Nach G20: Mein Gefühlskarussell und offene Fragen

Ich sollte vielleicht einfach kein Radio mehr hören, keine Zeitung mehr lesen – von Twitter und Facebook ganz zu schweigen. Überall schreit mich die Berichterstattung über die Gipfelproteste in Hamburg an. Und ich bin überfordert, gleich aus mehreren Gründen: Persönliche Erlebnisse müssen irgendwie verarbeitet werden, gleichzeitig habe ich das Gefühl, mich politisch-strategisch positionieren zu müssen. Ich möchte meine Erlebnisse in einen Kontext stellen, der irgendeinen Sinn ergibt. Damit ich irgendwas mitnehmen kann, damit ich einen Punkt machen kann – und nicht auf meinem Frust, meiner Wut und meiner Traurigkeit sitzen bleibe.

Während ich beginne, über Fragen und Formulierungen nachzudenken, braut sich in meinem Bauch wieder einiges zusammen. Da sind viele Gefühle, mit denen ich im Moment noch nicht so viel anzufangen weiß. Zumindest habe ich inzwischen gelernt, sie zu erkennen und wahrzunehmen. Also vielleicht lohnt es sich, sie einfach mal auseinander zu dröseln, um einen Schritt weiterzukommen:

Ohnmacht

Vor G20 hatte ich große Zweifel, ob ich überhaupt nach Hamburg fahren sollte. Ich war skeptisch, ob solche Gipfelproteste etwas bewirken können. Ob ich meine Energie nicht in andere Dinge stecken sollte. Jetzt bin ich zurück und habe nicht das Gefühl, irgendwas erreicht zu haben. Stattdessen bin ich leer und ausgelaugt, weil es sich wie ein Kampf gegen Windmühlen anfühlte – und zwar sehr gewalttätige und schmerzhafte Windmühlen. Die Konfrontation mit der Polizei, die ich auch körperlich zu spüren bekam, hat mich fassungslos zurückgelassen. Ja, das war erwartbar und ich hatte geahnt, was auf mich zukommt. Nichts desto trotz bleibt es eine einschneidende Erfahrung, Schläge ins Gesicht zu bekommen, auf den Boden geworfen und übertrampelt zu werden, ohne Rücksicht auf Verluste und  ohne ersichtlichen Grund.

Natürlich trat ab diesem Moment der politische Inhalt meines Protests in den Hintergrund. Ich war damit beschäftigt, mich zu schützen, irgendwie Ruhe zu bewahren und einen Ausweg aus der Situation zu finden. Und seitdem ist in meinem Kopf wenig Platz für politische Analyse. Ständig denke ich nur: „What the fuck! Wie kann das sein?“ Das gleiche passiert in den Medien: Überall geht es nur noch um gewalttätige Konfrontationen zwischen Polizei und Aktivist*innen. So eine verkürzte Darstellung der Ereignisse spielt natürlich allen in die Hände, die jetzt von einer „Extremistendatei für Linke“ sprechen und autonome Zentren schließen wollen, weil da die nächsten Krawalle geplant werden.

Ich fühle mich ohnmächtig, weil die Dinge, die mir wichtig sind, in diesem Bild nirgendwo auftauchen. Weil der gesamte Protest kriminalisiert wird. Weil ich grundlos niedergeknüppelt wurde. Und weil ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Wie soll sich in dieser Welt je etwas ändern?

Sollten wir diese Gipfel vielleicht einfach ignorieren und währenddessen unser Ding machen? All die Politiker*innen und Beamt*innen ins Leere laufen lassen, weil wir uns nicht mehr für sie interessieren? Ein charmanter Gedanke. Oder bloße Naivität? Das, was ich in Hamburg erlebt und gesehen habe, ist die Welt, in der ich lebe. Leider. Wäre es nicht fahrlässig, das auszublenden?

Stolz und Solidarität

Ein Teil von mir ist froh, dort gewesen zu sein, weil ich um einige Erfahrungen reicher bin, auch wenn es hauptsächlich schlechte waren. Und ein Teil von mir ist stolz auf die vielen Menschen, die sich nicht haben unterkriegen lassen von all den Machtdemonstrationen des Staates. Sie wollten dem G20-Gipfel etwas entgegensetzen, ihn nicht unkommentiert geschehen lassen. Die Frage ist aber, ob das alles nicht einkalkuliert war und ob wir nicht ein Drehbuch bedient haben, das andere geschrieben haben. Wir haben den Gipfel weder verhindert noch inhaltlich beeinflusst. Die neoliberal-kapitalistische Welt wird sich unbeirrt weiter drehen. Und in dieser Welt ist es egal, wie viele Aktivist*innen im Krankenhaus waren, verletzt nach Hause gefahren sind oder ein Trauma davon getragen haben. (Und das ist ja immer noch eine sehr privilegierte Sicht auf die Dinge: Wie viele Menschen leiden, weil sie in diesem globalen System auf Seiten der Verlierer*innen stehen?)

Traurigkeit

Das wiederum macht mich traurig: Wir leben in einer solchen Welt, obwohl wir sie anders gestalten könnten. Alternativen gibt es genug und viele davon werden auch schon umgesetzt. Aber sie entfalten bisher nicht die Wirkungsmacht, die es bräuchte. Mit den Aktivist*innen sind auch viele Visionen einer anderen Welt nach Hamburg gekommen. Menschen waren und sind solidarisch miteinander, sie achten aufeinander, sie orientieren sich an den Bedürfnissen anderer und sorgen dafür, dass jede*r das bekommt, was er oder sie braucht. Im Grunde mangelt es uns an nichts, es ist genug für alle da – wenn es anders verteilt werden würde und alle einen gleichberechtigten Zugang hätten. Auf dem Globalen Gipfel für Solidarität fanden hunderte Workshops und Diskussionen statt, die sich mit den Alternativen zur Welt der G20 beschäftigten. Dafür lohnt es sich doch, zu kämpfen!

Aber wie kann dieser Kampf aussehen?

Wut

Ich werde wütend, wenn ich zu Unrecht angegriffen und verletzt werde. Ich werde wütend, wenn legitimer Protest verhindert und kriminalisiert wird. Und deshalb kann ich die Gegenreaktionen verstehen. Ich halte sie nicht alle für sinnvoll, manche sind in meinen Augen sogar kontraproduktiv. Sicher waren auch einige Aktionen dabei, bei denen es nicht mehr um ein politisches Statement ging. Aber ich finde es wichtig, all das in einen größeren Kontext zu stellen: Jeden Tag leiden Menschen unter struktureller, physischer und psychischer Gewalt. Die meisten Aktivist*innen, die in Hamburg waren, wollen genau daran etwas ändern.

Ich persönlich merke, dass es mir manchmal richtig schwer fällt, freundlich und sachlich zu bleiben, um „möglichst viele Menschen mitzunehmen“. Ja, natürlich ist das wichtig. Ich glaube ja auch nicht, dass die Lösung darin liegt, sich ständig nach allen Seiten abzugrenzen und so zu tun, als hätten wir die politische Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber es baut sich ein gewisses Level an Frust auf, das mich manchmal zu radikaleren und kompromissloseren Forderungen und Handlungen treibt. Ich bin „erst“ seit fünf Jahren politisch aktiv und beobachte, wie gefühlt alles immer schlimmer wird, obwohl sich so viele Menschen bemühen, Dinge zu verändern.

Ja, Protest soll Spaß machen, andere Menschen mit positiver Energie anstecken und lösungsorientiert sein. Aber es gibt Tage (und Wochen), in denen bin ich hochgradig gefrustet – und da kann ich kein freundliches Lächeln mehr aufsetzen, wenn mir jemand erzählt, dass die Parole „Haut ab!“ ja nicht besonders konstruktiv ist. Manchmal ist das Maß einfach voll. Und dann bin ich wütend. Dann will ich die Dinge benennen (und herausschreien), wie sie sind und nicht mehr in gewaltfreie Watte packen. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich damit Leute von mir wegstoße und gegen mich aufbringe. Es wäre schön, wenn es mit solchen Wutausbrüchen einen anderen Umgang gäbe. Dass Menschen, die aktiv gegen die herrschenden Strukturen kämpfen, wütend sein dürfen, ohne direkt verurteilt zu werden. Das heißt nicht, dass ich mich mit allen Aktionsformen identifizieren muss. Aber dass ich mir anschaue, wo diese Wut ihren Ursprung hat.

Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Menschen ihre Wut auch selbst reflektieren und sich nicht zu Dingen hinreißen lassen, die ihrer Sache eigentlich nicht dienlich sind. Kritik an Aktionsformen muss möglich sein, ohne als unsolidarisch abgekanzelt zu werden. Ich würde gerne darüber diskutieren, welche Rolle (männliches) Ego und blinder Aktionismus bei solchen Protesten spielt? Und wie wir damit umgehen können, wenn die Polizei und der Staat genau das instrumentalisieren?

Wie weiter?

Ich befürchte, dieser Text wird kein gutes Ende finden. Ich würde gerne etwas schreiben über „den Mut nicht verlieren“ und „sich nicht unterkriegen lassen“. Aber das wäre im Moment nicht wirklich authenthisch. Ich bin überfordert und habe viele Fragen in meinem Kopf. Einige davon habe ich jetzt formuliert, andere werden noch folgen. Und die Antworten werden wahrscheinlich auch noch auf sich warten lassen. Vielleicht muss ich auch lernen, Dinge stehen zu lassen; die Ratlosigkeit, Traurigkeit und Erschöpfung aushalten und abwarten, was sich daraus entwickelt. Ich hab zwar keine Ahnung, ob der Ausflug nach Hamburg das wert war, aber es meldet sich ganz leise die Hoffnung, etwas gelernt und neuen Denkstoff bekommen zu haben. Der Kampf geht weiter – in welcher Form auch immer.

Weiterlesen:

Die Qual der Wahl: Politische Strategien (Mai 2015)

Ohne Polizei und Pfefferspray: Antikapitalismus konkret (November 2012)

Ja, ich war in Frankfurt. Aber … (zu M31-Protesten, April 2012)

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4 Kommentare zu “Nach G20: Mein Gefühlskarussell und offene Fragen

  1. Liebes Mädchen im Park, nach Hamburg gefahren zu sein obwohl jede*r von uns wusste, was an Gewalt dort droht, ist schon etwas, worauf du auch stolz sein kannst. Beim Gegengipfel aktiv gewesen zu sein und für die eigenen Ideale einzustehen und sie weiterzuvermitteln, darf etwas sein, dass dich auch weiterhin stolz macht und positiv nach vorne blicken lässt. Das wollte ich zu deinen Gefühlen loswerden.
    Ansonsten.. ja.. Ratlosigkeit und Verwirrung sind auch Gefühle, die bei mir zurückbleiben. Ich kann gut nachvollziehen, wenn du schreibst, dass das Maß einfach manchmal voll ist und man die Wut hinausschreien will und dass man das auch tun dürfen sollte.
    Und dass über die Gründe für Wut, die in Hamburg zum Ausdruck kam, in den meisten Medien kaum berichtet wird, ist einfach scheiße. Dass Einzelne ihre Wut aber nicht im Griff haben, können wir trotzdem nicht leugnen. Leider. Die Debatten, welche Rolle blinder, vorschneller Aktionismus und zu viele Gewalt bei Protesten spielen, müssten jetzt folgen im eigenen Lager, da stimme ich dir zu.
    Die Frage, wie man verschiedene Formen des Protests nebeneinander stellen kann, ist auch eine, die mich mehr und mehr beschäftigt. Wenn viele für ähnliche Ziele kämpfen, jedoch mit unterschiedlichen Mitteln, wie kriegt man das dann unter einen Hut, bzw. muss man das überhaupt? Muss man anschlussfähig bleiben? Sollte man? Und sollte man sich mit Menschen, die andere Formen des Protests wählen, sowohl solidarisieren als auch diese kritisieren dürfen?

  2. Es gibt eine Sache, die gar nicht in Frage kommen darf: den (gewaltfreien) Protest einstellen. Ansonsten: Kopf hoch. Die Leere wird irgendwann weichen, und die aktuell überhitzte Diskussion mit ihrem Vorschlagsaktionismus sachlicher werden.

  3. Pingback: Nach G20: Mein Gefühlskarussell und offene Fragen — Das Mädchen im Park – ★ VICTORY ★ VIKTORIA ★

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