Bei uns ticken die Uhren anders

Eine Entscheidung im Konsens zu treffen, braucht seine Zeit. Menschen aus selbstorganisierten Zusammenhängen wissen das zu gut – seien es Wohnprojekte, Kollektivbetriebe oder Politgruppen. Wir kennen diese langen Diskussionen, die einfach kein Ende nehmen. Entscheidungen, die vertagt oder zähneknirschend getroffen werden, obwohl nicht alle zufrieden sind – nur damit es ein Ergebnis gibt. Hoher Zeitaufwand und Ineffizienz sind auch gern genutzte Argumente gegen Konsensverfahren. Und ja, natürlich findet sich eine Mehrheit in der Regel deutlich schneller als ein Konsens. Warum also überhaupt der Aufwand?

Ich habe mir schon den ein oder anderen Abend um die Ohren gehauen habe, um zu einem Konsens zu finden, und ich habe auch miterlebt, wie solche Verfahren gescheitert sind. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ein Konsens einer Mehrheit überlegen ist. Aus verschiedenen Gründen: 1. Es ist eine gemeinsame Entscheidung. Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um einen Weg, der alle mitnimmt. Es gibt danach keine Minderheit, die überstimmt wurde und das Ergebnis trotzdem akzeptieren muss. Stattdessen sind alle bereit, die Entscheidung zu tragen und im Idealfall auch mit eigenen Kräften bei der Umsetzung mitzuwirken. 2. Es ist eine umsichtige Entscheidung, weil viele verschiedene Perspektiven eingeflossen sind und nicht der erstbeste Vorschlag den Vorzug bekommen hat. Je mehr Menschen beteiligt sind, umso vielfältiger sind Wissen, Erfahrung und Kreativität. 3. Es ist eine nachhaltige Entscheidung. Wenn ich an einem Konsens beteiligt war, habe ich keinen (oder weniger) Grund, im Nachhinein zu schmollen oder die Umsetzung der Entscheidung womöglich zu sabotieren. Weil alle gehört wurden, muss das Thema nicht immer wieder behandelt oder die Entscheidung in Frage gestellt werden. Es sei denn, die Rahmenbedingungen ändern sind.

Darüber hinaus durfte ich in konsensualen Entscheidungsprozessen schon einiges lernen – auch über den Wert von Zeit. So lohnt es sich zum Beispiel immer zu fragen: Müssen wir das wirklich jetzt und hier entscheiden? Viel zu oft lassen wir uns nämlich unter Zeitdruck setzen, wo keiner ist bzw. wir uns von diesem nicht zwangsläufig treiben lassen müssen. Wenn wir uns klar machen, dass wir uns in den meisten Fällen auch mehr Zeit nehmen können (zumindest die Zeit, die wir brauchen), trägt das enorm zu Selbstwirksamkeit und Entschleunigung bei – insbesondere dann, wenn es sich um eine schwerwiegende Entscheidung oder ein sehr komplexes Thema handelt. Es ist nicht nur sprichwörtlich gut, „nochmal drüber zu schlafen“. So bekommen alle die Chance, ein eigenes Verständnis und ein eigenes Gefühl für die Thematik zu entwickeln, statt einfach der Mehrheit zu folgen. Ob wir wollen oder nicht, entstehen trotzdem hin und wieder Sachzwänge und Entscheidungsfristen. Dann ist es umso wichtiger, darauf zu schauen, was dieser Stress mit uns macht und wie wir damit umgehen können.

Apropos Stress und Entschleunigung: Einen Konsens zu finden, erfordert auch andere Strategien der Kommunikation. Es geht nicht so sehr darum, die anderen zu überzeugen und auf die eigene Seite zu ziehen. Vielmehr geht es darum, die Anliegen der anderen zu verstehen und sich auf andere Perspektiven einzulassen. Statt sofort zu reagieren, zum Beispiel mit Kritik und Gegenargumenten, kann ich fragen: Wie geht es mir/dir gerade? Und was ist mir/dir gerade wichtig? Um das hinzukriegen, braucht es oft ein bewusstes Innehalten. Erst dann haben wir die Möglichkeit, aus unseren gewohnten Reiz-Reaktion-Verhaltensmuster auszusteigen und das Stresslevel innerhalb der Gruppe nicht noch weiter zu erhöhen. Und gleichzeitig können wir so dazu beitragen, unseren Prozess effizienter zu gestalten: Denn wer sich gehört und verstanden fühlt, muss sich nicht ständig wiederholen oder auf seine Meinung pochen.

Ein Konsensverfahren kann uns also vor allem Zeit schenken. Wir bekommen mehr Zeit, die Fragestellung besser zu verstehen und uns eine Meinung dazu zu bilden. Wir bekommen mehr Zeit, uns selbst und unsere Mitstreiter*innen besser kennenzulernen. Und wir bekommen mehr Zeit, die bestmögliche Lösung für alle zu finden.

Das Problem ist, dass die meisten von uns eine solche konsensorientierte Haltung nicht gelernt haben – schließlich funktionieren weite Teile von Wirtschaft, Politik und Bildung völlig anders. Was es braucht, ist also viel Übung und Geduld – bis langsam ein Kulturwandel stattfindet. Und dafür nehme ich mir gerne Zeit.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Ausgabe 12/20 von OXI – Wirtschaft anders denken. Link: oxiblog.de

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