werden und sich dies in Wahlergebnissen niederschlägt. Wenn man ein Ende der Entwicklungshilfe fordert, dann verlieren auch solche Projekte ihre Finanzierung.

Was sollte man denn stattdessen fordern?

Da fällt mir ein Leitspruch aus den 1980er Jahren ein: »Eure Almosen könnt ihr behalten, wenn ihr gerechte Preise zahlt.« Die Entwicklungspolitik ist im Grunde ein Nebenschauplatz. Aus einer linken Perspektive, die auf globale Gerechtigkeit abzielt, sollte man sich nicht an einem Entwicklungsapparat abarbeiten, der irgendwie den Armen helfen, aber den Reichen nicht auf die Füße treten will. Der Entwicklungsdiskurs ist eurozentrisch und entpolitisiert die globalen Machtverhältnisse – und um die sollte es gehen: Strukturen des Welthandels, multinationale Konzerne, EU-Fischfangflotten am Horn von Afrika … Und dann landen wir bei Forderungen nach einem Recht auf Land, einem Recht auf Mobilität und nach lokaler Demokratie.

Inwiefern können Post-Development-Ansätze dabei eine Orientierung bieten?

Diese Ansätze stellen das Paradigma von Entwicklung grundlegend in Frage, also die Annahme, dass es einen allgemeingültigen Maßstab gibt, an dem alle Länder und Gesellschaften gemessen werden können. Das wird den Unterschieden, die weltweit in der Vorstellung von einem guten Leben existieren, nicht gerecht. Das westliche Gesellschaftsmodell wird als das überlegene dargestellt, das alle anderen Länder auch anstreben sollten. Das gilt letztlich auch für die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs), die weiter auf Wirtschaftswachstum und technologischen Fortschritt setzen.

Was ist die Alternative?

Da unterscheiden sich die Post-Development-Ansätze auch untereinander. Die einen plädieren für eine Rückkehr zu Subsistenzwirtschaft. Die anderen wollen den Menschen nicht absprechen, ihren Lebensstil frei zu wählen – allerdings muss auch das in Zeiten des Klimawandels überdacht werden. Denn das westliche Modell der »imperialen Lebensweise« kann nur aufrechterhalten werden mit einem massiven Zugriff auf billige Arbeit und billige Rohstoffen aus dem globalen Süden. Wir müssten unseren Energie- und Ressourcenverbrauch eigentlich um 80 bis 90 Prozent reduzieren – aber das will hier natürlich niemand hören.

Die »Entwicklungsprobleme« liegen also eher im globalen Norden?

Im Entwicklungsdiskurs hat der globale Süden Probleme, die mit dem Wissen aus dem Norden gelöst werden können. Es gibt ja zum Beispiel keine Expert*innen aus dem globalen Süden, die Menschen in Europa etwas über Ökologie oder Suffizienz erzählen – das ist nahezu undenkbar. Und dieses Denken hat seinen Ursprung im Kolonialismus, wo Differenz zu Europa als Rückständigkeit und die eigene Gesellschaft als Ideal angesehen wurde. Von dieser Denkweise sollten wir uns lösen und stattdessen überlegen, was wir von indigenen Völkern lernen könnten. Welche gesellschaftlichen Leitziele könnte es jenseits von »Entwicklung« und Wachstum geben? Solidarität und Gastfreundschaft sind ja auch mögliche Zielvorstellungen für eine Gesellschaft. All das wird – jenseits von aller Romantisierung – deutlich in Ideen der Post-Development-Autor*innen.

Woher stammen diese Ideen?

Das Wissen kommt vor allem aus sozialen Bewegungen des globalen Südens, denen klar wurde, dass die Universalisierung des westlichen Modells nur für wenige Menschen funktioniert hat. Es gab eine Frustrationserfahrung, weil die Entwicklungsversprechen des »American Dream« sich nicht erfüllt haben. Und noch schlimmer: Das bisherige Leben, zum Beispiel auf dem Land, war einfach nicht mehr tragbar. Das führte zu einer Rückbesinnung auf das Potenzial, das in Selbstorganisierung und lokalen Gemeinschaften steckt. Es ging nicht mehr darum, so zu sein wie der Westen.

Was könnten erste Schritte in eine andere Richtung sein?

Es gibt im Grunde zwei Stoßrichtungen. Zum einen kann man akzeptieren, dass es diesen globalen Kapitalismus gibt, und versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Für die EZ hieße das, lokale Strukturen zu unterstützen und aufzuhören, ständig nach Win-Win-Lösungen zu suchen, von denen auch westliche Unternehmen profitieren. Stattdessen sollten multinationale Konzerne reguliert werden und Auflagen bekommen, damit sie zum Beispiel lokale Lieferketten nutzen und aufbauen. Die Länder des globalen Südens müssten entgegen der Doktrin des Freihandels die Möglichkeit bekommen, ihre eigenen Industrie zu schützen.

Das klingt zum jetzigen Zeitpunkt ganz schön utopisch.

Und ist eigentlich noch nicht utopisch genug. Denn der andere Weg wäre, den massiven Umbau hin zu einer ökologischen und solidarischen Lebensweise voranzutreiben und aufzuhören, Wirtschaft als Wettbewerb zu begreifen. Wir müssten vom »homo oeconomicus« hin zu einem »homo communis». Für uns im globalen Norden hieße das, unseren privilegierten Lebensstil als Verlust zu begreifen, der anderen Menschen etwas wegnimmt. Und es könnte auch heißen, über unser Verständnis von Demokratie und Staat nachzudenken. In unserem Politikverständnis spielt das Konzept der Trusteeship, also der Treuhänderschaft, eine wichtige Rolle. Demnach gibt es immer Expert*innen, die besser Bescheid wissen als andere und anhand dessen Entscheidungen treffen – auch gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung. Aktuelle Beispiele bei uns sind die Räumungen von Hambacher oder Dannenröder Forst oder Stuttgart 21.

Gibt es Orte, wo diese ökologische und solidarische Lebensweise schon funktioniert?

Gerade erst waren die Zapatistas auf einer Delegationsreise in Europa unterwegs. In Chiapas schaffen sie es mit mehreren hunderttausend Menschen, in selbstorganisierten Strukturen zu leben – und das trotz der massiven Angriffe des mexikanischen Staates. Ein anderes Beispiel in Indien ist die Initiative »Vikalp Sangam«, die versucht, alternative Ansätze in ökonomischen, sozialen und ökologischen Fragen zu erforschen und eine Plattform für ihre weitere Verbreitung zu schaffen.


Dieses Interview erschien in der Ausgabe 02/2022 von OXI – Wirtschaft anders denken.

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